80 ff.

Kleine Zeitung Steiermark - - KULTUR -

Dem deut­schen Re­dak­ti­ons­dienst­leis­ter „Pla­net In­ter­view“er­klär­te er ein­mal sein ob­li­ga­tes Ar­beits­pen­sum: „Wenn ich da­heim in den USA bin, be­gin­ne ich um 8 Uhr und hö­re – in­klu­si­ve Es­sens­pau­sen da­zwi­schen mit der Fa­mi­lie – um et­wa 23 Uhr auf.“

Ob Phi­lip Glass im­mer noch zwölf St­un­den täg­lich kom­po­niert, ist nicht über­lie­fert. An­neh­men muss man es aber fast, denn der Nim­mer­mü­de lebt für die und in der Mu­sik und hat­te schon im­mer Lust auf al­le nur mög­li­chen Pro­jek­te: „Da bin ich wie das Kind auf dem Kin­der­ge­burts­tag, das im­mer die gan­ze Tor­te al­lein es­sen will.“

Ge­nau heu­te ist das ewi­ge Kind 80 Jah­re jung. An­ge­kom­men in ei­nem Al­ter, in dem an­de­re höchs­tens bis zu den Haus­pat­schen vorm Bett den­ken. Phi­lip Glass aber ist schon wie­der ei­nen Schritt wei­ter (ff – fast for­ward, for­tis­si­mo!). An sei­nem Ge­burts­tag be­schenkt er das New Yor­ker Pu­bli­kum und sich mit der Urauf­füh­rung sei­ner Sym­pho­ny No. 11 durch das Bruck­ner Orches­ter Linz un­ter Dennis Rus­sell Da­vies (sie­he Mit­tel­spal­te rechts).

Für das Fest­kon­zert zu Eh­ren des Ame­ri­ka­ners, bei dem auch sein vom Sam­ba in­spi­rier­tes „Days and Nights in Ro­cin­ha“er­klingt und die aus dem Be­nin stam­men­de fran­zö­sische Vo­ka­lis­tin An­gé­li­que Kid­jo „Ifé: Th­ree Yorùbá Songs“in­ter­pre­tiert, muss­te die Car­ne­gie Hall so­gar ihr Platz­kon­tin­gent aus­wei­ten.

Das hät­te sich Phi­lip Glass wohl auch nie träu­men las­sen, als er mit 42 Jah­ren im Ta­xi durch den Big App­le fuhr. Am Steu­er näm­lich. Zwar war er durch die 1976 in Avi­gnon ur­auf­ge­führ­te Oper „Ein­stein on the Beach“, sei­ne ers­te Ko­ope­ra­ti­on mit Re­gie­zau­be­rer Ro­bert Wil­son, be­reits welt­weit be­ach­tet. Aber er trau­te dem spä­ten Ruhm nicht recht: „Wenn ich da­mals Geld brauch­te, ging ich halt zur Ta­xi-zen­tra­le und ließ mir die Schlüs­sel ge­ben.“

Trotz sei­ner Zwei­fel zähl­te Glass bald zu den gro­ßen Kom­po­nis­ten Ame­ri­kas, mit Ste­ve Reich und Ter­ry Ri­ley zum Drei­ge­stirn der Mi­ni­mal Mu­sic. Aber die­ser Be­griff, den er selbst nicht mag, ist bei ihm oh­ne­hin ei­ne Ver­kür­zung. Denn der Sohn ei­nes jü­di­schen Plat­ten­händ­lers aus Bal­ti­more lieb­te es schon im­mer ma­xi­mal: so neu­gie­rig, lust­voll, of­fen wie mög­lich. Nicht nur in der Mu­sik.

Ma­the­ma­tik und Phi­lo­so­phie eben­so wie Zwölf­ton­tech­nik. Er ließ sich vom Si­tar­vir­tuo­sen Ra­vi Shan­kar für in­di­sche Mu­sik be­geis­tern, wur­de Bud­dhist und un­ter­stütz­te den Da­lai-la­ma. Mit Hyp­no­se­klän­gen zum zi­vi­li­sa­ti­ons­kri­ti­schen Do­ku­men­tar­film „Koyaa­nis­qatsi“er­ober­te er Fans ab­seits der Avant­gar­de­zir­kel, schuf aber auch Sound­tracks zu Main­stream­strei­fen wie „Die Tru­man Show“oder „Re­zept zum Ver­lie­ben“.

Ko­lum­bus, Ke­p­ler, Kaf­ka, Dis­ney ...? Für ihn al­le­samt Fi­gu­ren für künst­le­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung. Paul Si­mon, Da­vid Bo­wie, Bri­an Eno, Leo­nard Co­hen ...? Brü­der im Geis­te, im Stu­dio, auf der Büh­ne. „Ta­bus – al­so Din­ge, die ei­gent­lich ver­bo­ten sein soll­ten – sind oft am in­ter­es­san­tes­ten“, weiß Phi­lip Glass. Sei­nen Ho­ri­zont sah und sieht er wei­ter­hin nur, um ihn zu er­wei­tern. Aber heu­te heißt’s ein­mal or­dent­lich fei­ern in New York. Al­so, Phi­lip G., al­les Gu­te zum Kin­der­ge­burts­tag! Und Dir und uns noch vie­le Tor­ten!

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