Leuch­ten­de Klän­ge und ech­te Hand­ar­beit

Der blin­de Kla­vier­stim­mer Jo­sef Kanz­ler be­geis­ter­te einst mit dem Chro­ma­to­phon das Pu­bli­kum. Sein Sohn Sieg­fried bau­te in Graz Cem­ba­los von Welt­rang.

Kleine Zeitung Steiermark - - STEIERMARK -

In Graz wa­ren sie in den 50er­jah­ren al­len be­kannt, die Mar­ke­ting-gags des Kla­vier­hau­ses Kanz­ler. Zu Mes­se­zei­ten stand et­wa am Ja­ko­mi­ni­platz ei­ne Säu­le mit ei­nem ech­ten Kla­vier. Au­ßer­dem fuhr ein Vw-kä­fer durch die Stadt, der ei­nen Flü­gel auf dem Dach trans­por­tier­te.

Die un­ge­wöhn­li­chen Wer­be­stra­te­gi­en pass­ten zu den In- ha­bern des Kla­vier­hau­ses, denn be­son­de­re Men­schen schaf­fen auch be­son­de­re Din­ge. Jo­sef Kanz­ler war wohl so ein Mann, der – trotz sei­ner Blind­heit – nicht nur das Kla­vier­haus in Graz auf­ge­baut und ge­führt hat, er er­fand auch das Chro­ma­to­phon, ei­ne Art Licht­or­gel.

Ob­wohl er Licht selbst gar nicht se­hen konn­te, schuf er da­mit ein In­stru­ment, das je­dem ei­ne ei­ge­ne Far­be zu­ord­ne­te, je­der Klang leuch­te­te an­ders. Zu die­sem Zweck hat­te er ei­nen Ehr­bar-kon­zert­flü­gel mit ei­ner Se­rie von Schal­tern für far­bi­ge Glüh­lam­pen und Pro­jek­to­ren aus­ge­stat­tet. „Ins­ge­samt 72 klei­ne Schein­wer­fer wa­ren mit je ei­ner Tas­te des Flü­gels ver­bun­den“, heißt es in dem Buch „Klang­ma­schi­nen zwi­schen Ex­pe­ri­ment und Me­dien­tech­nik“(H. Da­ni­el Geth­mann, tran­script 2010).

So war der Sie­ges­zug des Chro­ma­to­phons qua­si pro­gram­miert, das Ex­pe­ri­ment ge­ra­de­zu en vogue. Schon bald gab es gro­ße Auf­trit­te. In Zu­sam­men­ar­beit mit dem bal­ti­schen Pia­nis­ten Graf Ana­tol Vie­ting­hoff-scheel trat Jo­sef Kanz­ler zu­nächst in Wi­en, um 1930 auch in Graz auf. Vie­ting­hoff-scheel spiel­te Kla­vier­stü­cke von Schu­mann, Cho­pin, Rach­ma­ni­now und Skrja­bin und das Farb-ton-pro­gramm er­schien im Rhyth­mus der Me­lo­die auf ei­ner gro­ßen ge­bo­ge­nen Milch­glas­wand im Art­dé­co-stil, die sich in ei­ner L-för­mi­gen Kur­ve über ei­ne Sei­te der Büh­ne er­streck­te und vom Ma­ler Franz Köck her­ge­stellt wor­den war. Die­se Ku­lis­se wur­de von der „Gra­zer Mon­tags­zei­tung“am 9. 12. 1929 als „ei­ne schwe­re­lo­se Dich­tung in Säu­len, Pris­men und Ke­gel­ton­nen“be­schrie­ben.

Das Pu­bli­kum war be­geis­tert. In Graz gab es auch ei­ne Kon­zert­vor­füh­rung im Ste­pha­ni­en­saal – ein ganz be­son­de­rer Er­folg für Jo­sef Kanz­ler, war er doch ei­gent­lich sonst eher da­für zu­stän­dig, dass dort die Kon­zert­flü­gel ge­stimmt wa­ren. Doch so schnell die Chro­ma­to­phon-kon­zer­te er­folg­reich wa­ren, so schnell wur­den sie auch wie­der be­en­det. Wäh­rend der Na­zi-zeit muss­ten die Auf­trit­te ab­ge­sagt wer­den, da der Pia­nist zwar ei­nem ur­al­ten Adels­ge­ton

Sieg­fried Kanz­ler war als Kla­vier­stim­mer sehr be­liebt, sei­ne Cem­ba­los wur­den nach Ame­ri­ka, Ma­rok­ko und Grie­chen­land ex­por­tiert KK (2)

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