Selbst­de­mon­ta­ge be­en­den

In der So­zi­al­part­ner­schaft läuft der Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel auf Hoch­tou­ren. Da­mit muss auch ei­ne in­halt­li­che Öff­nung ein­her­ge­hen. Mah­rer wird ei­ne Schlüs­sel­rol­le zu­kom­men.

Kleine Zeitung Steiermark - - TRIBÜNE -

Wir sind so lang­sam“– es war ein Ap­pell, der trotz sei­ner Kür­ze die ge­sam­te emo­tio­na­le Band­brei­te des Re­form­still­stands in Ös­ter­reich in sich barg. Ein bis­serl fle­hend, ein bis­serl lei­dend, ein bis­serl ver­zagt, ein bis­serl­war­nend und mah­nend. Die Zeit: Ok­to­ber 2015. Der Ort: Bad Ischl. Der An­lass: So­zi­al­part­ner­tref­fen. Der Ab­sen­der: Ha­rald Mah­rer, da­mals noch Staats­se­kre­tär. Der Adres­sat: Ös­ter­reichs Po­li­tik im All­ge­mei­nen und die So­zi­al­part­ner im Spe­zi­el­len.

Ab­heu­te ist Ha­rald Mah­rer als neu­er Prä­si­dent der Wirt­schafts­kam­mer im Cock­pit die­ser So­zi­al­part­ner­schaft an­ge­kom­men. Ei­ner In­sti­tu­ti­on mit viel Tra­di­ti­on, mit vie­len Me­ri­ten, aber ei­nem zu­letzt schwer an­ge­kratz­ten Image. Brem­ser, Blo­ckie­rer, Re­form- und Rea­li­täts­ver­wei­ge­rer sind nur ei­ni­ge der Zu­schrei­bun­gen der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Es mag sein, dass man­che­s­ur­teil zu pau­schal aus­ge­fal­len ist. Das hat man sich aber auch selbst zu­zu­schrei­ben. Bei den gro­ßen The­men, et­wa der Ar­beits­fle­xi­bi­li­sie­rung zeig­te sich, wie un­ge­lenk und bis­wei­len kurz­sich­tig die­se So­zi­al­part­ner­schaft ge­wor­den ist. Ei­ne Selbst­de­mon­ta­ge. Ver­hed­dert in ideo­lo­gi­scher Ei­n­en­gung – und das in ei­ner Zeit, in der sich die Ar­beits­welt in atem­be­rau­ben­dem Tem­po ver­än­dert. Al­lein da­durch steht der So­zi­al­part­ner­schaft ei­ne Zä­sur be­vor. Ist das den Ak­teu­ren auch selbst be­wusst? Zu­letzt ka­men Zwei­fel dar­über auf. Die per­so­nel­len Wech­sel an den Schalt­he­beln lau­fen jetzt auf Hoch­tou­ren. Die Ar­bei­ter­kam­mer hat mit Re­na­te An­derl ei­ne neue Prä­si­den­tin, eben­so die Land­wirt­schafts­kam­mer mit Jo­sef Moos­brug­ger. Heu­te folgt Mah­rer. Und Mit­te Ju­ni rückt Wolf­gang Kat­zi­an of­fi­zi­ell an die Spit­ze des Ge­werk­schafts­bunds. Mit neu­en Ge­sich­tern al­lein ist es frei­lich nicht ge­tan. Der per­so­nel­len Neue­rung muss ei­ne in­halt­li­che Öff­nung fol­gen. Auch im ei­ge­nen In­ter­es­se. Denn mitt­ler­wei­le ist klar, dass die tür­kis-blaue Re­gie­rung kei­ne Hem­mun­gen hat, in Do­mä­nen ri­go­ros ein­zu- grei­fen, die einst als macht­po­li­ti­sche Erb­pacht der So­zi­al­part­ner gal­ten. Schon un­ter der Vor­gän­ger­re­gie­rung wur­den ver­ba­le To­des­an­zei­gen auf die So­zi­al­part­ner­schaft auf­ge­ge­ben und Ul­ti­ma­ten ge­stellt. Auch jetzt tickt die Uhr. Bis En­de Ju­ni müs­sen die Kam­mern ih­re Plä­ne – und da­mit ein­her­ge­hen­de Ent­las­tun­gen für ih­re Pflicht­mit­glie­der – vor­le­gen. Sonst sol­len Bei­trags­sen­kun­gen ge­setz­lich ver­ord­net wer­den. Zu­dem na­hen die Be­schlüs­se zur Re­form der So­zi­al­ver­si­che­run­gen. Das al­les birgt Spreng­stoff – aber letzt­lich auch ei­ne Chan­ce für ei­nen Be­frei­ungs­schlag. ah­rer wird ei­ne Schlüs­sel­rol­le zu­kom­men. Agiert er, der Kurz-ver­trau­te, all­zu re­gie­rungs­na­he, könn­te die Spal­tung der einst auf Aus­gleich pro­gram­mier­ten So­zi­al­part­ner vor­an­schrei­ten. Akund­ögbkönn­ten sich in die Rol­le der Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on zu­rück­zie­hen. Es wird ei­nen Mit­tel­weg brau­chen, der aber nicht struk­tur­kon­ser­va­tiv wirkt. Denn­wenn Mah­rers Be­fund aus dem Jahr 2015, „Wir sind so lang­sam“, noch län­ger Be­stand hat, ent­zie­hen sich die So­zi­al­part­ner selbst ih­re Grund­la­ge.

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