Kon­troll­ver­lust bei So­zi­al­hil­fe

Schwarz auf weiß be­stä­tigt jetzt der Rech­nungs­hof Vor­wür­fe ge­gen Wi­ens So­zi­al­hil­fe- Sys­tem: Die Kos­ten für die Min­dest­si­che­rung könn­ten bis 2020 von der­zeit 626 Mil­lio­nen auf 1,6 Mil­li­ar­den € ex­plo­die­ren. Und es gibt mas­si­ve Kon­troll­män­gel: Selbst Frem­de

Kronen Zeitung - - ERSTE SEITE - VON RICHARD SCH­MITT

Wi­en. - Mas­si­ve Kon­troll­män­gel fand der Rech­nungs­hof bei Wi­ens Min­dest­si­che­rung. Die „ Kro­ne“hat den Be­richt

Die Aus­ga­ben Wi­ens für die Min­dest­si­che­rung stuf­te der Rech­nungs­hof als kri­tisch ein. Aus dem Rech­nungs­hof- Roh­be­richt

Der bis­lang von der Wie­ner SPÖ- So­zi­al­stadt­rä­tin San­dra Frau­en­ber­ger und ih­rer Amts­vor­gän­ge­rin Son­ja Weh­se­ly ge­heim ge­hal­te­ne Rech­nungs­hof- Roh­be­richt ( GZ 004.411/ 004- 3A3/ 16) liegt nun im „ Kro­ne“- News­room. Die 123 Sei­ten über das Wie­ner Min­dest­si­che­rungs- Sys­tem müss­ten in der Bun­des- und Stadt­po­li­tik so­fort al­le Alarm­glo­cken schril­len las­sen: Al­les, was ein Whist­leb­lo­wer be­reits im Sep­tem­ber des Vor­jah­res in ei­nem „ Kro­ne“- Interview ent­hüllt hat ( sie­he un­ten), wird nun von of­fi­zi­el­ler Sei­te be­stä­tigt - und es fin­det sich im Prüf­be­richt so­gar noch we­sent­lich mehr Kri­tik an man­geln­der Kon­trol­le und Über­zah­lun­gen.

Hier die wich­tigs­ten Pas­sa­gen des Be­richts:

Kos­ten­ex­plo­si­on: Die Aus­ga­ben für die Min­dest­si­che­rung wer­den von 626 Mil­lio­nen ( 2016) in nur vier Jah­ren auf 1,6 Mil­li­ar­den € ( 2021) stei­gen, zi­tiert der Rech­nungs­hof aus dem Vor­an­schlags­ent­wurf der Stadt Wi­en. Die Prü­fer selbst kom­men auf ei­nen Pl­an­wert von ei­ner Mil­li­ar­de. Auf­grund der oh­ne­hin ex­trem star­ken Neu­ver­schul­dung Wi­ens sei dies „ kri­tisch“.

86,4% An­stieg bei den Min­dest­si­che­rungs­fäl­len

151.058 So­zi­al­fäl­le: In sechs Jah­ren stieg die Zahl der Min­dest­si­che­rungs­emp­fän­ger in der Bun­des­haupt­stadt von 81.000 ( 2010) auf 151.058 ( bis Ju­ni 2016). Da­von sind 84.644 ar­beits­fä­hig, und 60.714 er­hal­ten die Voll­un­ter­stüt­zung oh­ne Ne­ben­ein­künf­te.

Ho­her Aus­län­der- An­teil: Je­der zwei­te So­zi­al­gel­dEmp­fän­ger ( 48,5%) ist ein Nicht- Ös­ter­rei­cher. 2010 lag der An­teil noch bei 29,6%. 12.602 sind aus Sy­ri­en, 8058 aus der Tür­kei.

Ins­ge­samt be­zie­hen in Wi­en 36.300 Asyl­be­rech­tig­te und Schutz­be­dürf­ti­ge. ( An­mer­kung: Bis­her spra­chen of­fi­zi­el­le Stel­len stets von „ knapp über 24.000 Asyl­be­rech­tig­ten in Wi­en“.)

Bei 30.000 Ak­ten fehlt An­ga­be über Na­tio­na­li­tät

14 Be­zü­ge: Ei­ne deut­li­che Mah­nung setzt es für die 14- ma­li­ge Aus­zah­lung der Min­dest­si­che­rung an Lang­zeit­ar­beits­lo­se und Pen­sio­nis­ten. Die Strei­chung die­ser jähr­lich 1676 € pro Per­son wür­de dem Steu­er­zah­ler im Jahr 25,84 Mil­lio­nen € spa­ren.

Man­geln­de Kon­trol­le: Bei der für das Min­dest­si­che­rungs­sys­tem zu­stän­di­gen Ma­gis­trats­ab­tei­lung MA 40 wur­den nur 63% der zur Kon­trol­le vor­ge­schrie­be­nen Ak­ten tat­säch­lich in­tern ge­prüft. Bei vie­len Ak­ten ist je­de Kon­trol­le un­mög­lich - sie sind ver­schol­len. Und bei 30.000 Ak­ten ( al­so ei­nem Fünf­tel der 151.058 Fäl­le) feh­len An­ga­ben über die Staats­zu­ge­hö­rig­keit . . .

Auch oh­ne Aus­weis gibt’s 837 € Min­dest­si­che­rung

Eben­so kri­ti­siert der Rech­nungs­hof: Auch Per­so­nen, die kei­nen Licht­bild­aus­weis vor­wei­sen wol­len oder kön­nen, er­hal­ten in Wi­en mo­nat­lich 837,76 € Min­dest­si­che­rung. Da­zu wird auch an Nicht- Ös­ter­rei­cher, de­ren Auf­ent­halts­be­wil­li­gung ab­ge­lau­fen ist, noch mo­na­te­lang das So­zi­al­geld aus­be­zahlt.

Steu­er­geld für Kin­der, die un­auf­find­bar sind

Zwei­ein­halb Sei­ten wid­met der Rech­nungs­hof den So­zi­al­geld- Über­wei­sun­gen für 6- bis 10- jäh­ri­ge Kin­der. Al­lein bei die­ser Prü­fung fiel auf, dass 27 Kin­der in Wi­en nicht auf- find­bar sind. Und zur Hö­he der So­zi­al­geld- Be­zü­ge stellt der Rech­nungs­hof klar: Die über­wie­gen­de Mas­se ( 89%) der So­zi­al­geld- Be­zie­her er­hält we­ni­ger als 1000 € pro Mo­nat, nur 40 Fa­mi­li­en be­zie­hen mehr als 2500 €. Der Ma­xi­mal­wert lag bei 3250 €. ( Anm.: Mit den Fa­mi­li­en­bei­hil­fe­zah­lun­gen kom­men dann Paa­re mit zehn Kin­dern auf Net­to- Ein­kom­men von 5140 €.)

Ers­te Stel­lung­nah­me aus dem Bü­ro von Wi­ens So­zi­al­stadt­rä­tin San­dra Frau­en­ber­ger, die das Res­sort erst kürz­lich von Son­ja Weh­se­ly über­nom­men hat: Die Kos­ten­kal­ku­la­ti­on der Stadt sei be­reits nach un­ten kor­ri­giert wor­den. Und es be­ste­he „ sehr wohl Aus­weis­pflicht“. Zu­satz: Es gä­be „ Pro­ble­me beim Voll­zug“.

Die An­ga­ben ei­nes Whist­leb­lo­wers in der „ Kro­ne“sind nun be­stä­tigt.

Sie müss­te alar­miert sein: San­dra Frau­en­ber­ger ( links) über­nahm das So­zi­al­res­sort von Son­ja Weh­se­ly, die zu Sie­mens ging.

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