„ Kro­ne“- Le­ser mach­ten

Was er­war­tet die Be­su­cher ab so­fort im neu­en Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich? Noch vor der Er­öff­nung ha­ben drei „ Kro­ne“- Le­ser das Mu­se­um für uns un­ter die Lu­pe ge­nom­men.

Kronen Zeitung - - Reportage -

Über kein Mu­se­um wur­de so viel dis­ku­tiert, vor kei­ner Aus­stel­lung mel­de­ten sich je so vie­le Po­li­ti­ker, His­to­ri­ker und Kom­men­ta­to­ren zu Wort. Ges­tern wur­de es er­öff­net – das neue Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich. Mit der Aus­stel­lung „ Auf­bruch ins Un­ge­wis­se – Ös­ter­reich seit 1918“öff­net es sei­ne Pfor­ten. Wir ba­ten drei Le­ser – Hel­muth, 79, Pen­sio­nist, Elisabeth, 44, Bil­dungs­wis­sen­schaf­te­rin, und Ni­ko­la, 16, Schü­le­rin –, zwei Ta­ge vor der of­fi­zi­el­len Er­öff­nung das Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich zu be­su­chen und über ih­re Ein­drü­cke zu dis­ku­tie­ren.

Die Aus­stel­lung fin­det auf zwei Räu­men statt, auf ins­ge­samt 800 Qua­drat­me­tern. Im ers­ten, klei­ne­ren Raum wird auf die Re­pu­blik­grün­dung und die ers­ten schwie­ri­gen Jah­re des neu­en Staa­tes ein­ge­gan­gen: Aus­ru­fung der Re­pu­blik, Kriegs­heim­keh­rer, Hun­ger­jah­re, Ar­beits- und Per­spek­ti­ven­lo­sig­keit. „ Sehr ge­lun­gen“, fin­den die drei Be­su­cher. „ Man be­kommt ei­nen Ein­druck von die­ser schwie­ri- gen ers­ten Pha­se der Re­pu­blik“, sagt Elisabeth. Dass das neue Haus der Ge­schich­te zu Dis­kus­sio­nen an­regt, zeigt sich, als die drei Be­su­cher sich dem zwei­ten, gro­ßen Aus­stel­lungs­raum zu­wen­den – hier wird die Ge­schich­te Ös­ter­reichs von der Zwi­schen­kriegs­zeit bis ins Heu­te be­han­delt.

„ Zeit­ho­ri­zont ist zu kurz ge­setzt“

Das Ers­te, wor­über die drei Be­su­cher dis­ku­tie­ren, ist aber der Na­me: Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich. Laut Hel­muth passt die Be­zeich­nung Haus der Ge­schich­te nicht. „ Es ist ei­ne Aus­stel­lung. Bei ei­nem Haus der Ge­schich­te muss man die Er­zähl­leis­te viel frü­her an­set­zen, nicht erst 1918.“

Elisabeth fin­det eben­falls „ den Zeit­ho­ri­zont viel zu kurz ge­setzt“. Die Schü­le­rin Ni­ko­la meint: „ Aus An­lass des Ju­bi­lä­ums­jah­res 2018 ist der Be­ginn mit 1918 ab­so­lut ge­recht­fer­tigt, aber bei ei­nem Haus der Ge­schich­te wür­de ich den Be­ginn auch frü­her an­set­zen.“Wann? Hel­muth: „ Min­des­tens bei 1848, es fehlt die Re­vo­lu­ti­on von 1848, die Ent­ste­hung von Kom­mu­nis­mus und So­zia­lis­mus.“Die jüngs­te Be­su­che­rin wür­de so­gar schon bei den Ba­ben­ber­gern be­gin­nen: „ Hier hat schließ­lich die Ent­wick­lung zu ei­nem Land ein­ge­setzt.“Ei­nig sind sich al­le drei da­rin, dass man auf zwei Räu­men die Ge­schich­te Ös­ter­reichs nicht er­zäh­len kann.

Im zwei­ten Raum ist die

In der Aus­stel­lung wird mir per­sön­lich ein­fach zu we­nig ge­zeigt, wor­auf Ös­ter­reich zu Recht stolz sein kann. Hel­muth, 79, Pen­sio­nist Es wä­re span­nend zu se­hen, wie die Aus­stel­lung oh­ne po­li­ti­sche Dis­kus­sio­nen rund­her­um aus­se­hen wür­de. Elisabeth, 44, Bil­dungs­wis­sen­schaf­te­rin Wir drei sind uns ei­nig, dass man Ös­ter­reichs span­nen­de Ge­schich­te nicht nur auf zwei Räu­men er­zäh­len kann. Ni­ko­la, 16, Schü­le­rin

Ge­schich­te Ös­ter­reichs nicht chro­no­lo­gisch, son­dern the­ma­tisch ge­glie­dert, be­gin­nend mit den The­men Wirt­schaft, Dik­ta­tur, Er­in­ne­rung, Gren­zen. Hier ver­wirrt die Be­su­cher oft die Schwer­punkt­set­zung und manch­mal auch die Er­zähl­wei­se. Elisabeth: „ Der wich­ti­ge Wie­der­auf­bau des Lan­des, das Wirt­schafts­wun­der wird nur in­di­rekt er­zählt, bei­des kommt nur über die , Hin­ter­tür‘ Zwangs­ar­beit rein.“Hel­muth ist be­trof­fen, dass die Trüm­mer­jah­re kaum vor­kom­men: „ Ich fin­de es un­ge­recht, dass die Ge­schich­te der­je­ni­gen, die , üb­rig­ge­blie­ben’ sind, die aus dem Nichts wie­der et­was ge­schaf­fen ha­ben, kaum er­wähnt wird.“

Schü­le­rin Ni­ko­la fehlt in der Zeit nach 1945 vor al­lem der „ Staats­ver­trag und die be­kann­ten Na­men: Leopold Figl, Ju­li­us Ra­ab“.

Die The­men Mi­gra­ti­on, Ver­trei­bung und Auf­nah­me von Ge­flüch­te­ten – z. B. Ver­trei­bung der Su­de­ten­deut­schen, Un­garn­auf­stand, Pra­ger Früh­ling, Gas­t­ar­bei­ter bis hin zur Flücht­lings­kri­se 2015 – schei­nen nur un­voll­stän­dig und „ manch-

mal nur in Ne­ben­sät­zen“vor­zu­kom­men, meint Elisabeth. Ei­nen Ver­gleich der ver­schie­de­nen Ar­ten von Zu­wan­de­rung kön­ne man so nur schwer zie­hen.

Die Dis­kus­si­on zwi­schen un­se­ren drei Mu­se­ums- Tes­tern über die Aus­stel­lung lan­det im­mer wie­der beim The­ma Ge­wich­tung. Wo lag der Schwer­punkt bei den The­men und war­um wur­de ge­ra­de die­ser ge­wählt?

Als „ et­was ei­gen­ar­tig“be­zeich­net Hel­muth man­che Schwer­punkt­set­zung. Das „ Wald­heim- Holz­pferd“wer­de als Herz­stück der Aus­stel­lung in­sze­niert. Und die Prä­sen­ta­ti­on je­nes Klei­des, mit dem Con­chi­ta Wurst den Song- Con­test 2014 ge­wann, er­hält ein „ völ­li­ges Über­ge­wicht“. Hel­muth: „ Das Song- Con­test- Kleid ist The­ma, die Be­deu­tung der Hoch­kul­tur für die­ses Land – Stich­wort Salz­bur­ger Fest­spie­le – nicht?“Ge­ra­de auf die Kul­tur­na­ti­on Ös­ter­reich wer­de man als Rei­sen­der ja welt­weit an­ge­spro­chen.

Elisabeth ver­misst die

The­men Frau­en­be­we­gung und So­zi­al­staat, die­se wer­den „ zu sprung­haft und zu kurz wie­der­ge­ge­ben“, auch die „ Kreis­ky- Zeit mit ih­ren Re­for­men“wer­de we­nig the­ma­ti­siert. Ni­ko­la hät­te ger­ne et­was zu den Le­bens­wel­ten in den 20er­und 50er- Jah­ren er­fah­ren.

Ist al­so die be­ab­sich­tig­te gro­ße Er­zäh­lung mit die­sem neu­en Haus der Ge­schich­te ge­lun­gen? Hel­muth: „ In der Aus­stel­lung wird kaum ge­zeigt, wor­auf Ös­ter­reich stolz sein kann.“Ni­ko­la: „ Mir wur­den auch die po­si­ti­ven Ent­wick­lun­gen un­se­rer Ge­schich­te zu we­nig her­aus­ge­stri­chen.“

Auf die Fra­ge, wo­für Ös­ter­reich heu­te steht, spru­delt es aus Hel­muth, Elisabeth und Ni­ko­la her­aus: „ Für ei­ne funk­tio­nie­ren­de De­mo­kra­tie in ei­ner Welt, in der de­mo­kra­ti­sche Sys­te­me die Min­der­heit stel­len; für ei­nen Rechts­staat, für Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau und ein welt­weit ein- zi­g­ar­ti­ges Sys­tem der so­zia­len Ab­si­che­rung.“

Elisabeth: „ Wi­en wird lau­fend zur le­bens­wer­tes­ten Stadt, Ös­ter­reich zu ei­nem der le­bens­wer­tes­ten Län­der der Welt ge­wählt, Mil­lio­nen Tou­ris­ten be­su­chen jähr­lich die­ses Land, Men­schen aus al­ler Welt wol­len hier le­ben – wie pas­sen die­se Fak­ten zur Aus­stel­lung? Das wä­re ei­ne span­nen­de Fra­ge ge­we­sen!“

Ihr Schluss­satz: „ Es wä­re in­ter­es­sant zu se­hen, wie die Aus­stel­lung oh­ne po­li­ti­sche Dis­kus­sio­nen rund­her­um aus­se­hen wür­de.“

Das glä­ser­ne En­tree des neu­en Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich. Am Sams­tag wur­de das Mu­se­um of­fi­zi­ell er­öff­net.

Das D Kleid K von Song- Con­test- Ge­win­ne­rin Con­chi­ta Wurst ( li.), die neu­en Aus­stel­lungs- räu­me ( Mit­te) und ein Re­likt aus den Zei­ten des Ein­ser- Ses­sel­lifts ( rechts un­ten).

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