Le Cor­bu­si­er

Kurier Magazine - Architektur - - Inhalt - VON ELGIN FEUSCHAR

Der um­strit­te­ne Avant­gar­dist

Man­che se­hen ihn als Pro­phe­ten der Mo­der­ne, an­de­re als kal­ten Zer­stö­rer. Egal wel­che Po­si­ti­on man ihm ge­gen­über ein­nimmt, Le Cor­bu­si­er hat un­um­strit­ten die Ar­chi­tek­tur­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts ge­prägt.

Horn­bril­le, An­zug, Flie­ge, zu­rück­ge­kämm­tes Haar und ein nach­denk­li­cher Blick. So po­sier­te der un­ter dem Pseud­onym Le Cor­bu­si­er be­kann­te Ar­chi­tekt viel und ger­ne in sei­nem ate­lier in Pa­ris. St an­dern eben Pi­cas­so, wuss­te er mit of­fe­nem hemd­knopf den Stil des ma­lers zu imi­tie­ren. Als man ihn in den So­wjet­pa­last ein­lud, um sei­nen Ent­wurf da­für zu prä­sen­tie­ren, reis­te er mit sicht­lich zer­knit­ter­ter klei­dung an. Le Cor­bu­si­er und die Macht. Ein Spiel mit vie­len ge­sich­tern–in sei­nem le­ben und in sei­ner Ar­chi­tek­tur .

JUN­GE JAH­RE.

Mit bür­ger­li­chem Na­men­hie­ßer­charles-édouard­jean­ne­ret-gri­sund­wur­de­im­jahr1889in der fran­zö­sisch-spra­chi­gen Schweiz ge­bo­ren. Cor­bu­si­er stu­dier­te nicht Ar­chi­tek­tur, son­dern war rei­ner au­to- di­dakt, sein Ta­lent zeich­ne­te sich schon früh ab. Sein Va­ter, ein Email­lie­rer von Uh­ren­ge­häu­sen, und die Mut­ter, ei­ne Kla­vier­leh­re­rin, leg­ten ihm kunst und hand­werk qua­si in die Wie­ge. Um 1900 be­gann er ei­ne leh­re zum Gra­vie­rer und Zi­se­leur an der Kunst ge­wer­bes chul­einl ach aux- deFonds, in sei­ner Hei­mat­stadt. Durch den Ein­fluss sei­nes Leh­rers wand­te er sich schon früh der Ma­le­rei und der Ar­chi­tek­tur zu und bau­te im zar­ten Al­ter von 17 jah­ren sein ers­tes haus in sei­ner Hei­mat­stadt – die Vil­la Fal­let. Ein klas­si­sches haus der jahr­hun­dert­wen­de, mit Steil dach und Ver­zie­run­gen an­den Bal­ko­nen. Ein Werk, für das sich Cor­bu­si­er bis knapp vor sei­nem­tod­schäm­te, da­es­nicht­s­ei­nen pu­ris­ti­schen und ra­tio­na­len Vor­stel­lun­gen von spä­ter ent­sprach.

FLUCHT NACH VOR­NE.

Als jun­ger Ar­chi­tekt woll­te cor­bu­si er schon früh mit dem vor­herr­schen­den Ju­gend­stil und den städ­te pla­ne­ri­schen stan­dards der jahr­hun­dert­wen­de bre­chen .1908 ging er nach Pa­ris, um beim Be­tonPio­nier Au­gust Per­ret zu ler­nen. Le Cor­bu­si er­fand hier nicht nur das bau­ma­te­ri­als ei­ner ar­chi­tek­to­ni­schen Zu­kunft, son­dern auch den An­sporn, städ­te pla­ne­risch zu den­ken. Zwi­schen Grün­der­zeit bau­ten und Stadt­vier­teln, ge­prägt von Tu­ber­ku­lo­se seu­chen, hef­te­te er sich schon früh Prin­zi­pi­en wie Licht, Luft, Hy­gie­ne und Ver­nunft an die Fah­nen sei­nes Schaf­fens. Pa­ris be­zeich­ne­te er laut ei­ge­nen Aus­sa­gen als alb­traum, da­her ent­warf er 1925 den „Plan Voi­sin“, ei­ne Stadt der Zu­kunft, die im Ras­ter­ver­fah­ren aus Wol­ken­krat­zern, Glas­fas­sa­den,

grü­nen In­seln und ei­ner groß­zü­gi­gen Stadt­au­to­bahn be­stan­den. Plä­ne, die mit gro­ßer Kri­tik be­dacht und nie um­ge­setzt wur­den.

STADT IN DER STADT.

Nach Auf­ent­hal­ten auf der gan­zen Welt und bei re­nom­mier­ten Künst­lern sei­ner Zeit, kehr­te Charles-édouard nach Pa­ris zu­rück. An­fäng­lich ar­bei­te­te er noch als ma­ler, Bild­hau­er und pu­bli­zist. Ab 1917 än­der­te er sei­nen na­men of­fi­zi­ell in Le Cor­bu­si­er – den Na­me sei­nes Ur­groß­va­ters–und grün­de­te mit sei­nem Cou­si­ne in Ar­chi­tek­tur ate­lier in Pa­ris. Ab den 1920 er- jah­ren rea­li­sier­te er sei­ne ers­ten wohn­bau pro­jek­te in Frank­reich (u. a.vil­la la Ro­che) und Deutsch­land (zwei Häu­ser in der Wei­ßen hof sied­lung in Stutt­gart ), die in ih­rer Form re­vo­lu­tio­när wa­ren. Das Trag­werk sei­ner Wohn­bau­ten be­stand aus Be­ton und Bei­werk, da­zu ka­men frei­ste­hen­de Stüt­zen, ho­ri­zon­ta­le Li­ni­en und große Fens­ter­flä­chen für Licht. All das war sei­ne Hand­schrift, die er auch in ei­nem The­sen­pa­pier na­mens „Fünf Punk­te zu ei­ner neu­en Ar­chi­tek­tur“ver­öf­fent­lich­te. Den Wohn­bau als ra­tio­na­les und funk­tio­na­les kon­strukt be­schrieb er in sei­nem 1926 er­schie­ne­nen Buch „Kom­men­de Bau­kunst“fol­gen­der­ma­ßen: „[...] man muss das Pro­blem in der­sel­ben Wei­se stel­len, wie die In­ge­nieu­re das Pro­blem des Flug­ver­kehrs ge­stellt ha­ben, und muss Ma­schi­nen zum Woh­nen bau­en.“In den 1930er-jah­ren ent­wi­ckel­te er sein

zi­tiert: „Fein­schme­cker der Sa­lons be­zeich­nen mich heu­te als ba­ro­cken Ar­chi­tek­ten. Das ist die al­ler­grau­sams­te Be­zeich­nung, die man mir nur ge­ben kann. Als dre­cki­ger In­ge­nieur ha­be ich 1920 an­ge­fan­gen, jetzt bin ich of­fen­bar am ent­ge­gen­ge­setz­ten Rand der Höl­le an­ge­kom­men – es le­ben die Ex­tre­me!“

Le Cor­bu­si­er über sei­ne Po­si­ti­on in der Ar­chi­tek­tur (1958)

Stadt pla­nungs­kon­zept aus den 1920er-jah­ren wei­ter. Das Er­geb­nis war ei­ne Stadt in der Stadt. Cor­bu­si­er nann­te sie „Unités d’ha­bi­ta­ti­on“– die Wohn­ma­schi­ne. Ins­ge­samt wur­den fünf ver­ti­ka­le Wol­ken­krat­zer, (vier in Frank­reich und ei­ner in Deutsch­land) zwi­schen 1947 und 1965 rea­li­siert. Sie soll­ten den Woh­nungs­man­gel nach dem Zwei­ten Welt­krieg lin­dern und wur­den ge­mein­sam mit so­zio­lo­gen, Psy­cho­lo­gen, In­ge­nieu­ren und Wirt­schaft­lern ge­plant. Die Be­ton­rie­sen mit bun­ten Farb­ak­zen­ten­ve rei­nen cor­bu­si­ers vor­stel­lun­gen von na­tur, Licht, Rau mund Ru­he in ei­nem Kom­plex. Die Pro­por­tio­nen der Räu­me folg­ten ei­nem ma­the­ma­ti­schen Kon­zept, das Le Cor­bu­si­er im Zu­ge der Pla­nung in „Der Mo­du­lor“selbst for­mu­lier­te. Ein theo­re­ti­scher An­satz, der heu­te über­holt ist.

NEUE SEI­TEN.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg nahm Cor­bu­si­ers Ar­chi­tek­tur or­ga­ni­sche For­men an. Bei­der Re­stau­rie­rung der W all fahrts ka­pel­le Not­re Da­me du Haut de Ron­champ zeig­te er sich un­ge­wohnt „weich“und lehn­te die Form des Ge­bäu­des an die ei­ner Mu­schel an. Ähn­lich or­ga­nisch ging er bei­dem Par­la­ments ge­bäu­de in Chan­di­garh (In­di­en) und dem Phi­lips Pa­vil­lon bei der Ex­po in Brüs­sel 1958 vor. Wer­ge­n­au­hin­sieht, wird­den­noch sei­ne Vor­lie­be für Sicht­be­ton und ro­he Ma­te­ria­li­en er­ken­nen, die er stets als au­then­ti­sche und ehr­li­che Ma­te­ria­li­en be­zeich­ne­te. Ob­wohl Cor­bu­si­er für an­de­re gi­gan­ti­schen Bau­ten plan­te und in Sum­me 79 Bau­wer­ke in zwölf Län­dern er­rich­te­te, war ihm per­sön­li­cher Mi­ni­ma­lis­mus am liebs­ten. 1952 bau­te er sich selbst ei­ne 15 qua­drat­me­ter große holz hüt­te an der fran­zö­si­schen Ri­vie­ra. Ab­so­lut funk­tio­nal, ba­sie­rend auf den Ma­ßen des Mo­du­lors und mit raum­spa­ren­den Mö­beln. Die­se be­such­te er je­den Som­mer– bis­z­um27. Au­gust1965. An­die­sem Tag kehr­te er aus dem Meer nicht mehr zu­rück und ver­starb un­weit von sei­nem ei­ge­nen Werk.

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