AUF­KLÄ­RUNG ÜBER AL­GEN

Wie hoch ist der Nähr­stoff­ge­halt in Al­gen, wie ge­fähr­lich ist das ent­hal­te­ne Jod und kön­nen Al­gen wirk­lich den Kör­per ent­gif­ten? Dr. Chris­ti­ne Dawc­zyn­ski, In­sti­tut für Er­näh­rungs­wis­sen­schaf­ten der Fried­rich-schil­ler-uni­ver­si­tät Je­na und Kom­pe­tenz­clus­ter f

Kurier Magazine - Herz - - ERNÄHRUNG - VON BAR­BA­RA STIEGER

Was sind die wich­tigs­ten in Al­gen ent­hal­te­nen Nähr­stof­fe mit po­si­ti­ver Wir­kung auf den Kör­per? Chris­ti­ne Dawc­zyn­ski: Üb­li­cher­wei­se wer­den Rot- und Brau­nal­gen ver­zehrt, wo­bei fer­ner auch Grün- und Blau­al­gen z. B. in Form von Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­teln er­hält­lich sind. Al­gen ent­hal­ten na­he­zu al­le Nähr­stof­fe, wo­bei das Nähr­stoffspek­trumstark­zwi­schen­den­ver­schie­de­nen Ar­ten va­ri­iert. Ins­ge­samt sind Al­gen reich an Pro­te­inen und Koh­len­hy­dra­ten, wo­bei es sich haupt­säch­lich um Bal­last­stof­fe han­delt. Der Fett­ge­halt ist mit ca. 3 - 5 g/100 g ge­ring, wo­durch sich ein nied­ri­ger Ka­lo­ri­en­ge­halt er­gibt, so­dass sich Al­gen als Zu­ta­ten en­er­gie­bi­lan­zier­ter Diä­ten eig­nen. Au­ßer­dem sind Al­gen reich an le­bens­wich­ti­gen Mi­ne­ral­stof­fen, wie Kal­zi­um, Ma­g­ne­si­um, Ka­li­um und Spu­ren­ele­men­ten wie Zink, Se­len und Ei­sen. Al­gen stel­len wich­ti­ge Lie­fe­ran­ten­für­die­vit­ami­nea,cun­de,ni­a­c­in und Fol­säu­re dar. Dem­zu­fol­ge kann ein re­gel­mä­ßi­ger Ver­zehr das Im­mun­sys­tem stär­ken, Zell­tei­lungs- und Wachs­tums­pro­zes­se un­ter­stüt­zen so­wie den Auf­bau von Kno­chen, Haut, Haa­ren und Nä­geln för­dern.

Wer­den Ome­ga-3-fett­säu­ren aus Al­gen die See­fisch­be­stän­de als wich­tigs­te Qu­el­le für Ome­ga-3-fett­säu­ren ent­las­ten? Mi­kro­al­gen sind reich an lang­ket­ti­gen Ome­ga-3-fett­säu­ren wie Ei­co­sa­pen­ta­en­säu­re (EPA) und ins­be­son­de­re Do­co­sa­he­xa­en­säu­re (DHA). Dem­zu­fol­ge kön­nen die Mi­kro­la­gen ei­nen Bei­trag leis­ten, um die Zu­fuhr mit die­sen wert­vol­len Nähr­stof­fen zu si­chern und die stark über­fisch­ten See­fisch­be­stän­de zu ent­las­ten. Da der Fett­ge­halt je­doch re­la­tiv ge­ring und die Kul­ti­vie­rung der Mi­kro­al­gen sehr an­spruchs­voll und kos­ten­in­ten­siv ist, wer­den fett­rei­che Kalt­was­ser­fi­sche als Haupt­quel­le der lang­ket­ti­gen Ome­ga-3- Fett­säu­ren nicht voll­stän­dig durch Al­gen er­setzt wer­den kön­nen.

Spi­ru­li­na- und Chlorel­la-al­gen sol­len den Kör­per von Schwer­me­tal­len ent­gif­ten kön­nen – was hal­ten Sie da­von? Spi­ru­li­na und Chlorel­la ent­hal­ten den blau­en Farb­stoff Phy­cocya­nin, der als Ra­di­kal­fän­ger in der Le­ber und Nie­re de­ren Funk­ti­on der Ent­gif­tung un­ter­stüt­zen kann. Zu­dem kön­nen die in den Al­gen ent­hal­te­nen Bal­last­stof­fe, wel­che für den Or­ga­nis­mus un­ver­dau­lich sind, Me­tal­le/schwer­me­tal­le, die mit der Nah­rung auf­ge­nom­men wer­den, bin­den und aus­schei­den. Da­bei kön­nen Al­gen nicht zwi­schen den für den Or­ga­nis­mus schäd­li­chen Schwer­me­tal­len und den in be­darfs­ge­rech­ten Men­gen le­bens­not­wen­di­gen Me­tal­len wie Ei­sen, Man­gan, Ko­balt etc. un­ter­schei­den, so­dass die­se eben­so ge­bun­den und aus­ge­schie­den wer­den. Die Auf­nah­me der es­sen­zi­el­len Spu­ren­ele­men­te kann so­mit ver­min­dert wer­den. Zu­dem kön­nen Al­gen durch ih­ren ho­hen Bal­last­stoff­an­teil nur die Schwer­me­tal­le bin­den, die gleich­zei­tig mit ih­nen ver­zehrt wer­den. Dem- zu­fol­ge kön­nen Schwer­me­tal­le, die sich et­wa im Kör­per­fett ein­ge­la­gert ha­ben, nicht an die Al­gen­bal­last­stof­fe bin­den, so­dass ei­ne ge­ne­rel­le Ent­gif­tung des Kör­pers über den Ver­zehr von Al­gen nicht mög­lich ist.

Man­che Al­gen­ar­ten wei­sen ei­nen be­son­ders ho­hen Ge­halt an Jod auf. Ist de­ren Ver­zehr für Schild­drü­sen­pa­ti­en­ten pro­ble­ma­tisch? Tat­säch­lich va­ri­iert der Jod­ge­halt in Al­gen je nach Spe­zi­es und Her­kunft zwi­schen fünf und 11.000 g/g Tro­cken­ge­wicht. Zu den jod­rei­chen Brau­nal­gen zäh­len Ara­me, Kom­bu, Wa­ka­me und Hi­ji­ki, wel­che auch un­ter dem Be­griff „See­tang“im Han­del er­hält­lich sind. Bei der Ei­se­nia bi­cy­clis (Ara­me) wur­den Jod­ge­hal­te von 980bis5640 g/gim­tro­cken­ge­wicht ana­ly­siert. Dem­zu­fol­ge wird selbst bei ei­ner ge­rin­gen Ver­zehr­men­ge von ein bis zehn Gramm die emp­foh­le­ne Men­ge des wis­sen­schaft­li­chen Le­bens­mit­tel­aus­schuss der Eu-kom­mis­si­on von 600 g pro Tag für Er­wach­se­ne über­schrit­ten. Ei­ne plötz­li­che ho­he Jo­d­auf­nah­me durch bei­spiels­wei­se Al­gen­pro­duk­te kann zu ei­ner Über­funk­ti­on (jod­in­du­zier­ten Hy­per­thy­reo­se) der Schild­drü­se füh­ren, wo­durch le­bens­be­droh­li­chen Aus­wir­kun­gen auf den Stoff­wech­sel re­sul­tie­ren kön­nen. Aus den asia­ti­schen Län­dern ist be­kannt, dass ins­be­son­de­re die Brau­nal­gen vor dem Ver­zehr meh­re­re St­un­den in Was­ser ein­ge­weicht wer­den soll­ten, um so den Jod­ge­halt zu re­du­zie­ren. Da­bei wird ge­ra­ten, das Quell­was­ser mehr­fach zu wech­seln. Auch das Aus­ko­chen der Al­gen ist mög­lich, um den Jod­ge­halt zu re­du­zie­ren.

zu Brat-al­gen­wurst oder Nu­deln aus hand­ge­pflück­tem See­tang bei­spiels­wei­se.„al­gen­wer­den­in­den­kom­men­den Jah­ren auch als nähr­stoff­rei­ches Mee­res­ge­mü­se zu­neh­mend auf un­se­ren Tel­lern lan­den und neue ku­li­na­ri­sche Per­spek­ti­ven er­öff­nen“, weiß auch Food-trend­for­sche­rin Han­ni Rütz­ler. Und die­ser ku­li­na­ri­sche Ho­ri­zont ist ein wei­ter und weit­hin noch un­er­forsch­ter. Da ist es we­nig ver­wun­der­lich, dass auch im­mer mehr Spit­zen­kö­che auf das ver­hei­ßungs­vol­le Grün zu­rück­grei­fen und so­mit dem ewi­gen Zu­be­rei­ten von Hum­mer und Aus­tern ei­nen neu­en ma­ri­ti­men Kick ent­ge­gen­set­zen.

ZUKUNFTSPOTENZIAL. Doch ei­ni­ge Sor­ten wol­len so gar nichts meer­ar­ti­ges an sich ha­ben – zu­min­dest ge­schmack­lich. „In den USA er­lebt ge­ra­de Lap­pentang (Dul­se), das vor al­le­mi­nir­land,is­land­un­d­skan­di­na­vi­en ei­ne ku­li­na­ri­sche Tra­di­ti­on hat, ei­nen Kar­rie­re­sprung. Da­bei han­delt es sich um ei­ne ex­trem schnell wach­sen­de, pro­te­in­rei­che Al­gen­art, die frit­tiert ge­schmack­lich an Speck er­in­nert und die auf Ha­waii auch schon im in­dus­tri­el­len

„Al­gen wer­den uns ganz neue ku­li­na­ri­sche Per­spek­ti­ven er­öff­nen.“Han­ni Rütz­ler, Food Trend­for­sche­rin und Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­le­rin

Maß­stab ge­züch­tet wird“, weiß die Ex­per­tin. Die ku­li­na­ri­sche Kom­po­nen­te stellt je­doch nur ei­ne Ver­wen­dungs­art im gro­ßen Po­ten­zi­al der Al­gen dar. „Sie kön­nen um­welt­freund­lich er­zeugt wer­den, sind enorm viel­sei­tig nutz­bar. Ob als Le­bens­mit­tel, Nähr­stoff­quel­le, als Flei­scher­satz, als Su­per­food und als Ge­sund­heits­eli­xier oder auch als Aus­gangs­pro­dukt für Ver­pa­ckun­gen“er­klärt Rütz­ler und un­ter­streicht da­mit ein­mal mehr das gro­ße Zukunftspotenzial der grü­nen Hoff­nungs­trä­ger. Ein wei­te­rer Vor­teil: Al­gen kön­nen, nicht zu­letzt auf­grund ih­rer na­tür­lich vor­kom­men­den Viel­falt, auch an für an­de­re Pro­duk­ti­ons­wei­sen un­güns­ti­gen Stand­or­ten, an de­nen kaum an­de­re Pflan­zen an­ge­baut wer­den, ge­züch­tet wer­den. Bei­spiels­wei­se in Wüs­ten und Küs­ten­re­gio­nen und in ge­schlos­se­nen Sys­te­men. „Sie sind da­mit auch Vor­bo­ten ei­ner wach­sen­den Kreis­lauf­wirt­schaft“, er­klärt die Ex­per­tin. Für Pro­duk­te aus Al­gen ste­hen die Zei­chen auf Grün. Grund ge­nug, mit den Mee­res­pflan­zen nicht nur un­ter Was­ser in Kon­takt zu kom­men. «

Für Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel wer­den Mi­kro­al­gen meist als Ta­blet­ten oder in Pul­ver­form an­ge­bo­ten

Dr. Chris­ti­ne Dawc­zyn­ski Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­le­rin an der Uni­ver­si­tät Je­na

Links Grün­al­ge, Mit­te Lap­pentang (Dul­se) und rechts Brau­nal­ge. Nicht nur in Asi­en, auch in skan­di­na­vi­schen Län­dern oder in der Bre­ta­gne ste­hen Al­gen schon lan­ge auf der Spei­se­kar­te

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.