Frau­en in der Kar­dio­lo­gie – ein neu­es Ver­ständ­nis

Ein zu­neh­men­des Ver­ständ­nis von Ge­schlech­ter­un­ter­schie­den soll da­zu bei­tra­gen, The­ra­pi­en spe­zi­fi­scher und si­che­rer zu ma­chen. Was es da­für noch be­nö­tigt.

Kurier Magazine - Herz - - FRAUENHERZEN - VON MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

» Lan­ge Zeit wur­den das me­di­zi­ni­sche Wis­sen und des­sen prak­ti­sche Um­set­zung sehr ge­schlechter­neu­tral ge­lehrt und an­ge­wandt. Vie­le Stu­di­en und Sta­tis­ti­ken zei­gen je­doch, dass es ei­ne Viel­zahl von Er­kran­kun­gen gibt, die bei glei­chen The­ra­pie­stra­te­gi­en und ge­trenn­ter Aus­wer­tung der Da­ten nach dem Ge­schlecht ein un­ter­schied­li­ches Er­geb­nis auf­wei­sen. Der „klei­ne Un­ter­schied“ist dem­nach in der Me­di­zin al­les an­de­re als klein. Das be­tont Ve­ra Re­gitz-za­gro­sek, Di­rek­tor­in­des­in­sti­tuts­für­ge­schlech­ter­for­schung in der Me­di­zin an der Ber­li­ner Cha­rité, im Deut­schen Ärz­te­blatt. Und wirk­lich, bei ei­nem Blick in die Kar­dio­lo­gie wird schnell klar, dass das For­schen auf die­sem Ge­biet le­bens­wich­tigs­ein­kann.frau­en­ha­ben­ei­ner­seits an­de­re Sym­pto­me als Män­ner, an­de­rer­seits sind auch ih­re Ko­ronar­ge­fä­ße häu­fig dif­fu­ser be­fal­len. Das er­schwert die Be­hand­lung, es tre­ten des­we­gen öf­ter Kom­pli­ka­tio­nen auf.

GEN­DER­ME­DI­ZIN. „Prin­zi­pi­ell ist das Ziel der Gen­der­me­di­zin, die best­mög­li­che Me­di­zin für Mann und Frau zu ge­stal­ten“, be­tont Gen­der­me­di­zi­ne­ri­nalex­an­dra­kautz­ky-wil­ler­von­der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wi­en. Es wer­den da­bei die bio­lo­gi­schen Un­ter­schie­de be­rück­sich­tigt, die sich bei­spiels­wei­se auf­grund der un­ter­schied­li­chen Ge­schlechtsch­ro­mo­so­men er­ge­ben: XX bei der Frau und XY beim Mann. Wo­bei wich­ti­ge Ge­ne für Herz-kreis­lauf-funk­tio­nen im X-chro­mo­som lie­gen. Das Y-chro­mo­som ist vor al­lem für die Se­xu­al­funk­ti­on wich­tig ist. So ist es auch nach­voll­zieh­bar, dass sich Un­ter­schie­de aus dem Ver­lauf der Se­xu­al­hor­mo­ne er­ge­ben.

WIR­KUNG DER HOR­MO­NE. „Die Hor­mo­ne wir­ken sich bei Frau­en po­si­tiv auf den Blut­druck aus und sen­ken das Ldl-cholesterin. Au­ßer­dem wirkt sich das Östro­gen güns­tig auf das Ge­fäß­sys­tem aus. Die Ve­rän­de­run­gen an den weib­li­chen Ge­fäß­wän­den ent­spre­chen de­nen ei­nes zehn bis 15 Jah­re jün­ge­ren Man­nes“, er­läu­tert Kautz­ky-wil­ler. Ab der Me­no­pau­se je­doch nimmt der Östro­gen­schutz dras­tisch ab und die Er­kran­kungs­zah­len bei Frau­en neh­men deut­lich zu – dann über­stei­gen sie so­gar die der Män­ner. „Da­ne­ben gibt es noch die psy­cho­so­zia­len Fak­to­ren, mit de­nen wir uns eben­falls be­schäf­ti­gen“, fährt Kautz­ky-wil­ler fort: „Nicht nur die klas­si­schen Ri­si­ko­fak­to­ren wie Rau­chen, Über­ge­wicht und Be­we­gungs­man­gel wir­ken sich be­son­ders stark aus. Auch Mehr­fach­be­las­tun­gen so­wie die schlech­te­re Ver­ar­bei­tung von Stress trifft Frau­en­her­zen stär­ker.“So kann es pas­sie­ren, dass der weib­li­che Kör­per bei schwe­ren emo­tio­na­len »

Be­las­tun­gen mit in­farktähn­li­chen Sym­pto­men re­agiert. Durch ei­ne mas­si­ve Aus­schüt­tung von Stress­hor­mo­nen ver­en­gen sich die Herz­kranz­ge­fä­ße und das Blut kann nicht mehr rich­tig zir­ku­lie­ren – ei­ne Art vor­über­ge­hen­den Herz­schwä­che. In der Re­gel er­holt sich das Pump-or­gan wie­der vom „Broken-heart-syn­drom“, die Rück­fall­ra­te ist aber äu­ßerst hoch. Be­son­ders au­gen­fäl­lig wur­den auch die Sym­ptom­un­ter­schie­de zwi­schen den bei­den Ge­schlech­tern bei Herz­er­kran­kun­gen. Frau­en wei­sen oft aty­pi­sche Be­schwer­den auf, die als harm­los ab­ge­tan wer­den. So lei­den weib­li­che Be­trof­fe­ne un­ter ver­meint­li­chen Ma­gen-, Rü­cken-, Kie­fer- und Schul­ter­schmer­zen, füh­len sich schwach und kurz­at­mig. Da­durch wird die Herz­in­farkt­ge­fahr oft nicht recht­zei­tig er­kannt.

WIR­KUNG DER ME­DI­KA­MEN­TE. Er­schwe­rend kommt hin­zu, dass die Do­sen der meis­ten Me­di­ka­men­te auf nur ein Ge­schlecht zu­ge­schnit­ten sind. Ob­wohl be­kannt ist, dass die Ak­zep­tanz von Me­di­ka­men­ten nicht sel­ten voll­kom­men un­ter­schied­lich ist. Als Bei­spiel ist die Wir­kung von man­chen An­ti­bio­ti­ka zu nen­nen. Wer­den die­se in glei­cher Do­sie­rung, an der glei­chen Stel­le am Ge­säß­mus­kel in­ji­ziert, so liegt der Wirk­stoff­ge­halt im Blut bei Frau­en oft nur bei 60 Pro­zent im Ver­gleich zu Män­nern. Ur­sa­che da­für ist das fett­rei­che­re Ge­we­be der Frau­en, das Me­di­ka­ment muss al­so an­ders in­ji­ziert wer­den. As­pi­rin hat bei­spiels­wei­se bei Män­nern ei­ne viel stär­ke­re blut­ge­rin­nungs­hem­men­de Wir­kung und ist bei man­chen Frau­en bei­na­he wir­kungs­los. Be­stimm­te Herz­rhyth­mus­me­di­ka­men­te in hö­he­rer Do­sie­rung wir­ken bei Frau­en so­gar töd­lich. War­um sind am Bei­pack­zet­tel den­noch kei­ne spe­zi­fi­schen Emp­feh­lun­gen zu fin­den? Me­di­ka­men­ten­tests wur­den bis­her haupt­säch­lich an männ­li­chen Kon­troll­grup­pen durch­ge­führt. Auch heu­te noch wer­den Frau­en nicht in ent­spre­chend gro­ßer Zahl ein­be­zo­gen, wie das Arz­nei­mit­telagen­tu­ren for­dern wür­den. „Man muss schon froh sein, wenn 30 Pro­zent mit­ma­chen. Und die sind dann meist äl­ter, da man sonst Ri­si­ken in der Schwan­ger­schaft fürch­tet“, kri­ti­siert Kautz­ky-wil­ler.

WIS­SEN IN DER PRA­XIS. Die­ses Wis­sen sei in der Pra­xis un­er­läss­lich, weil es ei­nen we­sent­li­chen Ein­fluss auf den The­ra­pie­er­folg aus­übt. „Aus Stu­di­en wis­sen wir, dass bei Frau­en die Ziel­wer­tesel­te­ne­r­er­reicht­wer­den,die­me­di­ka­men­tö­se Ein­stel­lung passt al­so meist nicht.“War­um ge­lingt es nicht, die Ziel­wer­te zu er­rei­chen? „Das ist ei­ne­gu­te­fra­ge,die­wir­nicht­ge­nau­be­ant­wor­ten kön­nen. Wir wis­sen zwar mehr und die Be­hand­lun­gen sind bes­ser ge­wor­den, aber es sind im­mer noch Be­nach­tei­li­gun­gen vor­han­den. Si­cher auch des­we­gen, weil wir im Mo­ment noch kei­ne kla­ren The­ra­pie­stra­te­gi­en für die­se funk­tio­nel­len Ge­fäß­er­kran­kun­gen an­bie­ten kön­nen. Auch müss­ten an­de­re Grenz­wer­te von Bio­mar­kern für Frau­en ge­sucht wer­den, et­wa beim Herzinfarkt. Zwar pas­siert ge­ra­de viel, aber es dau­ert un­end­lich lan­ge, bis sich die­se Ak­ti­vi­tä­ten in der Pra­xis po­si­tiv aus­wir­ken kön­nen.“Tat­säch­lich: In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat sich Gen­der­me­di­zin fix im Lehr­plan des Me­di­zin­stu­di­ums in­te­griert, auch gibt es post­gra­du­el­le Aus­bil­dun­gen (et­wa den eu­ro­pa­weit ers­ten Uni­ver­si­täts­lehr­gang für Gen­der­me­di­zin) und ein Di­plom der Ärz­te­kam­mer. Was fehlt, ist aber die Um­set­zung in die kli­ni­sche Pra­xis. «

„Zwar pas­siert ge­ra­de viel, aber es dau­ert un­end­lich lan­ge, bis sich die­se Ak­ti­vi­tä­ten in der Pra­xis po­si­tiv aus­wir­ken kön­nen.“Alex­an­dra Kautz­ky-wil­ler, Gen­der­me­di­zi­ne­rin an der Me­du­ni Wi­en

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