EGO­IS­TEN MIT WE­NI­GER SUB­STANZ

Der ös­ter­reich-schwei­ze­ri­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Ernst Fehr über den Zu­sam­men­hang zwi­schen Hirn­ana­to­mie und al­tru­is­ti­schem Ver­hal­ten, den Ho­mo oe­co­no­mi­cus und „gu­te“Men­schen.

Kurier Magazine - Kinder - - Seele Und Psyche -

Set­ting: Zur Klä­rung, ob al­tru­is­ti­sches Ver­hal­ten neu­ro­bio­lo­gi­sche Ur­sa­chen hat, muss­ten Pro­ban­ten Geld­be­trä­ge zwi­schen sich selbst und ei­nem an­ony­men Spiel­part­ner auf­tei­len. Die Teil­neh­mer hat­ten da­bei stets die mög­lich­keit, au fei­nen ge­wis­sen be­trag zu­guns­ten der an­de­ren Per­son zu ver­zich­ten. Ein sol­cher Ver­zicht kann als al­tru­is­ti­sches Ver­hal­ten ge­wer­tet wer­den, weil man so an­de­ren Men­schen auf ei­ge­ne Kos­ten hilft. Man­che Teil­neh­mer wa­ren fast nie be­reit, auf ei­ge­nes Geld für an­de­re zu ver­zich­ten, an­de­re hin­ge­gen ver­hiel­ten sich stark al­tru­is­tisch. Teil­neh­mer mit ei­nem grö­ße­ren An­teil an grau­er hirn sub­stanz in­der re­gi­on zwi­schen Schei­tel-und Schlä­fen lap­pen zeig­ten ei­ne stär­ke­re Al­tru­is­mus­nei­gung. Die­se Hirn re­gi­on hängt eng mit der fä­hig­keit zu­sam­men, sich in die La­ge, Ge­füh­le und Ge­dan­ken an­de­rer Men­schen hin­ein zu ver­set­zen.

Men­schen mit mehr An­teil grau­er Hirn­sub­stanz sind al­tru­is­ti­scher. Wie kann man das mes­sen? Ernst Fehr:

Man kann das mit der „vo­xel-ba­sier­ten Mor­pho­me­trie“mes­sen, ei­ner Me­tho­de zur Mes­sung des Vo­lu­mens der grau­en Mas­se im Ge­hirn. Die graue Mas­se ist ein Haupt be­stand­teil, be­steht in ers­ter li­nie aus den Ner­ven­zel­len, Den­dri­ten und Sy­nap­sen. Un­se­re Ar­beit zeig­te, dass al­tru­is­ti­sche­re Pro­ban­den mehr graue Mas­se in der „tem­po­ro-pa­rie­tal junc­tion“ha­ben, ei­nem Hirn­are­al, wel­ches für die neu­ro­na­le Re­prä­sen­ta­ti­on und das Ver­ste­hen der Per­spek­ti­ve an­de­rer Men­schen wich­tig ist.

Al­tru­is­mus und so­mit auch Ego­is­mus sind al­so neu­ro­bio­lo­gisch er­klär­bar. Heißt das, dass un­ser Ver­hal­ten stark bio­lo­gisch und we­ni­ger durch so­zia­le Pro­zes­se be­stimmt wird?

Nein, das heißt es si­cher nicht. Es ist auch mög­lich, dass die so­zia­len Er­fah­run­gen von Men­schen in In­ter­ak­tio­nen mit El­tern, Gleich­alt­ri­gen und Leh­rern die Grö­ße die­ses Hirn­are­als ver­än­dern. Neue­re For­schungs­er­geb­nis­se– et­wa von Arm in Falk­vond er Uni­ver­si­tät Bonn – zei­gen, dass man Al­tru­is­mus bei Kin­dern kul­ti­vie­ren kann. Ta­nia Sin­ger vom Max-planckIn­sti­tut Leip­zig hat ge­zeigt, dass die Grö­ße der „so­zia­len“Hirn­area­le zu­nimmt, wenn Pro­ban­den ler­nen, die Per­spek­ti­ve an­de­rer ein­zu­neh­men.

War­um ver­hal­ten sich man­che Men­schen ego­is­ti­scher als an­de­re?

Man muss ganz fun­da­men­tal zwi­schen Ver­hal­ten und mo­ti­va­tio­na­len Dis­po­si­tio­nen un­ter­schei­den. Selbst ein sehr al­tru­is­tisch mo­ti­vier­ter Mensch ver­hält sich manch­mal ego­is­tisch, wenn al­tru­is­ti­sches ver­hal­ten zu viel kos­tet. Wer op­fert schon sein Le­ben für an­de­re? Fast je­des ver­hal­ten ist im­mer auch von den Kos­ten des Ver­hal­tens be­ein­flusst. In­di­vi­du­en mit al­tru­is­ti­schen, mo­ti­va­tio­na­len Nei­gun­gen sind aber be­reit, hö­he­re Kos­ten ei­ner al­tru­is­ti­schen hand­lung auf sich zu neh­men.

Als ver­hal­tens öko­nom be­ra­ten sie auch Un­ter­neh­men. Hat sich der Ho­mo oe­co­no­mi­cus end­gül­tig über­holt?

Der Ho­mo oe­co­no­mi­cus ist ers­tens durch per­fek­te Ra­tio­na­li­tät und zwei­tens durch völ­li­gen Ei­gen­nutz de­fi­niert. Als re­fe­renz mo­dell wird uns der Ho­mooe­co­no­mi­cus noch lan­ge er­hal­ten blei­ben. Aber vie­le men­schen–je­doch nicht al­le–wei­chen sys­te­ma­tisch von die­sem mo­dell ab und das soll­te je­der, wel­cher die Rea­li­tätv er­ste­hen oder ver­än­dern will, be­rück­sich­ti­gen.

Un­ter wel­chen Um­stän­den wer­den Men­schen zu Ego­is­ten?

Sie müs­sen zwi­schen ego­is­ti­schem Ver­hal­ten und dem Ge­wicht, das ego­is­ti­sche Mo­ti­ve in der Ge­samt­mo­ti­va­ti­on ei­nes In­di­vi­du­ums spie­len, un­ter­schei­den. Rol­len mo­del­le und so­zia­le Er­fah­run­gen sind ent­schei­dend für das Ge­wicht ego­is­ti­scher Mo­ti­ve. Wenn al­ler­dings die Kos­ten ei­ner al­tru­is­ti­schen Hand­lung na­he bei Null sind, dann ver­hal­ten sich in un­se­ren Kul­tu­ren die meis­ten Men­schen al­tru­is­tisch. Wer gibt ei­nem Frem­den, der nach­dem weg zum ste­phans dom fragt, kei­ne Aus­kunft?

Richard da­vid­pr echt hat in ei­nem in­ter­view ge­sagt, dass die men­schen gut sein wol­len. Stim­men Sie dem zu?

Der mensch zeich­net sich durch ei­gen­nüt­zi­ge und al­tru­is­ti­sche, mo­ti­va­tio­na­le kom­po­nen­ten aus. Die so­zia­le er­fah­rung be­stimmt das Ge­wicht der bei­den. Men­schen wol­len da­her teil­wei­se–in ab­hän­gig­keit von denk os­ten– gut sein, aber sie wol­len vor al­lem auch glau­ben, dass sie gut sind. Sie wol­len das Selbst­bild ei­nes gu­ten Men­schen ha­ben.

Auf ei­ge­nes Geld zu­guns­ten an­de­rer zu ver­zich­ten, fiel man­chen Ver­suchs teil­neh­mern leich­ter als an­de­ren

Prof. Ernst FehrDe­part­ment of Eco­no­mics, Uni­ver­si­tät Zü­rich

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