Von Hand­wer­kern, Bast­lern und Schar­la­ta­nen

Die Zahn­me­di­zin war lan­ge Zeit ein ver­pön­ter Be­rufs­stand, der erst durch en­ga­gier­te Pio­nie­re wis­sen­schaft­li­chen Sta­tus er­reich­te.

Kurier Magazine - Zähne - - Medico Spezial Geschichte Der Zahnmedizin - VON ELGIN FEUSCHAR

» Die Ge­schich­te der Zahn­heil­kun­de ist im­grun­de­soalt­wie­die­mensch­heit selbst. Zäh­ne und ih­re un­ter­schied­li­chen Pro­ble­me ha­ben uns im­mer schon be­glei­tet und nach Lö­sungs­an­sät­zen ver­langt. „Es­gab­schon­frü­he Ver­su­che, Zäh­ne kom­plett zu er­set­zen. Zu­er­hal­ten, im­sin­ne­von­zur­e­pa­rie­ren, kam in Eu­ro­pa erst ab dem 18. Jahr­hun­dert auf“, er­klärt der er­fah­re­ne Zahn­me­di­zi­ner Jo­han­nes Kirch­ner. Er ist selbst prak­ti­zie­ren­der Zahn­arzt und hat 30 Jah­re lang das Zahn­mu­se­um der Uni­ver­si­täts­zahn­kli­nik in Wi­en ge­führt. Sein Wis­sen über die Ge­schich­te der Zahn­heil­kun­de er­streckt sich von prä­gen­den Per­sön­lich­kei­ten bis hin zu längst ver­ges­se­nen In­stru­men­ta­ri­en. Zu Be­ginn der Ge­schich­te wa­ren Hoch­kul­tu­ren wie die Me­so­po­ta­mier, die Ägyp­ter und die Etrus­ker in Mit­tel­ita­li­en schon be­müht, Zahn­er­satz her­zu­stel­len. Frü­he Zahn­be­hand­lun­gen vor der Er­fin­dungder­lo­kala­n­äs­the­sie­oder­nar­ko- se wa­ren je­doch ei­ne wah­re Tor­tur für die Pa­ti­en­ten: „Zahn­heil­kun­de war sehr, sehr schmerz­haft. Anäs­the­sie wur­de erst um 1845 und qua­si per Zu­fall von ei­nem Zahn­arzt na­mens Hor­a­ce Wells ent­deckt. Da­mals wur­de Lach­gas als Par­ty­dro­ge ver­wen­det und Wells be­merk­te, dass im Lach­gas­rausch kei­ne Schmer­zen von den Men­schen wahr­ge­nom­men wur­den. Erst viel spä­ter ka­men Ät­her und an­de­re Nar­ko­se­mit­tel zum Ein­satz“, er­klärt Kirch­ner. »

STE­TI­GE ENT­WICK­LUNG.

Das zahn­me­di­zi­ni­sche Ni­veau der Hoch­kul­tu­ren er­leb­te in Eu­ro­pa, im Mit­tel­al­ter, ei­nen gro­ßen Rück­schritt. In die­ser Epo­che wur­den Zäh­ne in ers­ter Li­nie ge­zo­gen. Für die Be­hand­lung stan­den un­mensch­li­che In­stru­men­te, Schnaps so­wie Sei­le zum Fest­bin­den zur Ver­fü­gung. Be­han­deln konn­te prak­tisch je­der – auch oh­ne Li­zenz. So­ge­nann­te Ba­der und Bar­bie­re wa­ren bis ins 19. Jahr­hun­dert für die Kör­per­pfle­ge und die wund­ärzt­li­che Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung zu­stän­dig. „Wan­der­dok­to­ren“bo­ten­un­terand­e­rem zahn­ärzt­li­che Diens­te aus Pl­an­wa­gen, in Sei­ten­gas­sen oder auf Markt­plät­zena­n­und­ver­dien­ten­d­a­bei auch noch gu­tes Geld. So man­cher Schar­la­tan trieb hier zum Leid­we­sen an­de­rer sein Un­we­sen und be­han­del­te oh­ne me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se. Der Grund­stein der mo­der­nen Zahn­heil­kun­de wur­de dann in Frank­reich ge­legt. Lud­wig XIV. ver­bot fran­zö­si­schen Bar­bie­ren ab dem 17. Jahr­hun­dert­die­zahn­ex­trak­ti­o­nun­de­ta­blier­te den Be­rufs­stand der Chir­ur­gi­en den­tis­te – der zahn­ärzt­li­chen Chir­ur­gen. Nur we­nig spä­ter pu­bli­zier­te der fran­zö­si­sche Zahn­arzt Pier­re Fauchard das ers­te Werk über die Grund­la­gen der Zahn­heil­kun­de, in dem er un­ter an­de­rem ora­le Ana­to­mie und Be­hand­lungs­wei­sen be­schrieb. Dies war ein gro­ßer Schritt in Rich­tung mo­der­ne Zahn­heil­kun­de. Jen­seits der fran­zö­si­schen Lan­des­gren­zen, in Ös­ter­reich, hat sich die Zahn­me­di­zin aus ei­ner all­ge­mein­me­di­zi­ni­schen Re­form Ma­ria The­re­si­as her­aus ent­wi­ckelt. Ge­org Ca­ra­bel­li, ein ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­scher Zahn­arzt, re­vo­lu­tio­nier­te die­sen Be­reich. Ca­ra­bel­li gilt als Be­grün­der der wis­sen­schaft­li­chen Zahn­me­di­zin in Ös­ter­reich und hat­te sei­ne Or­di­na­ti­on amste­phans­platz, wo­er­re­si­dier­te un­d­prak­ti­zier­te. Sei­ne Vor­le­sun­ge­nin „Zahn­arz­ney­kun­de“– wie es da­mals ge­nannt wur­de – wa­ren 1821 die ers­ten ih­rer Art in der Zahn­me­di­zin. In sei­ner Or­di­na­ti­on durf­ten erst­mals ei­ne Hand­voll aus­ge­wähl­ter Stu­den­ten die Pra­xis der Zahn­heil­kun­de ler­nen. Sein Schü­ler Mo­riz Hei­der war be­reits Me­di­zi­ner, al­ser­bei­ca­ra­bel­li­zu­ler­nen be­gann. „Zahn­heil­kun­de war lan­ge Zeit­ver­pönt, weil­die­se­ni­ein­den­hän­den von Fach­ar­bei­tern war“, er­klärt Kirch­ner. Hei­der setz­te es sich da­her zum Ziel, die Zahn­heil­kun­de als me­di­zi­ni­sches Spe­zi­al­fach wei­ter vor­an­zu­trei­ben. Er grün­de­te im Jah­re 1861 den Ver­ein Ös­ter­rei­chi­scher Zahn­ärz­te (heu­te: ÖGZMK) und er­wei­ter­te die zahn­me­di­zi­ni­sche Samm­lung sei­nes Lehr­meis­ters. So­wohl Ca­ra­bel­li als auch Hei­der gel­ten als hei­mi­sche Pio­nie­re, die den Be­rufs­stand der Zahn­me­di­zin eta­blier­ten und spä­te­re Ent­wick­lun­gen mög­lich mach­ten. «

DDR. Jo­han­nes Kirch­ner, Zahn­me­di­zi­ner

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