„täg­lich für die De­mo­kra­tie ein­ste­hen!“

Ste­fan Kar­ner über sein Kon­zept für das Haus der Ge­schich­te

Kurier (Samstag) - - EXTRA - VON THO­MAS TRENKLER

Ste­fan Kar­ner hat im Auf­trag des Lan­des Nie­der­ös­ter­reich das Haus der Ge­schich­te im Mu­se­um Nie­der­ös­ter­reich kon­zi­piert, das heu­te fei­er­lich er­öff­net wird. Der His­to­ri­ker, Jahr­gang 1952, ist Vor­stand des In­sti­tuts für Wirt­schafts-, So­zi­al- und Un­ter­neh­mens­ge­schich­te der Uni Graz und Lei­ter des Lud­wi­gBoltz­mann-In­sti­tuts für Kriegs­fol­gen-For­schung. KU­RI­ER: Sie ha­ben bis 2006 mit an­de­ren ein Kon­zept für das Haus der Ge­schich­te der Re­pu­blik ent­wi­ckelt. Es wur­de nicht rea­li­siert. Konn­ten Sie Tei­le wei­ter­ver­wen­den? Denn auch das Haus der Ge­schich­te im Mu­se­um Nie­der­ös­ter­reich steht auf den Säu­len „Aus­stel­lun­gen, Ser­vice, For­schung“. Ste­fan Kar­ner: Nicht wirk­lich. Der Schwer­punkt für die­ses ös­ter­rei­chi­sche Zeit­ge­schich­temu­se­um lag auf der Zeit ab 1918. Im Jahr 2013 hat der da­ma­li­ge Lan­des­haupt­mann Er­win Pröll die Idee für ein Haus der Ge­schich­te auf­ge­grif­fen. In St. Pöl­ten be­leuch­ten wir ei­ne sehr lan­ge Zeit­span­ne – mit dem Fo­cus ab der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, wir zei­gen (Nie­der-)Ös­ter­reich in Be­zie­hung zum zen­tral­eu­ro­päi­schen Raum. We­gen des 100-Jahr-Ju­bi­lä­ums wid­men wir zu­dem die ers­te Schwer­punkt­aus­stel­lung der Ers­ten Re­pu­blik. Was es aber wei­ter­hin gibt, sind die drei Säu­len: die Aus­stel­lun­gen, die an­ge­wand­te For­schung und die Ser­vice­funk­ti­on. Men­schen, In­sti­tu­tio­nen, Po­li­ti­ker und Jour­na­lis­ten kön­nen sich mit his­to­ri­schen, aber auch per­so­nen­be­zo­ge­nen Fra­gen an uns wen­den, wir ver­net­zen sie mit be­ste­hen­den Ein­rich­tun­gen. Der An­satz, nicht streng chro­no­lo­gisch vor­zu­ge­hen, son­dern The­men­schwer­punk­te zu set­zen, ist neu?

Völ­lig neu. Wir be­schäf­ti­gen uns mit mehr als zwei Jahr­tau­sen­den. Wenn die Aus­stel­lung chro­no­lo­gisch an­ge­legt wä­re, wür­de der Be­su­cher spä­tes­tens im Jahr 1500 mü­de sein. Aus die­ser tri­via­len Fest­stel­lung her­aus ha­ben wir die Idee ent­wi­ckelt, die Dau­er­aus­stel­lung zu por­tio­nie­ren. Man kann sich al­so bei je­dem Be­such ei­nem an­de­ren The­ma wid­men. Und wir bie­ten zu­sätz­lich ei­ne App an. Das Han­dy führt den Be­su­cher zu je­nen Ob­jek­ten, für die er sich ganz be­son­ders in­ter­es­siert. Ihr wich­tigs­tes An­lie­gen?

Dass die his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen nach­voll­zieh­bar wer­den. Kom­ple­xe Sach­ver­hal­te muss man ver­ein­fa­chen – darf sie da­bei aber nicht ver­fäl­schen. Das Ka­pi­tel „Gleich­schritt“be­schäf­tigt sich mit dem To­ta­li­ta- ris­mus. Und da­her auch mit dem Aus­tro­fa­schis­mus.

In­ge­borg Bach­mann hat ge­sagt: „Die Wahr­heit ist dem Men­schen zu­mut­bar.“Der Auf­trag war: Macht ein gu­tes Mu­se­um! Es hat nie den lei­ses­ten Ver­such ge­ge­ben, ir­gend­et­was zu be­ein­flus­sen. Wir zei­gen Engelbert Doll­fuß da­her so, wie er war – in sei­ner Viel­schich­tig­keit. Es ist völ­lig klar: Im März 1933 wur­de die De­mo­kra­tie von ihm mit ei­nem „Ge­schäfts­ord­nungs­trick“eli­mi­niert. Und am 1. Mai 1934 ver­kün­de­te Doll­fuß die au­to­ri­tä­re Ver­fas­sung des „christ­li­chen, deut­schen Stän­de­staa­tes“. Da­mals gab es in Eu­ro­pa ei­nen Zug hin zu fa­schis­ti­schen Re­gi­men. Auf der an­de­ren Sei­te hat Doll­fuß – mit völ­lig un­taug­li­chen Mit­teln – ver­sucht, den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu be­kämp­fen. Er woll­te, wie er es sel­ber sag­te, die „Na­zis über­hit­lern“, sie in den Sym­bo­len per­fekt ko­pie­ren. Die OSS, die „Ost­mär­ki­schen Sturm­scha­ren“, hat­ten der­art dun­kel­blaue Uni- for­men, dass man sie prak­tisch nicht von den schwar­zen Uni­for­men der SS un­ter­schei­den konn­te. Oder: Hit­ler war „Füh­rer und Reichs­kanz­ler“, Doll­fuß „Front­füh­rer und Bun­des­kanz­ler“. Zwei­fel­los war er ein Na­zi-Geg­ner und 1934 auf Wei­sung aus Ber­lin im Amt er­mor­det. Was da­zu führ­te, dass Doll­fuß von den Bür­ger­li­chen als Mär­ty­rer ver­ehrt wur­de. Bis vor Kur­zem hing des­sen Por­trät im ÖVP-Par­la­ments­club. Auf Be­trei­ben von Alt­lan­des­haupt­mann Pröll ist es nun ein Ex­po­nat im Haus der Ge­schich­te.

Ich ha­be das un­ter­stützt. Denn das Por­trät wird nicht im Kel­ler ver­räumt, wir zei­gen es her, und man kann auch über den Doll­fuß-Kult dis­ku­tie­ren. Aber wir zei­gen auch, wie es so weit kom­men konn­te. Ab ei­nem ge­wis­sen Mo­ment hat­te die De­mo­kra­tie über Par­tei­gren­zen hin­weg zu we­nig Un­ter­stüt­zer. Un­se­re Bot­schaft lau­tet da­her: Wir müs­sen täg­lich für die De­mo­kra­tie eins­te- hen! Wir müs­sen täg­lich für sie kämp­fen! Das Haus der Ge­schich­te ist kein klas­si­sches Mu­se­um, es hat kei­ne ei­ge­ne Samm­lung, es will zum Nach­den­ken ani­mie­ren. Wird da­her auch die der­zei­ti­ge Si­tua­ti­on in Eu­ro­pa, die Auf­ga­be der De­mo­kra­tie in der Tür­kei, in Un­garn und Po­len, be­leuch­tet?

Wir ha­ben dar­über im wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat dis­ku­tiert. Und wir ha­ben die Ak­tua­li­tät et­wa im Be­reich der Mi­gra­ti­on sehr be­für­wor­tet, doch nicht in al­len an­de­ren Be­rei­chen. Der Be­su­cher soll auf Ba­sis der his­to­ri­schen Darstel­lung sel­ber Schlüs­se zie­hen. Wir kau­en al­so nicht al­les vor. Und bei der Mi­gra­ti­on?

Wir zei­gen, dass der zen­tral­eu­ro­päi­sche Raum seit je­her ein Mi­gra­ti­ons­ge­biet ist: Es ka­men die Sky­then, die Kel­ten, die Rö­mer, die Lan­go­bar­den, die Hun­nen. Wir zei­gen die Mi­gra­ti­ons­strö­me – und man sieht: Die Men­schen in die­sem Le­bens­raum wur­den an­dau­ernd be­drängt. Wir zei­gen zu­dem, wie man sich ge­schützt oder auch nicht ge­schützt hat. Und man sieht: Schutz­wäl­le, tat­säch­li­che oder im über­tra­ge­nen Sinn, hat­ten im­mer nur ei­ne tem­po­rär be­grenz­te Wir­kung. Gültig ist in der Mi­gra­ti­ons­fra­ge das Prin­zip der kom­mu­ni­zie­ren­den Ge­fä­ße. Hin­zu kommt in der heu­ti­gen Zeit der Kli­ma­wan­del. Er macht ei­nen Stopp der Mi­gra­ti­on aus mo­ra­li­schen Grün­den nicht mehr ver­tret­bar. Wenn ei­nem Men­schen die Le­bens­grund­la­gen ent­zo­gen wer­den, wenn er nichts zu trin­ken hat, dann ha­be ich kei­ne ethi­sche Recht­fer­ti­gung mehr, ihm das Was­ser vor­zu­ent­hal­ten. Die Dau­er­aus­stel­lung er­streckt sich über 2200 Qua­drat­me­ter. Ist das Haus der Ge­schich­te zu klein di­men­sio­niert?

Nein. Es macht nicht die Mas­se, es geht ja um Re­duk­ti­on. Man muss die ty­pi­schen Ge­gen­stän­de für ei­ne Ent­wick­lung zei­gen. Wir han­deln z. B. das The­ma Flucht und Ver­trei­bung mit zwei Kin­der­wä­gen ab: Ei­ner stammt vom Brün­ner To­des­marsch 1945, der an­de­re vom Flücht­lings­strom 2015. Zu­dem zei­gen wir ei­nen Wach­turm der CSSR und ein Flucht­flug­zeug. Die­se bei­den Ob­jek­te wer­fen Schat­ten – und die­se Schat­ten sind Pro­jek­ti­onsf lä­chen für wei­te­re Bil­der. Ih­re Ar­beit ist jetzt, mit der Er­öff­nung, be­en­det?

Zu­sam­men mit Wolf­gang Ma­dert­ha­ner, dem Ge­ne­ral­di­rek­tor des Staats­ar­chivs, stand ich dem wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat vor, der sei­ne Tä­tig­keit be­reits ein­ge­stellt hat. Mich bat man, das Haus bis 31. De­zem­ber zu lei­ten. Denn es wird viel­leicht nicht nur Lob, son­dern auch Kri­tik ge­ben. Über vie­les kann, ja muss man dis­ku­tie­ren. Ich ste­he zu dem, was wir ge­macht ha­ben. Und wenn ir­gend­wel­che Feh­ler pas­siert sein soll­ten, wer­den wir sie aus­bes­sern. Das Haus der Ge­schich­te ist eben ein dis­kur­si­ver Ort – und kein fer­ti­ges Mu­se­um: Hier wird Ge­schich­te nicht fest­ge­schrie­ben, nicht ein­be­to­niert. Die neue Di­rek­ti­on wird an­de­re Schwer­punk­te set­zen. Denn je­de Zeit schreibt Ge­schich­te neu.

Ex­zel­len­te Aus­stel­lungs­ar­chi­tek­tur von Ger­hard Abel: Das Haus der Ge­schich­te in St. Pöl­ten, das in elf Ka­pi­teln die letz­ten zwei Jahr­tau­sen­de auf­ar­bei­tet

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