Will­kom­men in der Par­al­lel­welt

Deutsch­land frem­delt mit dem Is­lam. Wie­so? Der KU­RI­ER beim größ­ten Mus­li­me-Tref­fen des Lan­des

Kurier (Samstag) - - POLITIK - AUS KARLS­RU­HE E. PE­TER­NEL

Die ge­fühl­te Par­al­lel­welt be­ginnt am Bahn­hof. „Frau­en hin­ten, Män­ner vorn“, ruft ein Mann und fuch­telt mit den Ar­men. Die Meu­te pa­riert: Im Bus, der zum Mes­se­ge­län­de fährt, herrscht strik­te Ge­schlech­ter­tren­nung. „Das ist ja wie am Ba­sar!“, schimpft ei­ne Frau mit ba­di­schem Ak­zent ir­ri­tiert.

„Das ist ganz nor­mal“

Will­kom­men in Karls­ru­he, Ba­den-Würt­tem­berg. Hier am west­lichs­ten Rand Deutsch­lands, woes sonst im­mer ru­hig und be­schau­lich zu­geht, ist heu­te al­les ein biss­chen an­ders: Die deut­sche Ah­ma­diy­ya-Be­we­gung trifft sich ein­mal im Jahr hier, und am Bahn­hof wim­melt es nur so von frem­den Ge­wän­dern, Ge­rü­chen und Spra­chen. 40.000 Men­schen, wird es spä­ter hei­ßen, sind an­ge­reist; al­les Ah­ma­dis, Mus­li­me mit Wur­zeln in Pa­kis­tan, sie wur­den oft ver­folgt und le­ben in der Dia­spo­ra.

Die Au­to­bahn ist je­den­falls ih­ret­we­gen ver­stopft, in den sti­cki­gen Bus­sen zur Hal­le wird Hal­tung be­wahrt: „Das mit der Ge­schlech­ter­tren­nung ist ganz nor­mal bei uns“, sagt ein jun­ges Mäd­chen im Bus, rings um­sie Frau­en, nur ihr Bru­der sitzt auf ih­rem Schoß. Wie, bei uns? „Ich bin aus Stutt­gart“, sagt sie. „Und aus Pa­kis­tan. Ir­gend­wie bei­des.“

Ei­ne Fra­ge der Wur­zeln

Das ist nicht nur bei ihr so. 4,7 Mil­lio­nen Men­schen aus mus­li­mi­schen Län­dern le­ben in Deutsch­land; und wie vie­le von ih­nen sich als Deut­sche füh­len, wie vie­le ih­re Hei­mat in der Fer­ne se­hen, dar­über wird im Wahl­kampf viel und gern ge­re­det. „Al­so, ich bin ge­bür­tig aus Hes­sen“, sagt Kho­la Ma­ryam Hübsch dann in der Mes­se­hal­le , sie lä­chelt und nimmt das Kopf­tuch ab. Wir sind ge­ra­de vom Män­ner- in den Frau­en­raum ge­wan­dert, hier tum­meln sich Tau­sen­de Frau­en mit of­fe­nem Haar, Kin­der spie­len, es ist laut. Ne­ben­an im Män­ner-Raum ist die Pre­digt zu hö­ren. Hübsch, 36, Jour­na­lis­tin, ist ei­nes der be­kann­tes­ten Ge­sich­ter der Ah­ma­diy­ya-Ge­mein­de, und sie ist wohl auch das bes­te Bei­spiel für die­se Grat­wan­de­rung zwi­schen kon­ser­va­tiv-mus­li­mi­schen Ein­stel­lun­gen und ge­leb­ter Of­fen­heit: Ihr Va­ter, ein Chem­nit­zer Alt-68er, war der ers­te deut­sche Ah­ma­diy­ya-Imam, und sie muss sich in Talk­shows oft da­für ver­tei­di­gen, dass sie trotz sä­ku­la­ren Le­bens ein Kopf­tuch trägt. „Das ge­hört da­zu“, sagt sie. Wie­so? Weil es im Koran ste­he, sagt sie. „Aber es gibt kei­nen Zwang.“

Weil es eben im Koran steht, das hört man hier noch oft; und es ist auch der Satz, an dem sich wohl die Geis­ter in Deutsch­land am meis­ten schei­den. Die Ah­ma- dis gel­ten als gut in­te­griert, plä­die­ren für ei­ne sehr li­be­ra­le Aus­le­gung des Korans, des­halb la­den sie auch wie heu­te Nicht-Mus­li­me zu ih­ren Kon­fe­ren­zen ein. Sie stel­len ihr Tun un­ter das Mot­to „Lie­be für al­le, Hass für kei­nen“, ver­ur­tei­len Dschi­ha­dis­ten als „frus­trier­te Leu­te“, die den Is­lam nicht ver­stan­den hät­ten, wie Ka­lif Mir­za Mas­roor Ah­mad dann sagt. Den­noch ist die Be­we­gung aber höchst kon­ser­va­tiv: Nicht nur die Ge­schlech­ter wer­den hier ge­trennt, auch die Hand wird ei­ner Frau hier nicht ge­ge­ben. „Ei­nen or­tho­do­xen Rab­bi fra­gen Sie auch nicht, war­um er ei­ner Frau nicht die Hand gibt“, sagt der Ka­lif spä­ter bei der Pres­se­kon­fe­renz. Nach­satz: „Das wä­re ja an­ti­se­mi­tisch – oder?“

Ist der Is­lam deutsch?

Da­mit trifft er ge­ra­de in Deutsch­land ei­nen Punkt. In de­mLand, das noch im­mer mit sei­ner dunk­len Ge­schich­te ringt, ist der Grat zwi­schen Kri­tik und Aus­län­der­hass so schmal, dass auch in der po­li­ti­schen Dis­kus­si­on die Gren­zen ver­wi­schen. Wenn der Ka­lif von sei­nen Zehn­tau­sen­den Zu­hö­rern ver­langt, sie müs­sen sich den Rech­ten und Ge­pflo­gen­hei­ten des Lan­des an­pas­sen; wäh­rend hin­ter ihm die Deutsch­land­flag­ge hängt, wenn er sagt, sie sei­en ein „Teil von Deutsch­land“, ist das aus­rei­chend? Oder muss mehr An­pas­sung her, wie die CSU es for­dert, die An­ge­la Mer­kels „Der Is­lam ge­hört zu Deutsch­land“nicht un­ter­schrei­ben will? Oder hetzt das die Leu­te nur auf?

„9/11 war der ers­te Wen­de­punkt, die Flücht­lings­kri­se der zwei­te“, sagt Kho­la Ma­ryam Hübsch. Jetzt sei es die AfD, die es den Mus­li­men schwer ma­che; und das be­feue­re die oh­ne­hin Ir­ren: In Er­furt wur­den vor ei­ner Ah­ma­diy­ya-Mo­schee Schwei­neka­da­ver auf­ge­spießt, in Hu­sum Na­zi-Sym­bo­le auf ihr Ge­bets­haus ge­schmiert. „Die Leu­te sind ent­hemm­ter ge­wor­den“, sagt Hübsch, die Schuld da­für gibt sie aber auch man­chen Mus­li­men selbst. Dass vie­le ei­ner „or­tho­do­xen, fun­da­men­ta­lis­ti­schen Ideo­lo­gie“an­hän­gen, sei pro­ble­ma­tisch ; die Ah­ma­dis ver­su­chen sich dar­um be­wusst ab­zu­gren­zen. „Wir su­chen be­wusst das Ge­spräch mit je­nen, die für Of­fen­heit sind“, sagt sie und setzt sich das Kopf­tuch wie­der auf.

Am Bahn­hof, wo es am En­de des Ta­ges wie­der ru­hig ist, steht noch im­mer die Frau, die sich wie im Ba­sar ge­fühlt hat; sie ver­kauft hier Ge­trän­ke. „Ich weiß ja nicht, wie es Ih­nen geht“, sagt sie, „aber für mich sind die hier fremd.“Viel­leicht muss doch noch mehr ge­re­det wer­den.

Die mus­li­mi­sche Welt in der deut­schen: 40.000 Leu­te be­ten, beim His­sen der deut­schen und der Ah­ma­diy­ya-Flag­ge wird „Al­la­hu Ak­bar“ge­ru­fen

„Wir su­chen das Ge­spräch“, sagt Kho­la Ma­ryam Hübsch

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