Acht Jah­re im Roll­stuhl: „Glimpf­lich“

Al­ko-Len­ker ramm­te Frau, Rich­ter wischt At­tes­te vom Tisch und be­wer­tet Un­fall als all­täg­lich

Kurier (Samstag) - - CHRONIK - VON RI­CAR­DO PEYERL

Seit acht Jah­ren sitzt Ro­si­na Toth in Fol­ge ei­nes Ver­kehrs­un­falls im Roll­stuhl und kämpft um Ver­sehr­ten­ren­te. Die Ge­rich­te spie­len sich ge­gen­sei­tig den Ball zu: Ein­mal hat die heu­te 54-Jäh­ri­ge da­mals an­geb­lich ein Schä­del­hirn­t­rau­ma und da­mit ei­ne schwe­re Kör­per­ver­let­zung er­lit­ten, ein an­de­res Mal soll es bloß ei­ne Ge­hirn­er­schüt­te­rung und da­her ein „ver­hält­nis­mä­ßig glimpf­li­cher Un­fall ge­we­sen sein, wel­ches sich wohl ös­ter­reich­weit mehr­mals täg­lich er­eig­net“(aus ei­nem Ur­teil).

3. März 2009, Kö­nig­stet­ten, NÖ: Die frü­he­re Ju­doStaats­meis­te­rin Ro­si­na Toth wird in ih­rem Fi­at Pan­da von ei­nem an­de­ren Au­to ge­rammt. Der Len­ker war al­ko­ho­li­siert. Ei­ne ers­te Dia­gno­se der Ver­letz­ten im Spi­tal er­gibt ein Schä­del­hirn­t­rau­ma und Ver­dacht auf Hals­wir­bel­säu­len-Ver­let­zung. Der Rich­ter im Lan­des­ge­richt St. Pöl­ten über­nimmt die­se va­gen An­ga­ben aus dem Po­li­zei­akt, holt we­der ein ver­kehrs­tech­ni­sches noch ein me­di­zi­ni­sches Gut­ach­ten ein, schwingt sich selbst zum Sach­ver­stän­di­gen auf und ver­ur­teilt den Al­ko-Len­ker we­gen fahr­läs­si­ger schwe­rer Kör­per­ver­let­zung zu ei­ner teil­be­ding­ten Haft­stra­fe. Drei Mo­na­te da­von sitzt der Mann bis No­vem­ber 2009 im Ge­fäng­nis ab.

Ohn­mäch­tig

In der Zwi­schen­zeit hat Ro­si­na Toth die AUVA auf Ver­sehr­ten­ren­te ge­klagt, die man ihr nicht zu­er­ken­nen woll­te. Gut­ach­ter un­ter­stel­len der Frau, sie wür­de nur si­mu­lie­ren. Da­bei kann sie seit dem Un­fall nicht mehr ar­bei­ten, lei­det an Schwin­del, wird häu­fig ohn­mäch­tig, ist auf ei­nen Roll­stuhl ab­ge­wie­sen. „Zeit­wei­se hab’ ich mich 20 Mal am Tag er­bro­chen“, er­zählt sie dem KU­RI­ER. Bei ei­ner spä­te­ren Un­ter­su­chung in der Or­di­na­ti­on ei­nes Ham­bur­ger Chir­ur­gen und Sport­me­di­zi­ners wird fest­ge­hal- ten, dass sie „vom Stuhl fällt. Nach drei bis vier Mi­nu­ten er­wacht die Un­fall­ver­letz­te lang­sam, ist we­der zur Zeit, noch zum Ort, noch zur Per­son ori­en­tiert, krab­belt auf al­len Vie­ren zu ih­rem So­fa.“

Der Rich­ter im Ar­beits­ge- richt Wi­en holt – wie schon sein Kol­le­ge im Straf­pro­zess – kein ver­kehrs­tech­ni­sches Gut­ach­ten zur Fra­ge der Fol­gen des Un­falls ein, son­dern ver­lässt sich ganz und gar auf sei­ne „per­sön­li­che Le­bens­er­fah­rung“und das „er- worbe­ne Spe­zi­al­wis­sen des Richters“durch die „amt­lich über Jahr­zehn­te ge­won­ne­ne Er­fah­rung mit An­ge­le­gen­hei­ten der ge­setz­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung“(aus dem Ur­teil). Dar­aus lei­tet der Rich­ter ab, dass ein Un­fall „die­ser Art kei­ne dau­er­haf­ten Fol­gen“hin­ter­las­sen wür­de. Dem­nach hand­le es sich hier bloß um leich­te Ver­let­zun­gen, die bin­nen zwei bis drei Wo­chen aus­ge­heilt ge­we­sen sein müss­ten und kei­ne Ren­te be­grün­den wür­den.

Die Staats­an­walt­schaft St. Pöl­ten stell­te dar­auf­hin den An­trag bei Ge­richt, das auf der fal­schen An­nah­me ei­ner schwe­ren Kör­per­ver­let­zung ba­sie­ren­de rechts­kräf­ti­ge und be­reits ver­büß­te Ur- teil ge­gen den Len­ker auf­zu­he­ben und das Straf­ver­fah­ren wie­der auf­zu­neh­men. Dem An­trag wur­de statt­ge­ge­ben, ein neu­er Pro­zess we­gen fahr­läs­si­ger leich­ter Kör­per­ver­let­zung im Be­zirks­ge­richt Tulln ge­star­tet. Dort wur­de ein me­di­zi­ni­scher Sach­ver­stän­di­ger be­auf­tragt – und we­gen Be­fan­gen­heit gleich wie­der ab­ge­löst, weil her­aus­kam, dass er auch im Auf­trag der AUVA Gut­ach­ten zu er­stel­len pflegt. Die nächs­te Ver­hand­lung fin­det im No­vem­ber statt.

Kol­li­si­ons­t­rau­ma

Im Ge­gen­satz zur Staats­an­walt­schaft St. Pöl­ten im Straf­pro­zess ist es Ro­si­na Toth im Ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge- richt (bis­her) nicht ge­lun­gen, ei­ne Wie­der­auf­nah­me zu er­rei­chen. Zwar hat sie meh­re­re (deut­sche) Pri­vat­gut­ach­ten vor­ge­legt, die ihr „schwe­re Hirn­schä­den“mit 100-pro­zen­ti­ger Er­werbs­un­fä­hig­keit als Fol­ge ei­nes Kol­li­si­ons­t­rau­mas bei dem Un­fall at­tes­tie­ren. Der Rich­ter sprach die­sen Gut­ach­ten al­ler­dings – ge­stützt auf Ana­ly­sen von (ös­ter­rei­chi­schen) Sach­ver­stän­di­gen und sei­ne Le­bens­er­fah­rung – die Be­weis­kraft ab. Da­mit sah er sich in sei­nem Ur­teil be­stä­tigt und lehn­te ei­nen neu­en Pro­zess mit Er­ör­te­rung der di­ver­gie­ren­den Gut­ach­ten ab.

An­walt Her­bert Pochie­ser hat für Ro­si­na Toth Re­kurs ein­ge­legt (sie­he un­ten).

Der be­schwer­li­che Weg zum Recht: Seit acht Jah­ren kämpft das Op­fer um Ren­te und muss sich an­hö­ren, nur zu si­mu­lie­ren

Rich­ter fol­gen Gut­ach­tern blind – oder be­auf­tra­gen erst gar kei­ne. Bei­des ist ver­hee­rend.

An­walt Her­bert Pochie­ser kämpft für Ro­si­na Toth, die seit dem Un­fall meist auf den Roll­stuhl an­ge­wie­sen ist

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