Mil­lio­nen auf der Flucht vor dem Hur­ri­kan

Ir­ma wü­tet in der Ka­ri­bik, Eva­ku­ie­run­gen in Flo­ri­da und Geor­gia an­ge­ord­net

Kurier (Samstag) - - TITELSEITE - VON DO­MI­NIK SCHREI­BER UND SU­SAN­NE BOBEK

„Es ist ei­ne hal­be Mei­le von uns bis zum Was­ser“, sagt die ge­bür­ti­ge Stei­re­rin Bar­ba­ra Dol­le­schal. „Und der Hur­ri­kan wird ge­nau bei uns durch­ge­hen.“Ihr Haus hat die Fa­mi­lie aus Ös­ter­reich mitt­ler­wei­le ver­bar­ri­ka­diert mit Blech vor den Fens­tern. Je­den Tag ste­hen Dol­le­schal und ihr Wie­ner Ehe­mann Andre­as um fünf Uhr in ih­rer Hei­mat Ca­pe Coral an der Ost­küs­te Flo­ri­das auf und be­ob­ach­ten die Wet­ter­be­rich­te. Zu­nächst gab es noch Hoff­nung, dass „Ir­ma“öst­lich vor­bei­zieht, doch die ak­tu­el­len Mel­dun­gen wer­den von Tag zu Tag eher be­droh­li­cher. Zu­min­dest ei­ne gu­te Nach­richt gibt es: Der Hur­ri­kan wur­de auf Stu­fe vier her­un­ter­ge­stuft. Den­noch ha­ben vie­le Ge­schäf­te be­reits ge­schlos­sen, die In­ha­ber sind Rich­tung Nor­den ge­fah­ren.

37 Mil­lio­nen Be­trof­fe­ne

Nach Schät­zun­gen der Ver­ein­ten Na­tio­nen könn­ten in den kom­men­den Ta­gen bis zu 37 Mil­lio­nen Men­schen von den Aus­wir­kun­gen des Sturms be­trof­fen sein, et­wa die Hälf­te da­von in Flo­ri­da. Ei­ne Mil­li­on da­von ha­ben ei­ne di­rek­te be­hörd­li­che An­wei­sung be­kom­men, ihr Haus zu ver­las­sen.

Der Ener­gie­ver­sor­ger Flo­ri­da Po­wer & Light nimmt we­gen des her­an­zie­hen­den Wir­bel­sturms vor­sorg­lich zwei sei­ner Atom­kraft­wer­ke vom Netz.

Zwei Au­to­bah­nen füh­ren aus Flo­ri­da hin­aus in den si­che­ren Nor­den, et­wa nach Geor­gia: „Die Stra­ßen sind zu, es fah­ren im­mer mehr Leu­te“, be­rich­tet Dol­le­schal. „Wir ha­ben von Leu­ten, die un­ter­wegs wa­ren, ge­hört, dass sie auf ei­ner Stre­cke von nor­ma­ler­wei­se vier St­un­den tat­säch­lich bis zu zehn St­un­den ge­braucht ha­ben und sprich­wört­lich fest ste­cken.“

Auch des­halb wol­len vie­le Nach­barn aus­har­ren: „Wir sind auf der et­was bes­se­ren Sei­te des Hur­ri­kans.“Si­cher­heits­hal­ber ha­ben sie die Scho­ko­la­de im La­ger aber mit Eis ge­si­chert, falls der Strom aus­fällt. Die Stei­re­rin ist Ge­ne­ral­im­por­teu­rin für Zot­terScho­ko­la­de.

Die Fa­mi­lie hat ihr Haus nun hur­ri­kan­si­cher ge­macht und möch­te da­rin aus­har­ren: „Wir sind gut vor­be­rei­tet. Mitt­ler­wei­le ist die Ge­fahr zu groß, auf der Eva­ku­ie­rungs­rou­te ste­cken zu blei­ben.“Das Pro­blem ist au­ßer­dem, dass es auch im Aus­weich­staat Geor­gia be­reits Eva­ku­ie­rungs-Auf­for­de­run­gen gibt. Die Nach­barn et­wa woll­ten dort­hin zu Ver­wand­ten und die lie­gen nun sel­ber in ei­ner Eva­ku­ie­rungs­zo­ne.

Un­ter der Trep­pe

„Wir sind aber weit weg von Pa­nik. Wir blei­ben im si­chers­ten Raum un­ter der Trep­pe“, sagt die Stei­re­rin. „Die glei­chen Vor­be­rei­tun­gen ha­ben wir 2012 ge­macht, da­mals ist ,Isaak‘ aber zwei Ta­ge vor­her in den Golf ab­ge­zo­gen.“

In Flo­ri­da wird die La­ge durch­aus auch mit Hu­mor

ge­nom­men. Wäh­rend man­che in Pa­nik ge­ra­ten, ba­cken ei­ni­ge Tor­ten. Im In­ter­net wer­den dann die schöns­ten „Hur­ri­kan-Ir­ma-Ku­chen“prä­sen­tiert. Ei­ni­ge da­von sind wirk­lich krea­tiv. Auch wur­de auf Bil­dern ge­ra­ten, dass al­le in Flo­ri­da ih­re Ven­ti­la­to­ren gen Os­ten stel­len sol­len, da­mit der Hur­ri­kan nur vor der Küs­te vor­bei­zieht.

In­zwi­schen rüs­tet sich der gan­ze Bun­des­staat ge­gen „Ir­ma“. Be­son­ders auf der Süd­spit­ze, bei den welt­be­rühm­ten Keys, dro­hen Ver­wüs­tun­gen. „Wenn Sie dort sind, dann müs­sen sie da jetzt weg“, lau­te­te die ein­dring­li­che War­nung auf CNN. Da­mit ge­nü­gend Treib­stoff nach Flo­ri­da ge­langt, hat die Re­gie­rung ei­ne Re­ge­lung, dass nur Tan­ker un­ter US-Flag­ge Treib­stoff von ei­nem Ha­fen zum an­de­ren trans­por­tie­ren dür­fen, auf­ge­ho­ben. Die Flug­hä­fen Mia­mi, Or­lan­do und Fort Lau­der­da­le, al­le drei ge­hö­ren zu den 21 größ­ten Flug­hä­fen des Lan­des, wer­den erst so spät wie mög­lich ge­schlos­sen.

Wie am Frei­tag be­kannt wur­de, hat­te die Cr­ew des Flugs FDL431 von Del­ta Air am Mitt­woch ei­nen wag­hal­si­gen Aus­flug in die Ka­ri­bik un­ter­nom­men. Wäh­rend der Sturm Pu­er­to Ri­co und sei­ne Nach­bar­in­seln an­steu­er­te, star­te­te auch die Del­ta-Ma­schi­ne von New York nach San Juan, die Haupt­stadt Pu­er­to Ri­cos. An­de­re Air­lines kehr­ten auf­grund der Sturm­war­nung um oder wähl­ten ei­ne an­de­re Rou­te – nicht so das Team von Del­ta-Air.

Auf den zer­stör­ten Ka­ri­bik­in­seln kommt es zu Plün­de­run­gen. Die Fran­zo­sen und Nie­der­län­der sind alar­miert. Auch weil sich schon der nächs­te Hur­ri­kan an­kün­digt: „Jo­se“, der der­zeit hin­ter „Ir­ma“im At­lan­tik sei­ne Bah­nen zieht, wur­de in der Nacht zum Frei­tag vom Hur­rikan­zen­trum auf Stu­fe drei hoch­ge­setzt. Er be­fand sich zu die­sem Zeit­punkt mit Wind­ge­schwin­dig­kei­ten von bis zu 195 Ki­lo­me­tern pro St­un­de rund 955 Ki­lo­me­ter öst­lich der Klei­nen An­til­len. Er soll die In­seln An­ti­gua und Bar­bu­da dem­nächst er­rei­chen.

Sechs-Me­ter-Wel­len

Auf Ku­ba ver­ur­sach­ten am Frei­tag ers­te Aus­läu­fer von „Ir­ma“Über­schwem­mun­gen. Wäh­rend das Zen­trum des Wir­bel­sturms noch mehr als 350 Ki­lo­me­ter öst­lich der ku­ba­ni­schen Nord­küs­te tob­te, schlu­gen durch den Jahr­hun­dert­sturm auf­ge­peitsch­te Wel­len mit bis zu sechs Me­ter ho­hen Wel­len an die Küs­te. Der Hur­ri­kan wird die In­sel am Sams­tag er­rei­chen.

Bis­her ver­wüs­te­te „Ir­ma“Bar­bu­da schwer. Im Golf von Me­xi­ko wü­tet zu­dem der Tro­pen­sturm „Ka­tia“, der noch auf Ka­te­go­rie eins ein­ge­stuft ist. Es wird er­war­tet, dass „Ka­tia“am Wo­che­n­en­de auf die Küs­te des me­xi­ka­ni­schen Bun­des­staats Ver­a­cruz trifft und hef­ti­ge Re­gen­fäl­le und Sturm­bö­en aus­löst. Nur 200 Ki­lo­me­ter vom Erd­be­ben­ge­biet ent­fernt (sie­he rechts).

Dol­le­schal: „Wir blei­ben im si­che­ren Raum un­ter der Trep­pe“

Mia­mi Beach ist eva­ku­iert: Doch nach Ir­ma soll wie­der ge­fei­ert wer­den

Ein Blick auf St. Tho­mas: Die U.S. Vir­gin Is­lands hat es be­son­ders hart er­wischt

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