So­zi­al­woh­nun­gen pri­va­ti­siert

Ver­kauf. Aber­ken­nung der Ge­mein­nüt­zig­keit droht / Kri­tik am Vor­ge­hen der Stadt Wi­en

Kurier (Samstag) - - WIEN - VON JO­SEF GEB­HARD UND ANDRE­AS ANZENBERGER

Auf­re­gung herrscht um die Zu­kunft von rund 3000 So­zi­al­woh­nun­gen in Wi­en. Of­fen­bar gab es beim Ver­kauf der Wohn­bau­ver­ei­ni­gung der Ge­werk­schaft Öf­fent­li­cher Di­enst (WBV-GÖD), der die Woh­nun­gen ge­hö­ren, an ei­nen pri­va­ten Un­ter­neh­mer Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten. Die Stadt hat ein Prüf­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. An des­sen En­de könn­te die Aber­ken­nung der Ge­mein­nüt­zig­keit ste­hen.

Die Ge­werk­schaft hat be­reits 2003 die WBV an ein pri­va­tes Un­ter­neh­men ver­kauft, das die­se wie­der­um an den jet­zi­gen In­ha­ber Chris­ti­an Hosp um sechs Mil­lio­nen Eu­ro wei­ter­ver­kauf­te. Die­se zwei­te Trans­ak­ti­on wur­de nun vom Re­vi­si­ons­ver­band der ge­mein­nüt­zi­gen Bau­ver­ei­ni­gun­gen un­ter­sucht.

Laut Pres­se liegt das Er­geb­nis nun vor. Dem­nach ge­be es ei­ni­ge Punk­te, die auf ei­nen un­recht­mä­ßi­gen Ver­kauf hin­wei­sen. Des­halb hat die MA50 als zu­stän­di­ge Auf- sichts­be­hör­de ein Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Da­bei geht es vor al­lem um­denA­spekt, dass die Ei­gen­tü­mer­ge­sell­schaft „der­zeit un­ter über­wie­gen­dem Ein­fluss von Per­so­nen, die als An­ge­hö­ri­ge des Bau­ge­wer­bes ein­zu­stu­fen sind, steht“. Das ist un­zu­läs­sig. Er­här­tet sich die­ser Ver­dacht, kann die MA50 ei­nen An­trag stel­len, dass die Wie­ner Lan­des­re­gie­rung die Ge­mein­nüt­zig­keit ab­er­kennt.

Für Mie­ter und ih­re be­ste­hen­den Ver­trä­ge wür­de sich nichts än­dern, be­tont ein Spre­cher von Wohn­bau­stadt­rat Micha­el Lud­wig (SPÖ). Nur frei wer­den­de Woh­nun­gen könn­ten von Än­de­run­gen be­trof­fen sein. In den Rei­hen der ge­mein­nüt­zi­gen Bau­trä­ger gibt es je­doch Ju­ris­ten, die die­se Rechts­mei­nung für falsch hal­ten.

Dort wird die Vor­gangs­wei­se der Ge­mein­de kri­tisch hin­ter­fragt. Es sei ja der Wunsch des In­ves­tors, die Ge­mein­nüt­zig­keit los­zu­wer­den. Denn nach der Aber­ken­nung kön­nen die Woh­nun­gen zum Markt­preis ver­kauft wer­den. Das ist für den In­ves­tor ein gu­tes Ge­schäft. Laut Schät­zun­gen soll der Wert der Woh­nun­gen bei 600 Mil­lio­nen Eu­ro lie­gen. Die Vor­gangs­wei­se der Stadt kön­ne als An­re­gung ver­stan­den wer­den, mit ei­ner ähn­li­chen Kon­struk­ti­on wie bei der WBV-GÖD die Ge­mein­nüt­zig­keit von Wohn­bau­ten aus­zu­he­beln.

Mas­si­ve Be­den­ken

Der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de der WBW-GÖD, Ste­fan Gre­go­rich teilt die­se Be­den­ken: „Die Be­hör­de tut den Fi­nanz­in­ves­to­ren ei­nen Ge­fal­len und ent­zieht dem Bau­trä­ger die Ge­mein­nüt­zig­keit. Das be­trei­ben die ja. Die zah­len ei­ne Stra­fe von ein paar Mil­lio­nen und be­kom­men ei­ne Beu­te von 600 Mil­lio­nen Eu­ro.“

Gre­go­rich er­war­tet sich, dass „sich Stadt­rat Lud­wig ge­set­zes­kon­form ver­hält“. Die vom Rat­haus ver­brei­te­te Rechts­mei­nung „stimmt nicht“. Beim Ver­kauf feh­le die Ge­neh­mi­gung der Auf­sichts­be­hör­de. „Da­her ist das per se rechts­un­wirk­sam. Ich wun­de­re mich, ob wir noch in ei­nen Rechts­staat le­ben. “

Im Bü­ro Lud­wig be­strei­tet man hin­ge­gen, dass die Stadt über In­stru­men­te ver­fü­ge, ei­ne Rück­ab­wick­lung des Ver­kaufs zu er­zwin­gen.

Al­ler­dings hat die Stadt Wi­en auch die Mög­lich­keit, das Ver­mö­gen des Bau­trä­gers nach Aber­ken­nung der Ge­mein­nüt­zig­keit ein­zu­zie­hen. Da­zu gibt es ein zwei­stu­fi­ges Ver­fah­ren, bei dem der Wert der Ge­bäu­de er­mit­telt wird. Wenn der Schätz­wert 600 Mil­lio­nen be­trägt, müss­te der Ei­gen­tü­mer die­sen Be­trag der Ge­mein­de über­wei­sen. Dann wä­re der Kauf des Bau­trä­gers für den In­ves­tor kein gu­tes Ge­schäft ge­we­sen.

Der Ei­gen­tü­mer ha­be auch be­reits ver­sucht, Gre­go­rich als Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den ab­lö­sen zu las­sen. Er ha­be sich aber ge­wei­gert, zu ge­hen, schil­dert die­ser.

Un­klar ist, was die GÖD da­zu mo­ti­viert hat, ei­nen ge­mein­nüt­zi­gen Bau­trä­ger an ei­nen pri­va­ten In­ves­tor zu ver­kau­fen. Aus­ge­rech­net ei­ne Ge­werk­schaft spielt mit der Ge­mein­nüt­zig­keit im Wohn­bau. Der KU­RI­ER hat ver­sucht, dies bei der GÖD her­aus­zu­fin­den. Dort konn­te man am Frei­tag aber kei­ne Stel­lung­nah­me ab­ge­ben.

Von „ei­nem gro­ßen Miss­ver­ständ­nis“spricht in­des Ei­gen­tü­mer Chris­ti­an Hosp. „Ich wer­de um die Bei­be­hal­tung der Ge­mein­nüt­zig­keit für die Ge­sell­schaft kämp­fen – und da­mit auch um den Er­halt der (So­zi­al-)Woh­nun­gen in der be­ste­hen­den Form“, be­tont er.

Dass In­ves­tor Micha­el To­j­ner, der zu­letzt vor al­lem durch das um­strit­te­ne Wie­ner He­u­markt-Pro­jekt für Schlag­zei­len sorg­te, in die Cau­sa in­vol­viert sei, be­strei­tet er: „Es stimmt zwar, dass er mir sei­ner­zeit den Er­werb emp­foh­len hat. Dar­über hin­aus hat To­j­ner kei­ne Funk­tio­nen, In­ter­es­sen oder Ein­fluss auf die­se An­ge­le­gen­heit.“Laut Pres­se gibt es zwi­schen WBVGÖD und To­j­ner ei­nen Op­ti­ons­ver­trag. Die­ser räumt To­j­ner un­ter an­de­rem ei­ne Kauf­op­ti­on ein.

Micha­el Lud­wig: Kei­ne Än­de­run­gen für die Mie­ter Ei­gen­tü­mer ge­mein­nüt­zi­ger Woh­nun­gen dür­fen nicht aus dem Bau­ge­wer­be kom­men In­ves­tor Micha­el To­j­ner soll Kauf­op­ti­on ha­ben

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