2344 Eu­ro für Be­ant­wor­tung von zwölf Fra­gen im Pro­zess In­nen­mi­nis­te­ri­um zahl­te Po­li­zis­ten ein Jahr lang zu viel Ge­halt

Kurier (Samstag) - - CHRONIK - – RI­CAR­DO PEYERL – M. REIBENWEIN

Gut­ach­ten. Die Ein­schät­zun­gen von Ge­fähr­lich­keits­pro­gno­sen ste­hen nicht erst seit dem Fall Felz­mann auf dem Prüf­stand. Es gibt zu we­nig spe­zi­ell aus­ge­bil­de­te Sach­ver­stän­di­ge. Und sie wer­den zu ge­ring ent­lohnt, wie der Lei­ter der Gra­zer Staats­an­walt­schaft, Tho­mas Mühl­ba­cher, im KU­RI­ER be­ton­te. Für ei­ne be­son­ders zeit­auf­wen­di­ge psych­ia­tri­sche Un­ter­su­chung könn­ten bloß 195,40 Eu­ro Pau­scha­le ver­rech­net wer­den.

Ist das wirk­lich über­all so? Am Don­ners­tag wur­de in Wi­en ein pa­ra­no­id schi­zo­phre­ner 28-Jäh­ri­ger vom Schwur­ge­richt in ei­ne An­stalt für geis­tig ab­nor­me Rechts­bre­cher ein­ge­wie­sen, weil er ei­nen Nach­barn mit ei­nem Ei­sen­ham­mer schwer ver­letzt hat­te. Der von An­walt Ro­land Friis ver­tei­dig­te Mann war von ei­ner äu­ßerst pro­fes­sio­nel­len Ge­richts­psych­ia­te­rin un­ter­sucht und als ge­fähr­lich ein­ge­stuft wor­den.

Die Gut­ach­te­rin ver­rech­ne­te in ih­rer Ho­no­rar­no­te vier St­un­den zu je 300 Eu­ro (ab­züg­lich 20 Pro­zent für die öf­fent­li­che Rechts­pfle­ge) für die kri­mi­nal­pro­gnos­ti­sche Beur­tei­lung, macht 960 Eu­ro; zu­sätz­lich je 195,40 Eu­ro für die all­ge­mei­ne psych­ia­tri­sche Beur­tei­lung, die Schuld­fä­hig­keit und die Test­un­ter­su­chung. Samt Ak­ten­stu­di­um, Ak­ten­trans­port und Fahr­kos­ten schlägt sich das Gut­ach­ten mit 2338 Eu­ro zu Bu­che.

In Psych­ia­ter­krei­sen ist zu hö­ren, dass die an sich nach dem Ge­büh­ren­an­spruchs­ge­setz ein­heit­lich ge­re­gel­ten Gut­acht­er­ho­no­ra­re zwi­schen den ein­zel­nen Ge­rich- ten un­ter­schied­lich und je nach Ge­nau­ig­keit der Re­vi­so­ren ab­ge­rech­net wer­den.

Wo­bei man­che Sach­ver­stän­di­ge ih­re Ho­no­rar­no­te noch zu­sätz­lich auf­zu­fet­ten ver­su­chen. Ein Wie­ner Ge­richts­psych­ia­ter be­kam nach Er­stel­lung sei­nes Gut­ach­tens, das an den Be­trof­fe­nen über­mit­telt wur­de, von die­sem bzw. sei­nem An­walt zwölf Fra­gen über­mit­telt. In der Ver­hand­lung ging der Sach­ver­stän­di­ge dar­auf ein – und ver­rech­ne­te am Schluss zu­sätz­lich zum Ho­no­rar für das Gut­ach­ten (1428 Eu­ro) je 195,40 Eu­ro pro Be­ant­wor­tung der zwölf Fra­gen.

Kein Kör­berl­geld

Die­ses Plus von 2344 Eu­ro wur­de ihm vom Ober­lan­des­ge­richt Wi­en je­doch ab­er­kannt. Die Be­ant­wor­tung der zwölf Fra­gen stel­len „nicht meh­re­re ge­son­dert zu ho­no­rie­ren­de Gut­ach­ten“dar, „son­dern hat­te der Ex­per­te le­dig­lich sein Gut­ach­ten im Hin­blick auf die­se Fra­gen zu er­läu­tern“(Ge­richts­be­schluss). Ex­tra-Kör­berl­geld ge­bührt ihm da­für kei­nes.

Ein Kol­le­ge hat­te zwecks Be­gut­ach­tung ei­nen Haus­be­such ab­sol­viert, aber nie­man­den an­ge­trof­fen. Erst beim zwei­ten An­lauf klapp­te es. Er ver­rech­ne­te beim ers­ten Haus­be­such 30 Eu­ro für das Ak­ten­stu­di­um und beim zwei­ten Be­such neu­er­lich 30 Eu­ro. Das Ge­richt mein­te, beim neu­er­li­chen Ak­ten­stu­di­um vor dem zwei­ten Haus­be­such sei ein ge­wis­ser „Wie­der­er­ken­nungs­ef­fekt“zu er­war­ten, wes­halb nur 15 Eu­ro an­ge­mes­sen sind. 300.000 Eu­ro Scha­den. Die­ser Pro­gram­mie­rungs­feh­ler kam teu­er: Ein Jahr lang zahl­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um 600 bis 700 Po­li­zis­ten zu viel Geld aus. In den Ge­nuss ka­men Po­li­zis­ten, die im grenz- und frem­den­po­li­zei­li­chen Dienst tä­tig wa­ren. Ih­nen wur­de ei­ne zu ho­he Jour­nal­dienst­ge­bühr aus­be­zahlt. Als der Feh­ler auf­flog, woll­te sich das Mi­nis­te­ri­um das Geld zu­rück­ho­len – nach meh­re­ren Ver­hand­lun­gen mit der Per­so­nal­ver­tre­tung dür­fen die Ver­trags­be­diens­te­ten das Geld nun aber doch be­hal­ten. „Die Kol­le­gen ha­ben das Geld im gu­ten Glau­ben ge­nom­men, dar­aus kann man ih­nen kei­nen Vor­wurf ma­chen“, sagt Rein­hard Zim­mer­mann (FCG), Vor­sit­zen­der der Po­li­zei­ge­werk­schaft.

„Der Feh­ler be­traf ei­nen Teil­be­reich der au­to­ma­ti­sier­ten Ge­halts­ab­rech­nung“, sagt Mi­nis­te­ri­ums­spre­cher Karl-Heinz Grund­böck. Ein Jahr lang dau­er­te es, bis der Feh­ler er­kannt wur­de – das pas­sier­te in die­sem Som­mer. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um stell­te Rück­for­de­run­gen an die Be­trof­fe­nen. Laut AUF (Ak­ti­ons­ge­mein­schaft Un­ab­hän­gi­ger und Frei­heit­li­cher, Anm.) soll es in meh­re­ren Fäl­len zu Ge­halts­ab­zü­gen von rund 1000 Eu­ro ge­kom­men sein. Was zur Fol­ge hat­te, dass die AUF die Be­trof­fe­nen in­for­mier­te und ih­nen ei­nen Mus­ter­an­trag zwecks Rück­for­de­rung der Rück­for­de­rung zu­kom­men ließ. Es folg­ten Ver­hand­lun­gen zwi­schen Mi­nis­te­ri­um und Per­so­nal­ver­tre­tung – die letz­te Run­de fand ges­tern, Frei­tag, statt. Schließ­lich folg­te das Mi­nis­te­ri­um der Ar­gu­men­ta­ti­on der Per­so­nal­ver­tre­tung: Die dro­hen­den Rück­zah­lun­gen sind so­mit ob­so­let.

ver­mu­tet den Ver­däch­ti­gen noch dort, wo er sich aus­kennt: Im Wald um Sti­woll

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.