Mons­ter­schif­fe be­la­gern Ve­ne­dig

Wäh­rend die ei­nen ums Über­le­ben kämp­fen, geht es den an­de­ren ums Er­le­ben

Kurier - - FRONT PAGE - VON NA­DI­NE ZEI­LER

Jähr­lich zie­hen 2000 Bür­ger aus Ve­ne­dig weg. Tö­tet oder be­lebt der Tou­ris­mus die Stadt?

Ei­ne Flut be­droht Ve­ne­dig. Sie be­deckt die dunk­len Pflas­ter­stei­ne vor dem Mar­kus­dom, spült Mas­sen in die cha­rak­te­ris­tisch en­gen Gas­sen. Die Flut drückt Ein­hei­mi­sche an die Wand, sie hin­ter­lässt Müll und Lu­xus­ho­tels. Täg­lich kom­men bis zu 100.000 se­hens­wür­dig­keits­hung­ri­ge Tou­ris­ten nach Ve­ne­dig.

Wie je­den Som­mer wer­den sie mit An­ge­bo­ten ge­lockt: Drei Näch­te für 89 Eu­ro. Ve­ne­zia­ni­sches Fee­ling für we­nig Geld – je­der muss in ei­ner Gon­del durch die Ka­nä­le ge­schau­kelt sein. Rei­se­ver­an­stal­ter wer­ben mit neu­en Un­ter­künf­ten in his­to­ri­schen Ge­bäu­den.

Lu­xus­la­bel statt Pa­laz­zi

Es ist ein Pa­ra­do­xon. In ei­ner Stadt, in der kein Na­gel ein­ge­schla­gen wer­den darf, oh­ne den Denk­mal­schutz zu ver­stän­di­gen, wer­den his­to­ri­sche Ge­bäu­de als Ho­tels und Ein­kaufs­zen­tren ver­ramscht. Die Käu­fer sind Un­ter­neh­men wie Be­net­ton, Pra­da oder chi­ne­si­sche In­ves­to­ren. Mo­tor die­ser Ent­wick­lung war lan­ge Zeit der ve­ne­zia­ni­sche Bür­ger­meis­ter Mas­si­mo Cac­cia­ri. Er re­gier­te mit Un­ter­bre­chun­gen bis 2010. Für Cac­cia­ri war es völ­lig nor­mal, dass Be­woh­ner von Alt­städ­ten in die Rand­ge­bie­te ge­drängt wer­den. Ein Exo­dus der Be­woh­ner? So kön­ne man das wirk­lich nicht nen­nen.

Mat­teo Sec­chi sieht das an­ders. Der Be­grün­der der Bür­ger­initia­ti­ve „Ven­es­sia.com“hat Ve­ne­dig be­reits 2008 sym­bo­lisch zu Gr­a­be ge­tra­gen, die Ein­woh­ner­zahl war da­mals erst­mals un­ter 60.000 ge­fal­len. „Wenn wir so wei­ter ma­chen, wer­den wir zu ei­ner Geis­ter­stadt wie Pom­pe­ji“, sagt Sec­chi. Sei­ne Aus­sa­ge un­ter­streicht das Schau­fens­ter der Apo­the­ke Mo­rel­li. Auf ei­nem Schild ist dort blin­kend die ak­tu­el­le Ein­woh­ner­zahl zu se­hen. 55.000 – we­ni­ger als nach der Pest im 17. Jahr­hun­dert.

War­um zie­hen die Ve­ne­zia­ner weg? Ei­ner­seits fin­den sie kei­ne er­schwing­li­chen Woh­nun­gen mehr – die Ei­gen­tü­mer ver­mie­ten die­se viel lu­kra­ti­ver an Tou­ris­ten. Es gibt kei­ne Be­gren­zun­gen für Ver­mie­ter, wie bei­spiels­wei­se in Bar­ce­lo­na.

Sie­ges­zug von AirBnB

Die ver­blei­ben­den Ve­ne­zia­ner ha­ben im Wo­chen­takt neue Nach­barn. AirBnB ist ein gro­ßes Pro­blem. Die Gäs­te ma­chen Lärm, hin­ter­las­sen Müll. An­de­rer­seits schwin­det die be­nö­tig­te In­fra­struk­tur. Le­bens­mit­tel­lä­den oder Fri­seur­sa­lons wei­chen Sou­ve­ni­er-Shops und Ho­tels. Post­kar­ten und in Chi­na ge­fer­tig­te ve­ne­zia­ni­sche Mas­ken fül­len kei­ne Mä­gen. Kir­chen schlie­ßen we­gen man­geln­der Ge­mein­de­mit­glie­der, Schul­bän­ke blei­ben leer. Es gibt kaum Ar­beits­plät­ze au­ßer- halb der Tou­ris­mus­bran­che. Un­ge­fähr 30 Mil­lio­nen Tou­ris­ten kom­men jähr­lich nach Ve­ne­dig. We­gen Angst vor Ter­ror in an­de­ren Län­dern stieg die Zahl der Ur­lau­ber in Ita­li­en seit 2000 um 55 Pro­zent. Vie­le kom­men mit dem Kreuz­fahrt­schiff – dem ro­ten Tuch für Ve­ne­zia­ner. Stünd­lich brin­gen die turm­ho­hen Schif­fe Tau­sen­de Men­schen auf die In­sel. Im Wo­chen­takt gibt es Pro­tes­te. Ve­ne­zia­ner schwen­ken Fah­ren mit „No Gran­di Na­vi“– die Bür­ger­initia­ti­ve kämpft seit Jah­ren für ei­ne Re­duk­ti­on des Schiff­ver­kehrs – die Gon­do­lie­re hu­pen, man­che zei­gen den Mit­tel­fin­ger. Die Schif­fe ver­ur­sa­chen me­ter­ho­he Wel­len, das Salz­was­ser zer­stört die Back­stei­ne, die lau­fend re­stau­riert oder aus­ge­tauscht wer­den müs­sen. Die Vi­bra­tio­nen der ton­nen­schwe­ren Schif­fe füh­ren zu ei­nem Ab­sin­ken des Bo­dens der Stadt. Je mehr der sinkt, des­to nä­her kommt die auf Holz­pf­lö­cken ge­bau­te Stadt dem Meer­was­ser. Die Emis­sio­nen ver­schmut­zen Luft und Was­ser und ge­fähr­den das sen­si­ble Öko­sys­tem der La­gu­ne.

Ein 2014 er­las­se­nes Teil­ver­bot für Kreuz­fahrt­schif­fe wur­de zwei Jah­re spä­ter wie­der auf­ge­ho­ben – es sei ein un­ver­hält­nis­mä­ßi­ger Ver­stoß ge­gen öf­fent­li­che und pri­va­te In­ter­es­sen. Die UNESCO droh­te lan­ge mit dem Ent­zug des Wel­ter­be­ti­tels, ent­schied sich im Ju­li aber da­ge­gen. Vor ein paar Wo­chen stimm­ten 18.000 Ve­ne­zia­ner dar­über ab, ob Kreuz­fahrt­schif­fe ver­bannt wer­den sol­len. 98,7 Pro­zent stimm­ten da­für, die Po­li­ti­ker sa­hen das Re­fe­ren­dum aber als nicht bin­dend an. Ein En­de ist nicht in Sicht, Kreuz­fahr­ten boo­men. Laut des In- ter­na­tio­na­len Kreuz­fahrt­ver­bands CLIA un­ter­nah­men im Vor­jahr welt­weit 24,2 Mil­lio­nen Men­schen ei­ne Kreuz­fahrt, Ten­denz stei­gend. Rund 1500 der Schif­fe leg­ten in Ve­ne­dig an.

Prio­ri­tät Tou­ris­mus

Ve­ne­dig lebt vom Tou­ris­mus, so lau­tet das Tot­schlag­ar­gu­ment ge­gen je­den Wi­der­stand. Das sei das Leid, das man zu tra­gen ha­be als Rei­se-Hots­pot. Die Kreuz­fahrt­tou­ris­ten hal­ten Ve­ne­dig aber nicht am Leben. Sie kom­men für ei­nen Tag und ge­ben kaum Geld aus – oft wird nur ein Kaf­fee ge­trun­ken und auf Kir­chen­stu­fen ge­pick­nickt.

Ita­li­en steu­ert nun da­ge­gen. 2017 sei der Som­mer der Ver­bo­te, ti­tel­te die Zei­tung La Stam­pa. Auf Ca­pri soll ei­ne Zu­las­sungs­be­schrän­kung ein­ge­führt wer­den, Flo­renz lässt mit­tags gro­ße Plät­ze be­wäs­sern, da­mit Tou­ris­ten dort nicht pick­ni­cken und ih­ren Müll lie­gen las­sen. Rom will die Be­su­cher­zahl auf der Spa­ni­schen Trep­pe re­geln.

Und Ve­ne­dig? Es wur­de viel dis­ku­tiert, mal über Ein­tritts­prei­se, mal über Zu­gangs­be­schrän­kun­gen. En­de 2017 soll es end­lich so weit sein: Ein Bu­chungs­sys­tem für den Zu­gang zum Mar­kus­platz soll ein­ge­führt wer­den. Wer den be­rühm­ten Platz be­su­chen will, muss sich an­mel­den. Von ei­ner Art Nu­me­rus clau­sus nimmt man wei­ter Ab­stand. Lu­i­gi Brug­na­no, der jet­zi­ge Bür­ger­meis­ter, ist ge­gen Be­schrän­kun­gen. „Die Stadt steht je­dem of­fen“, be­tont Brug­na­no und warnt, Kreuz­fahrt­schif­fe zu ver­teu­feln. Sie wür­den 5000 Ar­beits­plät­ze si­chern. Er ist über­zeugt: „Oh­ne Tou­ris­ten stirbt Ve­ne­dig.“

Ei­ne Sze­ne wie aus ei­nem Film – für die Ein­woh­ner ein Dra­ma. Kreuz­fahrt­schif­fe brin­gen Tou­ris­ten, Lärm und Müll. Un­ge­fähr 2000 Ein­woh­ner zie­hen jähr­lich aus Ve­ne­dig weg

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