An­griffs­pau­se mit Fol­gen

Dün­kir­chen. In der Schlacht, die der­zeit un­ter „Dun­kirk“in den Ki­nos läuft, ret­te­te die Roy­al Na­vy mehr als 300.000 ein­ge­kes­sel­te Sol­da­ten. Die Ak­ti­on ge­lang nur, weil die deut­sche Wehr­macht ei­nen gro­ßen Feh­ler be­ging

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Fisch­kut­ter, Ret­tungs­boo­te – al­le ver­füg­ba­ren Was­ser­fahr­zeu­ge wer­den zum so­for­ti­gen Ein­satz be­nö­tigt. Ad­mi­ral Bertram Ram­sey, ei­gent­lich im Ru­he­stand, hat 48 St­un­den Zeit, um ei­ne der größ­ten Ret­tungs­ak­tio­nen des Zwei­ten Welt­kriegs zu or­ga­ni­sie­ren.

Mehr als 400.000 Sol­da­ten der fran­zö­si­schen und bri­ti­schen Ein­hei­ten be­fin­den sich En­de Mai 1940 im Kes­sel um den fran­zö­si­schen Ba­de­ort Dun­ker­que, be­kannt als Dün­kir­chen. Seit Ta­gen bom­bar­diert die deut­sche Wehr­macht Stadt und Ha­fen, aber wie durch ein Wun­der blei­ben die Pan­zer knapp 20 Ki­lo­me­ter vor dem Zen­trum ste­hen.

Die­se An­griffs­pau­se be­scher­te den al­li­ier­ten Sol­da­ten ein le­bens­ret­ten­des Zeit­fens­ter. His­to­ri­kern be­rei­te­te sie hin­ge­gen jahr­zehn­te­lang Kopf­zer­bre­chen. „Bis heu­te gibt es kei­ne end­gül­ti­ge Po­si­ti­on, war­um es zu die­sem Hal­te­be­fehl kam“, er­klärt His­to­ri­ker Jens Weh­ner vom Mi­li­tär­his­to­ri­schen Mu­se­um Dres­den dem KU­RI­ER.

Spe­ku­la­tio­nen

Statt­des­sen kur­sie­ren un­ter­schied­li­che Spe­ku­la­tio­nen und Theo­ri­en. ZumBei­spiel, dass Hit­ler die Pan­zer­ein­hei­ten nicht über­stra­pa­zie­ren woll­te. Trotz des schnel­len Vor­sto­ßes wa­ren die Ver­lus­te groß und die Be­sat­zung er­schöpft. Ei­ne an­de­re Theo­rie: Hit­ler woll­te die En­g­län­der scho­nen, um Frieden zu schlie­ßen. Dem wi­der­spricht Weh­ner: „Dies lässt sich aus der Qu­el­len­la­ge nicht er­här­ten.“

Als rea­lis­ti­scher be­zeich­net er die Theo­rie sei­nes Kol­le­gen Ro­man Töp­pel: Hit­ler ge­neh­mig­te den Pan­zer­stopp aus Angst vor mög­li­chen Ge­gen­an­grif­fen und dem ge- ne­rell Un­kal­ku­lier­ba­ren. Denn der ge­sam­te Pan­zer­feld­zug Rich­tung Wes­ten, den die Deut­schen am 10. Mai 1940 star­te­ten war kein so­li­des mi­li­tä­ri­sches Ma­nö­ver, son­dern ein ris­kan­tes Un­ter­fan­gen, er­klärt der Mi­li­tär­his­to­ri­ker. Und als Ge­ne­ral­oberst Gerd von Rund­stedt kurz vor Dün­kir­chen den „Hal­ten­be­fehl“gab, woll­ten die ei­nen wei­ter­pre­schen, die an­de­ren zö­ger­ten. Sie fürch­te­ten, dass ih­re Pan­zer­ein­hei­ten doch noch an­ge­grif­fen wer­den könn­ten. „Die Ner­vo­si­tät war groß“, be­rich­tet Weh­ner.

Feh­l­ein­schät­zung

Hit­ler hat je­den­falls durch­ge­setzt, die Pan­zer für zwei Ta­ge ru­hen zu las­sen. „Er war über­zeugt, die deut­sche Luft­waf­fe wür­de die Bri­ten in der Zwi­schen­zeit dar­an hin­dern, über den Är­mel­ka­nal zu flie- hen – das hat­te ihm Her­mann Gö­ring, Ober­be­fehls­ha­ber der Luft­waf­fe, zu­ge­sagt“, er­klärt Weh­ner. Das er­wies sich als Feh­l­ein­schät­zung, es kam in Fol­ge zu vie­len Pro­ble­men: „Wäh­rend der Schlacht wa­ren die ab­ge­kämpf­ten, deut­schen Flie­ger we­gen schlech­ten Wet­ters nur zwei Ta­ge im Ein­satz. Zu­dem flo­gen sie von weit ent­fern­ten Stand­or­ten an.“Die Bri­ten wa­ren im Luft­kampf über­le­gen, auch weil sie ge­nü­gend Jagd­flug­zeu­ge auf der In­sel hat­ten, die in kür­zes­ter Zeit über Dün­kir­chen flo­gen – dar­un­ter der neue Typ „Spit­fi­re“.

Und wäh­rend am Him­mel die Schlacht tob­te, ge­lang es Bri­ten und Fran­zo­sen, mehr als 300.000 Män­ner über den See­weg nach Groß­bri­tan­ni­en zu ret­ten. Erst am 4. Ju­ni roll­ten die Deut­schen mit Pan­zern in Dün­kir­chen ein. Dass ih­nen Tau­sen­de Bri­ten ent­ka­men, zähl­te zu die­sem Zeit­punkt nicht, die Stadt war er­obert und Wo­chen spä­ter Frank­reich. „Wäh­rend sie im Ers­ten Welt­krieg vier Jah­re ge­gen den Nach­barn kämpf­ten, konn­ten sie das Land dies­mal in we­ni­gen Wo­chen ein­neh­men“, er­klärt Mi­li­tär­his­to­ri­ker Weh­ner.

Auf bri­ti­scher Sei­te nutz­te man die Nie­der­la­ge, um sich neu zu sor­tie­ren. Die Bri­ten hat­ten gro­ße Men­gen an mi­li­tä­ri­schem Ma­te­ri­al ver­lo­ren, das sie in den Stra­ßen zu­rück­las­sen muss­ten. Ih­ren Kampf setz­ten sie von En­g­land aus fort. „Wir wer­den uns nie­mals er­ge­ben!“, ver­kün­de­te Wins­ton Chur­chill am 4. Ju­ni 1940 im bri­ti­schen Un­ter­haus. Lei­se soll er zu ei­nem Ab­ge­ord­ne­ten gesagt ha­ben: „Und wir wer­den sie be­kämp­fen mit den En­den zer­bro­che­ner Fla­schen, denn das ist ver­dammt al­les, was wir noch ha­ben.“

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