Schick­sals­wahl in Ve­ne­zue­la

Ent­schei­dung. Drei Sze­na­ri­en, vom Bür­ger­krieg bis zu Ma­du­ros Ab­gang, sind denk­bar

Kurier - - POLITIK - AUS BO­GO­TA TOBIAS KÄU­FER

Tief po­la­ri­siert, vol­ler Ge­walt und schein­bar oh­ne Aus­weg aus der schwe­ren in­nen­po­li­ti­schen Kri­se – so steht Ve­ne­zue­la heu­te da. Am Sonn­tag, dem Tag der Wahl der „Con­sti­tuy­en­te“, der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung, und in den St­un­den zu­vor wur­den fünf An­hän­ger der Op­po­si­ti­on ge­tö­tet; auf der an­de­ren Sei­te wur­de ei­ner der Kan­di­da­ten in sei­nem Haus er­schos­sen. Gut 230.000 Po­li­zis­ten und Sol da­ten si­cher­ten den Wahl­tag.

Die Op­po­si­ti­on hat­te zum Boy­kott des Ur­nen­gangs auf­ge­ru­fen. Denn die 545 Volks­ver­tre­ter, die mehr­heit­lich der Re­gie­rung na­he­ste­hen, sol­len die Macht­ar­chi­tek­tur im Land neu ord­nen. Die Op­po­si­ti­on be­fürch­tet das En­de der De­mo­kra­tie und das end­gül­ti­ge Ab­glei­ten in ei­ne mar­xis­ti­sche Dik­ta­tur, denn Prä­si­dent Ni­colás Ma­du­ro will un­ter an­de­rem das Par­la­ment, in sei­ner bis­he­ri­gen Au­s­prä­gung ab­schaf­fen. Für Hei­ter­keit sorg­te am Sonn­tag le­dig­lich ei­ne pein­li­che Pan­ne: Als Ma­du­ro nach sei­ner Stimm­ab­ga­be sei­nen Aus­weis vor lau­fen­den Ka­me­ras scan­nen ließ, er­schien die di­gi­ta­le An­zei­ge: „Die­se Per­son exis­tiert nicht oder der Aus­weis wur­de an­nul­liert.“

Ma­du­ro re­giert trotz der ab­so­lu­ten Mehr­heit der Op­po­si­ti­on bei den letz­ten frei­en Wah­len 2015 mit Son­der­de­kre­ten und Aus­nah­me­zu­stand. Als ent­schei­dend für die Ak­zep­tanz der Ab­stim­mung am Sonn­tag galt die Wahl­be­tei­li­gung (bis Re­dak­ti­ons­schluss

nicht be­kannt). Nur wenn es dem So­zia­lis­ten ge­lun­gen ist, vie­le Mil­lio­nen zu mo­bi­li­sie­ren, be­kommt die Wahl ei­nen de­mo­kra­ti­schen An­strich.

Ab­hän­gig­keit vom Staat

Der Druck auf al­le, die vom Staat ab­hän­gig sind, war enorm – und das sind sehr vie­le der 19,4 Mil­lio­nen Wahl­be­rech­tig­ten: Mehr als fünf Mil­lio­nen ar­bei­ten für den Staat, min­des­tens acht Mil­lio­nen sind auf Le­bens­mit­tel­pa­ke­te, die sie vom Staat ge­gen Vor­la­ge ih­res „Va­ter­lands­aus­wei­ses“be­kom­men, an­ge­wie­sen. Sie sind durch die­se Kar­te, die sie zur Wahl mit­brin­gen müs­sen, kon­trol­lier­bar, wie Ma­du­ro of­fen zu­gab: „Von al­len Kar­ten­in­ha­ber wer­den wir wis­sen, ob sie ih­re Stim­me ab­ge­ben.“

Ei­ne nied­ri­ge Be­tei­li­gung hät­te ver­hee­ren­de po­li­ti­sche Fol­gen für den Prä­si­den­ten, der al­les auf die­se Kar­te ge­setzt hat. Nun sind drei Sze­na­ri­en denk­bar: – Bür­ger­krieg Nach der Wahl zur „Con­sti­tuy­en­te“be­an­sprucht der Prä­si­dent die Macht über das in re­gu­lä­ren Wah­len ge­wähl­te Par­la­ment. Er lässt die Par­la­men­ta­ri­er aus dem Haus wer­fen, die Mit- glie­der der „Con­sti­tuy­en­te“zie­hen ein. Die re­gu­lär ge­wähl­ten Ab­ge­ord­ne­ten ver­su­chen die „Na­tio­nal­ver­samm­lung“mit Hil­fe der Op­po­si­ti­ons­be­we­gung auf der Stra­ße zu ver­tei­di­gen. Es kommt zum Bür­ger­krieg und ei­ner blu­ti­gen Räu­mung des Par­la­ments. Es fol­gen Ver­haf­tungs­wel­len, po­li­ti­sche Pro­zes­se, Hun­dert­tau­sen­de flüch­ten.

Ent­schei­dend für den Aus­gang ei­ner sol­chen be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zung wird das Ver­hal­ten der Ar­mee und Po­li­zei: Schla­gen sich Tei­le des Si­cher­heits­ap­pa­ra­tes auf die Sei­te der Be­völ­ke­rung ist ei­ne Re­vo­lu­ti­on denk­bar. Ver­hal­ten sie sich loy­al zum Prä­si­den­ten, ist ein Blut­bad mög­lich.

Dann droht auch ein in­ter- na­tio­na­ler Kon­flikt. Weil das Nach­bar­land Ko­lum­bi­en un­ter der Mas­sen­flucht der Ve­ne­zo­la­ner lei­det, for­dern rech­te Kräf­te in Bo­go­ta, die bür­ger­li­che Op­po­si­ti­on in Ve­ne­zue­la zu un­ter­stüt­zen. Die Kri­se brei­tet sich zu ei­nem re­gio­na­len Flä­chen­brand aus. Die USA grei­fen ein, in dem sie ein Öl-Em­bar­go ver­hän­gen. Da Wa­shing­ton ei­ner der wich­tigs­ten Öl-Kun­den und da­mit Geld­ge­ber Ve­ne­zue­las ist, wä­re das gleich­be­deu­tend mit dem end­gül­ti­gen Zu­sam­men­bruch der am Bo­den lie­gen­den Wirt­schaft. – Ver­hand­lungs­weg Ma­du­ro nutzt das In­stru­ment der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung als Ver­hand­lungs­mas­se in Ge­sprä­chen mit der Op­po­si- ti­on. Die Kir­che, im bes­ten Fal­le Papst Fran­zis­kus, über­nimmt die Ver­mitt­lung. Es be­ginnt ein zä­her Ver­hand­lungs­pro­zess, der Ma­du­ro und den So­zia­lis­ten am En­de ei­nen Amts­ver­zicht er­ho­be­nen Haup­tes er­mög­li­chen soll. Be­reits jetzt wird nach An­ga­ben der Re­gie­rung heim­lich mit der Op­po­si­ti­on ver­han­delt. – Ma­du­ro dankt ab Mas­sen­pro­tes­te, schwa­che Wahl­be­tei­li­gung, in­ter­na­tio­na­ler Druck, die ver­häng­ten Sank­tio­nen der USA und ein An­ge­bot der Straf­frei­heit hin­ter den Ku­lis­sen las­sen Ma­du­ro auf­ge­ben. Er geht ins Exil nach Ku­ba, Ve­ne­zue­las Sys­tem bricht zu­sam­men. Das Land ver­sinkt im Cha­os, es dau­ert Mo­na­te, es zu sta­bi­li­sie­ren.

Un­ter dem wach­sa­men Au­ge der Er­ben des ver­stor­be­nen so­zia­lis­ti­schen Prä­si­den­ten Chá­vez ste­hen Bür­ger in Ca­ra­cas für Stimm­ab­ga­be an

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