Ein Sehn­suchts­ort für Neu­gie­ri­ge

Klassik. Chris­toph Pop­pen or­ga­ni­siert jähr­lich ein Musikfestival um die Kle­in­stadt­fes­tung Mar­vão

Kurier - - KULTUR - AUS POR­TU­GAL VON

Mar­vão. Auch wer schon viel ge­se­hen hat, kommt hier ins Stau­nen. Bei ei­nem ver­schla­fe­nen mit­tel­al­ter­li­chen Ört­chen, wo die Zeit vor lan­gem ste­hen ge­blie­ben ist, gut zwei­ein­halb Au­to­stun­den von Lis­s­a­bon ent­fernt an der por­tu­gie­sisch-spa­ni­schen Gren­ze. Wo die en­gen Gas­sen auf ei­nem fast 900 Me­ter ho­hen Fels­pla­teau des São de Ma­me­de-Ge­bir­ges einst noch für Pfer­de und nicht für Au­tos ge­pflas­tert wur­den.

Ein Fest der Mu­sik

Mar­vão ist ein Ge­heim­tipp für Freun­de klas­si­scher Mu­sik mit neu­gie­ri­gen Oh­ren: Der deut­sche Di­ri­gent Chris­toph Pop­pen hat den Ort mit Aus­blick in die por­tu­gie­si­sche Tief­ebe­ne eben­so wie in die spa­ni­sche Ex­trema­du­ra nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter nörd­lich von Por­ta­leg­re bei ei­ner Rad­tour 2010 ent­deckt.

Es war Lie­be auf den ers­ten Blick. Und das von ihm in­iti­ier­te vier Jah­re spä­ter ge­grün­de­te Festival International de Mu­si­ca de Mar­vão hat im Som­mer viel zu bie­ten. Rund 40 hoch­ka­rä­tig be­setz­te Kon­zer­te mit Klassik-Klän­gen aus al­len Rich­tun­gen in ei­ner pracht­vol­len Land­schaft und at­mo­sphä­risch be­son­de­re Spiel­stät­ten.

Ei­nen spe­zi­el­len mit ei­nem stim­mungs­vol­len Son­nen­un­ter­gang zur Mu­sik hat­te heu­er das Ga­la Er­öff­nungs­kon­zert mit der Hong Kong Sin­fo­ni­et­ta im In­nen­hof der al­ten Fe­s­tung.

Mys­ti­sche Mo­men­te

Als be­zau­bernd im Zu­sam­men­spiel von Lo­ca­ti­on und Mu­sik ha­ben sich auch ex­qui- si­te So­lo-Kon­zer­te in der an­ti­ken und nur mit ei­nem Meer von Ker­zen il­lu­mi­nier­ten Zis­ter­ne er­wie­sen, in der et­wa Cla­ra-Ju­mi Kang ei­ne Par­ti­ta für Gei­ge von Bach zu Ge­hör brach­te und Hu­go Quei­ros mit sei­ner Bass­kla­ri­net­te un­glaub­li­che Sounds kre­ierte.

Es ist ein Fest von Mu­si­kern für Mu­si­ker, die zu „ex­tre­men Freund­schafts­kon­di­tio­nen hier auf­tre­ten“, sagt Pop­pen im KU­RI­ER-Ge­spräch, „auch weil sie die Ma­gie die­ses be­son­de­ren Or­tes schät­zen.“Und er freut sich, dass „wir in so kur­zer Zeit mit doch sehr be­schränk­ten Mit­teln schon so weit ge­kom­men sind“.

Wenn es bei al­ler Ein­ma­lig­keit die­ses jun­gen Fes­ti­vals schon un­be­dingt ei­ne Ori­en­tie­rung braucht, dann sei Mar­vão noch am ehes­ten mit dem „Festival dei due mon­di“in Spole­to und der le­gen­dä­ren „Can­tie­re In­ter­na­zio­na­le d’Ar­te di Mon­te­pul­cia­no“in der Tos­ka­na zu ver­glei­chen.

Je­der scheint je­den zu ken­nen in Mar­vão. Und das Pu­bli­kum ist so nah dran wie kaum sonst­wo. Wenn – ne­ben Ab­ste­chern in die na­hen rö­mi­schen Rui­nen von Am­maia – et­wa die drei Kir­chen im Ort be­spielt wer­den – mit viel G’spür für aus­ge­such­te und eher sel­ten ge­hör­te Gus­to-Stü­ckerl. Da ist ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de vor al­lem al­ler­lei Neu­es zu ent­de­cken im Re­per­toire, stets fein ab­ge­stimmt auf die Akus­tik der sa­kra­len Räu­me.

Open Air bel­len mit­un­ter schon ein­mal Hun­de von der Fer­ne in ein So­lo. Oder der Wind weht manch­mal ein No­ten­blatt da­von, bis es ei­ne gu­te See­le aus dem Pu­bli­kum wie­der ein­sam­melt und auf das Po­di­um zu­rück­bringt. Das Lis­s­a­boner Gul­ben­ki­an Oches­ter macht im­mer wie­der mit eben­so wie das Köl­ner Kam­mer­or­ches­ter.

Und spon­tan Stan­ding Ova­tions gab’s heu­er für den Ös­ter­rei­cher Ge­rald Pr­ein­falk, der zwar da­heim durch­aus vie­ler­or­ten zu er­le­ben ist, et­wa heu­er am 25. 8. mit „Pri­ne-Zo­ne“zur Er­öff­nung des Jazz­fes­ti­vals in Saal­fel­den: Aber als So­list in ei­nem Kon­zert für Sa­xo­fon und klas­si­sches Orches­ter von Lar­sE­rik Lars­son in ei­nem sol­chen Am­bi­en­te wie vor der Kir­che im spa­ni­schen Va­len­cia de Al­cant­ara doch nie.

Dass im­mer Wid­rig­kei­ten mit der Bü­ro­kra­tie zu über­win­den sind und im­pro­vi­siert wer­den muss, ist kaum sicht­bar. Et­wa wenn ein Bi­schof in Spa­ni­en drei Ta­ge vor dem be­reits zu­ge­sag­ten und an­ge­kün­dig­ten Kon­zert den Zu­tritt ver­wei­gert. Da wird eben vor der ver­schlos­se­nen Kir­che mu­si­ziert.

Li­be­ral gibt sich Or­ga­ni­sa­tor Pop­pen, was das mu­si­ka­li­sche Kon­zept be­trifft: „Im Mo­ment bin ich da sehr of­fen für die Wün­sche der So­lis­ten und En­sem­bles, so dass das Pro­gramm ein sehr schö­ner bun­ter Blu­men­strauß ist. Oh­ne die mir sonst sehr ver­trau­te stren­ge pro­gram­ma­ti­sche Hand­schrift. So brin­gen wir auch im­mer wie­der völ­lig Neu­es.“

Kon­zert im Burghof der rö­misch-mau­ri­schen Fe­s­tung: Vom 900 Me­ter ho­hen Berg im por­tu­gie­si­schen Mar­vão geht der Blick bis nach Spa­ni­en

Chris­toph Pop­pen: „Die Ma­gie des Or­tes hat mich be­zau­bert“

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