„Wir müs­sen den Män­nern ge­hor­chen“

Ei­ne jun­ge, in Wi­en le­ben­de Tsche­tsche­nin er­zählt, wie Frau­en un­ter­drückt wer­den

Kurier - - FRONT PAGE - VON LU­KAS KREIMER UND BER­NAR­DO VORTISCH he Gra­fik). (sie-

„Wir sind ge­fan­gen im 18. Jahr­hun­dert.“Ma­li­ka bleibt ru­hig, wenn sie über die Zu­stän­de in ih­rer Com­mu­ni­ty er­zählt. Es sei ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit un­ter Tsche­tsche­nen, dass Frau­en ih­ren Ehe­män­nern, Vä­tern und Brü­dern zu ge­hor­chen ha­ben – wenn sie das nicht tun , ha­be das „oft so­gar fa­ta­le Fol­gen“, sagt sie. Wenn es in den Me­di­en um Tsche­tsche­nen geht, wer­den meis­tens nur Män­ner und et­wai­ge Straf­ta­ten be­leuch­tet. Die Un­ter­drü­ckung, der vie­le Frau­en aus die­sem Kul­tur­kreis im pri­va­ten Um­feld aus­ge­setzt sind, dringt kaum an die Öf­fent­lich­keit.

Ma­li­ka ist An­fang 20 und aus ei­ner – für tsche­tsche­ni­sche Ver­hält­nis­se – li­be­ra­len Fa­mi­lie. Sie und ih­re Ge­schwis­ter ge­nie­ßen vie­le Frei­hei­ten und leben in vie­ler­lei Hin­sicht wie nor­ma­le ös­ter­rei­chi­sche Ju­gend­li­che. So ein Leben ist in der Com­mu­ni­ty aber ei­ne Aus­nah­me.

Eh­ren­mor­de

Welt­weit gibt es rund zwei Mil­lio­nen Tsche­tsche­nen, et­wa 30.000 da­von leben in Ös­ter­reich. Die Mehr­heit von ih­nen flüch­te­te, so wie Ma­li­kas Fa­mi­lie, wäh­rend der zwei Tsche­tsche­ni­en­krie­ge in den 90ern und 2000ern Häus­li­che Ge­walt und Eh­ren­mor­de, oft we­gen der Part- ner­wahl der Mäd­chen, sind kei­ne Sel­ten­heit, er­zählt Ma­li­ka: „Ich ha­be so­gar mit­be­kom­men, wie männ­li­che Ver­wand­te von mir ih­ren Freun­den emp­foh­len ha­ben, ih­re Töch­ter um­zu­brin­gen, als sie her­aus­ge­fun­den ha­ben, dass die Mäd­chen in ei­ner Be­zie­hung sind.“

Ma­ria Röss­lhu­mer, Ge­schäfts­füh­re­rin vom „Ver­ein Au­to­no­me Ös­ter­rei­chi­sche Frau­en­häu­ser“(AÖF) kennt die Si­tua­ti­on und sagt im KU­RI­ER-Ge­spräch: „Die jun­gen Frau­en ste­hen un­ter star­ker fa­mi­liä­rer Kon­trol­le, wo­bei sich nicht nur die nächs­ten Bluts­ver­wandt­schaft, son­dern auch die weit­läu­fi­ge Fa­mi­lie be­tei­ligt. Die Fa­mi­li­en sind un­ter­ein­an­der gut ver­netzt.“

Aus dem Sys­tem aus­zu­bre­chen ist schier un­mög­lich, und selbst wenn es Frau­en ge­lingt zu f lie­hen, sind sie nicht ein­mal in Frau­en­häu­sern si­cher: „Wenn ein tsche­tsche­ni­scher Va­ter sei­ne Toch­ter nicht am Leben las­sen will, dann schafft er es auch sie zu fin­den und um­zu­brin­gen. Sie sind un­heim­lich gut or­ga­ni­siert“, be­stä­tigt Ma­li­ka.

So­gar wenn sich ei­ne Be­trof­fe­ne ei­ne neue Iden­ti­tät zu­legt und den Wohn­ort wech­selt, „muss sie nur ir­gend­ein Tsche­tsche­ne auf der Stra­ße se­hen“und lei­tet die­se In­for­ma­ti­on schon an die Fa­mi­lie wei­ter. „Da hilft auch die Na­mens­än­de­rung nicht viel“, sagt Ma­li­ka.

„Adat“und Is­lam

Doch war­um hat sich die tsche­tsche­ni­sche Ge­sell­schaft – so­wohl in der Hei­mat als auch in der Dia­spo­ra – in die­se Rich­tung ent­wi­ckelt? Drei Fak­to­ren sind da­für maß­geb­lich: Der tra­di­tio­nel­le Ehr­be­griff, die tsche­tsche­ni­schen Krie­ge und die dar­aus re­sul­tie­ren­de is­la­mi­sche Ra­di­ka­li­sie­rung.

Der Ehr­be­griff hat im tsche­tsche­ni­schen Ge­mein­schafts­recht „Adat“ei­ne zen­tra­le Stel­lung. Laut Kers­tin Susanne Jobst, Pro­fes­so­rin am In­sti­tut für ost­eu­ro­päi­sche Ge­schich­te an der Uni Wi­en, re­gle­men­tiert das „Adat“die Rol­le der Frau und ver­schie­de­ne Ge­sell­schafts­be­rei­che der Tsche­tsche­nen sehr streng. Wird die Fa­mi­li­en­eh­re be- schmutzt, wird zu dras­ti­schen Maß­nah­men wie Blut­ra­che und Eh­ren­mord ge­grif­fen. In der De­bat­te ge­ben Ex­per­ten aber im­mer wie­der zu be­den­ken, dass Tsche­tsche­nen kei­ne ho­mo­ge­ne Be­völ­ke­rungs­grup­pe sind und es – wie in je­der Kul­tur – ver­schie­de­ne Strö­mun­gen gibt.

Tsche­tsche­nen ha­ben sich in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten in der Dia­spo­ra iso­liert, was In­te­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen mas­siv er­schwert, er­klärt Uni-Pro­fes­so­rin Jobst.

Auch die Kon­flik­te mit Russ­land ha­ben bei der Be­völ­ke­rung ein Trau­ma aus­ge­löst: Seit dem Zer­fall der So­wjet­uni­on 1991 wur­de Tsche­tsche­ni­en von zwei lan­gen Krie­gen er­schüt­tert, die für mas­si­ve Flücht­lings­strö­me sorg­ten. In die­sem Cha­os fan­den vie­le Men­schen Halt in der Re­li­gi­on, wur­den laut Ma­li­ka aber auch durch äu­ße­re Einf lüs­se ra­di­ka­li­siert: „Seit­dem ir­gend­wel­che Ara­ber nach Tsche­tsche­ni­en ge­zo­gen sind und dort den ra­di­ka­len Is­lam ver­brei­tet ha­ben, hat sich auch die Ein­stel­lung der Tsche­tsche­nen ge­än­dert. Nicht nur in Tsche­tsche­ni­en, son­dern auch hier in Ös­ter­reich.“

Aus Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten geht her­vor, dass un­ter den IS-Kämp­fern welt­weit un­ge­fähr 1700 Tsche­tsche­nen sind – Rus­sisch ist nach Ara­bisch und Eng­lisch die meist­ge­spro­che­ne Spra­che im Ka­li­fat.

Es be­steht Hoff­nung

Ma­li­ka sieht je­doch nicht al­les an ih­rer Kul­tur ne­ga­tiv und er­zählt et­wa über die Gast­freund­schaft der Tsche­tsche­nen, wo Gäs­ten völ­lig selbst­ver­ständ­lich ein Fest­mahl ge­kocht wird, oder der gro­ße Re­spekt vor der Mut­ter. Sie sieht auch Hoff­nung für die Zu­kunft jun­ger Tsche­tsche­nen in Ös­ter­reich: Es gibt nicht we­ni­ge Mäd­chen – und auch Bur­schen – die mit den jet­zi­gen Struk­tu­ren un­zu­frie­den sind. Was zeigt, dass die Com­mu­ni­ty sich eman­zi­piert – wenn auch lang­sam.

Jun­ge Tsche­tschen­in­nen vor ei­nem Schau­fens­ter in Fa­vo­ri­ten. Auch in der Bri­git­ten­au und in der Leo­pold­stadt woh­nen vie­le Tsche­tsche­nen

Der um­strit­te­ne tsche­tsche­ni­sche Prä­si­dent Ram­san Ka­dy­row vor ei­nem Bild sei­nes Amts­vor­gän­gers und Va­ters, Achmat Ka­dy­row

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