Blin­de Pas­sa­gie­re un­ter Le­bens­ge­fahr

Im­mer mehr Flücht­lin­ge rei­sen auf Gü­ter­zü­gen über die Brenner Rou­te in den Nor­den

Kurier - - FRONT PAGE - VON CHRIS­TI­AN WILLIM

Mit 100 km/h brau­sen im­mer wie­der Gü­ter­zü­ge durch den klei­nen Bahn­hof von Raubling im deut­schen Inn­tal­d­rei­eck. Die Schie­nen­frach­ter pas­sen nicht ins Fahn­dungs­ras­ter der Bun­des­po­li­zis­ten der In­spek­ti­on Ro­sen­heim, weil sie ent­we­der nicht aus Ita­li­en kom­men oder aber be­reits am Brenner von den Ti­ro­ler Kol­le­gen kon­trol­liert wur­den.

Bei strö­men­dem Re­gen ha­ben die Schlei­er­fahn­der in gro­ßer Mann­stär­ke an die­sem Mor­gen be­reits um vier Uhr früh Po­si­ti­on be­zo­gen. Die Un­ter­stüt­zung ei­nes Po­li­zei­hub­schrau­bers, der bei die­sen Ak­tio­nen sonst ab dem 20 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Kie­fers­fel­den mit Wär­me­bild­ka- me­ras „Füh­lung auf­nimmt“, fällt we­gen tech­ni­scher Pro­ble­me für heu­te aus.

Doch die Po­li­zis­ten ha­ben zu­letzt viel Er­fah­rung ge­sam­melt, wel­che Ar­ten von Gü­ter­zü­gen gu­te Ver­ste­cke für Mi­gran­ten bie­ten, die so il­le­gal über die Gren­zen nach Nor­den wol­len. Denn die Zahl die­ser Auf­grif­fe ist zu­letzt sprung­haft ge­stie­gen. „Im ers­ten Halb­jahr wa­ren es rund 20 Per­so­nen. Al­lein im Ju­li schon über 80“, sagt Rai­ner Scharf von der Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on Ro­sen­heim, die fast für den ge­sam­ten Grenz­ab­schnitt zwi­schen Bay­ern und Ös­ter­reich zu­stän­dig ist.

Die Schlei­er­fahn­der ha­ben zu­letzt die Kon­troll­tä­tig­keit er­höht. „Es han­delt sich hier nicht in ers­ter Li­nie um ei­ne grenz­po­li­zei­li­che Maß- nah­me. Es geht hier um Men­schen­le­ben. Die Fahrt auf ei­nem Gü­ter­zug ist le­bens­ge­fähr­lich“, sagt Scharf.

In Ti­rol sind be­reits zwei Men­schen ums Leben ge­kom­men und auch in Bay­ern gab es be­reits ein To­des­op­fer (sie

he Zu­satz­ar­ti­kel). Die Flücht­lin­ge le­gen sich zum Teil auf die Dä­cher von Con­tai­nern oder krie­chen in Zwi­schen­räu­me un­ter Lkw-Auf­le­gern. „Da ist vi­el­leicht ein hal­ber Me­ter zwi­schen ih­nen und den Schie­nen. Bei Käl­te be­steht die Ge­fahr des Er­frie­rens“, er­klärt Scharf.

Um 7.30 Uhr wird klar, wo­von der Po­li­zist spricht. Beim drit­ten an die­sem Tag ge­stopp­ten Zug wer­den die Be­am­ten fün­dig. Un­ter ei­nem Lkw-An­hän­ger ha­ben sich zwei jun­ge Män­ner auf die Trans­port­flä­che ei­nes Wag­gons der Rol­len­den Land­stra­ße ge­kau­ert. „Wir brau­chen ei­nen Arzt“funkt ei­ner der Po­li­zis­ten an die Zen­tra­le, nach­dem die zwei Ni­ge­ria­ner nach Auf­for­de­rung der Be­am­ten aus dem Zwi­schen­raum auf die Bahn­tras­se her­aus klet­tern.

Voll­kom­men er­schöpft

Bei tra­gen kei­ne Ja­cken, son­dern nur Sweat­shirts. Ei­ner der zwei kann vor Er­schöp­fung kaum noch ste­hen, muss von den Uni­for­mier­ten ge­stützt wer­den. Der Zug, auf dem sie ihr Glück ver­sucht ha­ben, ist in Bo­zen in Süd­ti­rol ge­star­tet. Ob sie dort oder vi­el­leicht erst am Brenner, wo in den Mor­gen­stun­den nur 19 Grad ge­mes­sen wur­den, auf­ge­sprun­gen sind, wird wohl auch nach der Be­fra­gung nicht klar wer­den. „Die meis­ten Flücht­lin­ge wis­sen gar nicht, wo sie sind“, er­zählt Scharf.

Es sind vor al­lem Mi­gran­ten aus Eri­trea, Gui­nea und Ni­ge­ria die die­ses Ri­si­ko auf sich neh­men, nach­dem sie be­reits die Wüs­te und die Fahrt über das Mit­tel­meer über­lebt ha­ben. War­um ge­ra­de die­se Län­der das Ran­king an­füh­ren, weiß die Exe­ku­ti­ve nicht. Zu den nä­he­ren Hin­ger­grün­den wird er­mit­telt. So soll auch ge­klärt wer­den, ob Schlep­per ih­re Fin­ger im Spiel ha­ben.

„Das sind ar­me Teu­fel“, sagt Franz Ai­g­ner, der an die­sem Mor­gen mit an­de­ren Pend­lern wie je­den Werk­tag auf sei­nen Zug Rich­tung Mün­chen war­tet über die Gü- ter­zug-Flücht­lin­ge. „Brüs­sel bringt kei­ne Auf­tei­lung zu­sam­men. Und Ita­li­en steht im Re­gen“, wet­tert der Bay­er, der sich an die mor­gend­li­chen Kon­trol­len be­reits ge­wöhnt hat.

Rund 93.000 Mi­gran­ten sind in die­sem Jahr schon mit dem Boot in Ita­li­en an­ge­kom­men. Aber auch wenn zu­letzt die Zahl der il­le­ga­len Ein­rei­sen auf Gü­ter­zü­gen zu­ge­nom­men hat: Die Zahl der Auf­grif­fe der In­spek­ti­on Ro­sen­heim bleibt Mo­nat für Mo­nat re­la­tiv kon­stant bei rund 1000 Per­so­nen. Und auch die Po­li­zei in Ti­rol wird nicht mü­de zu be­to­nen: „Es gibt kei­nen merk­li­chen An­stieg an Auf­grif­fen“, wie ei­ne Spre­che­rin sagt. 25 Flücht­lin­ge pro Tag wür­den der­zeit im Schnitt auf­ge­grif­fen.

Mit Schwer­punkt­kon­trol­len in Raubling wol­len Grenz­be­am­te der Bun­des­po­li­zei Ro­sen­heim auch Leben ret­ten. Beim KU­RI­ER-Lo­kal­au­gen­schein wur­den zwei Ni­ge­ria­ner ent­deckt, die kaum noch ste­hen konn­ten

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