Tho­mas Gla­vi­nic zum Wahl­kampf

Tho­mas Gla­vi­nic. Der Ro­man­cier über sein neu­es Buch, ei­ne „Ge­brauchs­an­wei­sung zur Selbst­ver­tei­di­gung“, und die hei­mi­sche Po­li­tik, die im Wahl­kampf ih­re „Meis­ter­schaft in Hin­ter­häl­tig­keit“un­ter Be­weis stell­te.

Kurier - - FRONT PAGE - VON THO­MAS TRENKLER

Die hei­mi­sche Po­li­tik ha­be, so der Schrift­stel­ler, „Meis­ter­schaft in Hin­ter­häl­tig­keit“be­wie­sen.

KU­RI­ER: Sie ver­mö­gen durch­aus zu ver­blüf­fen. Denn Sie ha­ben ei­nen un­ter­halt­sam zu le­sen­den Rat­ge­ber ge­schrie­ben, ei­ne „Ge­brauchs­an­wei­sung zur Selbst­ver­tei­di­gung“– auch zur men­ta­len. Im Pi­per Ver­lag sind im Rah­men ei­ner Rei­he schon vie­le „Ge­brauchs­an­wei­sun­gen“er­schie­nen, zu­meist al­ler­dings für Län­der und Städ­te. Wur­den Sie ge­be­ten? Oder wie ka­men Sie auf die Idee?

Tho­mas Gla­vi­nic: Ich wur­de ge­fragt, ob ich ei­ne Ge­brauchs­an­wei­sung für Kampf­sport schrei­ben wür­de. Kampf­sport für sich ge­nom­men in­ter­es­siert mich nicht be­son­ders, al­so ha­be ich das The­ma Selbst­ver­tei­di­gung vor­ge­schla­gen und an­klin­gen las­sen, dass es nicht nur um die kör­per­li­che Ebe­ne der Selbst­ver­tei­di­gung ge­hen soll. Ein Buch dar­über zu schrei­ben, wie man an­de­re ver­prü­gelt, hät­te ja nun eher über­schau­ba­ren Reiz ge­habt. Ich woll­te ein Buch für Män­ner und für Frau­en schrei­ben, ei­nes, das auch je­man­dem nützt, der „nur“im Bü­ro drang­sa­liert wird, und nicht ei­ne Mo­no­gra­fie über die Ohr­fei­ge. Was aber auf­fällt: Sie tre­ten in Dia­log mit ei­ner Le­se­rin oder ei­nem Le­ser, der sich zu­min­dest weh­ren könn­te oder soll­te. Doch sind zu­meist nicht je­ne die Op­fer, die da­zu gar nicht in der La­ge sind? Zum Bei­spiel ge­brech­li­che Men­schen.

Wir sind doch al­le ge­brech­lich. Bei mei­nen Le­sern set­ze ich je­den­falls kei­ne Wehr­haf­tig­keit vor­aus, son­dern bloß den Wunsch, sie zu ent­wi­ckeln. Da Sie we­der So­zio­lo­ge oder Psy­cho­the­ra­peut, son­dern Er­zäh­ler sind: Was be­fä­higt Sie zu ei­ner sol­chen Ge­brauchs­an­wei­sung? Die Le­bens­er­fah­rung?

Dass mir man­che Men­schen auf die­sem Ge­biet Kom­pe­tenz zu­trau­en, liegt ver­mut­lich an mei­nem Äu­ße­ren. Au­ßer­dem lei­de ich nach über­ein­stim­men­der Ein­schät­zung mei­ner Freun­de an ei­nem fa­ta­len Hang zum Be­schüt­zen und Da­zwi­schen­ge­hen. Ich be­schäf­ti­ge mich tat­säch­lich schon lan­ge mit dem The­ma, wo­bei mich das Ver­hin­dern von kör­per­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, das Prin­zip der Dee­s­ka­la­ti­on, am meis­ten in­ter­es­siert. Ich glau­be, dass mit der rich­ti­gen Ein­stel­lung, ei­nem ge­sun­den Selbst­ver­trau­en und ei­nem grund­sätz­lich po­si­ti­ven Ver­hält­nis zu an­de­ren Men­schen fast je­der von uns un­ab­hän­gig von Ge­schlecht und Schul­ter­brei­te in der La­ge ist, fast je­den Kampf zu be­en­den, noch ehe er be­gon­nen hat. Wenn das aus wel­chen Grün­den auch im­mer nicht funk­tio­niert, ist es al­ler­dings güns­tig, ein paar Tricks zu be­herr­schen, um ei­nen Kampf zu be­en­den, un­mit­tel­bar nach­dem er be­gon­nen hat. Und die kann auch so gut wie je­der ler­nen. Wie ist das mit der Angst? Ist sie ein schlech­ter oder gu­ter Rat­ge­ber? Wann soll­te man sie über­win­den? Und wie?

Angst lähmt, und läs­tig ist sie so­wie­so. Das ein­zig Po­si­ti­ve an Angst ist, dass sie sich in ei­ner Ge­fah­ren­si­tua­ti­on flugs in Furcht oder Pa­nik ver­wan­delt und uns da­durch un­miss­ver­ständ­lich die Not­wen­dig­keit si­gna­li­siert, das Wei­te zu su­chen. Sie lähmt aber auch oft, und es wä­re für uns bes­ser, im Zu­sam­men­hang mit wü­ten­den Schlä­ger­ty­pen im Gast­haus, wü­ten­den Chefs am Ar­beits­platz und wü­ten­den Au­to­mo­bi­len auf der Stra­ße mehr vul­ka­ni- sche Lo­gik als un­kon­trol­lier­te Emo­tio­nen wal­ten zu las­sen. Angst ist ein uni­ver­sel­ler Mensch­heits­feind. Wer kei­ne So­li­da­ri­tät und kein Mit­ge­fühl mit Schwä­che­ren hat, dem wol­len Sie, wie Sie schrei­ben, nichts er­zäh­len. Sie kön­nen sich Ih­re Le­ser aber nicht aus­su­chen. Nervt Sie das?

Gar nicht. Ich glau­be ja an das Gu­te in uns. Die al­ler­meis­ten Men­schen, so sehr sie sich in ih­ren Ei­gen­ar­ten von mir un­ter­schei­den mö­gen, sind schwer in Ord­nung, auch wenn es manch­mal nicht die­sen An­schein ha­ben mag. Uns ist oft der Blick auf die Be­weg­grün­de des an­de­ren ver­stellt, und wir ur­tei­len zu oft zu schnell über Men­schen, über die wir zu we­nig wis­sen. Und ein Sze­na­rio, in dem bru­ta­le So­zi­o­pa­then mein Buch als Blau­pau­se für Ge­walt­ex­zes­se ge­gen ih­re Nach­barn miss­brau­chen, hal­te ich so­wie­so für un­wahr­schein­lich. Da Sie sich seit Ih­rer Ju­gend mit dem Bo­xen be­schäf­ti­gen: Wür­den Sie dem Be­fund zu­stim­men, dass Kanz­ler Chris­ti­an Kern ein „Glas­kinn“hat?

Kommt dar­auf an, wor­auf Sie das be­zie­hen. Aufs Po­li­ti­sche? Aufs Mensch­li­che? Zum Po­li­ti­schen kann ich nur sa­gen, dass ich ir­gend­wann im ver­gan­ge­nen Jahr mein In­ter­es­se an dem, was man un­ter Ta­ges­po­li­tik zu­sam­men­fasst, ver­lo­ren und noch nicht wie­der­ge­fun­den ha­be. Und mensch­lich ha­ben wir al­le ein Glas­kinn. Wir al­le sind ver­letz­li­cher, als wir zu­ge­ben möch­ten, und ich hal­te es für un­er­läss­lich, das auch bei ei­nem Po­li­ti­ker nicht zu ver­ges­sen und ihm ge­gen­über ei­ne ge­wis­se Rück­sicht zu be­wah­ren. Wo­her rührt Ihr Des­in­ter­es­se an der Ta­ges­po­li­tik? Weil die al­ten Par­tei­en Re­for­men ver­hin­dern und nur ih­ren ei­ge­nen Macht­er­halt im Sinn ha­ben?

Ich weiß nicht. Ich glau­be, es liegt dar­an, dass das kon­kre­te Po­li­tik­ge­sche­hen so sehr von De­struk­ti­vi­tät und sche­ma­ti­schem Freun­dFeind-Den­ken ge­prägt ist. Das ist nicht auf das Par­la­ment be­schränkt ge­meint, son­dern schließt Zei­tungs­re­dak­tio­nen wie Stamm­ti­sche ein: Al­le wol­len nur et­was oder je­man­den ver­hin-

dern, und Mut zu Ide­en soll­te man auf gar kei­nen Fall ha­ben oder ihn zu­min­dest gut tar­nen. Das er­gibt un­term Strich nun ein­mal kein gro­ßes Ki­no. Auch wenn die Ta­ges­po­li­tik Sie an­wi­dert: Wie be­ur­tei­len Sie den Wahl­kampf? Er­le­ben wir mit den wahn­wit­zi­gen Dir­ty-Cam­pai­ning-Stra­te­gi­en nicht gro­ßes Ki­no – in der Rea­li­tät?

An­wi­dern ist ein zu star­kes Wort. Mit so un­ver­söhn­li­chen Be­grif­fen muss man ge­ra­de in der Po­li­tik vor­sich­tig um­ge­hen. An­ge­wi­dert bin ich al­len­falls von ei­nem of­fen frem­den­feind­li­chen, un­so­li­da­ri­schen, weis­heits­frei­en und völ­lig skru­pel­lo­sen Po­li­ti­ker wie Do­nald Trump, und so je­man­den gibt es zum Glück bei uns nicht, glau­be ich, zu­min­dest hat es sie oder ihn nicht in ho­he Po­si­tio­nen oder gar in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung ge­spült. Was die Ent­wick­lun­gen der letz­ten Wo­chen an­be­langt, muss man an­er­ken­nend fest­stel­len, dass wir tat­säch­lich ein­mal in ei­nem ös­ter­rei­chi­schen Wahl­kampf in­ter­na­tio­na­les Ni­veau be­ob­ach­ten dür­fen, wenn­gleich es nur gro­ße Meis­ter­schaft in Hin­ter­häl­tig­keit und Bös­ar­tig­keit ist, die sich hier of­fen­bart. Als Mensch, der un­ter­hal­ten wer­den will, neh­me ich sol­che Face­book-Dra­men mit Be­frie­di­gung zur Kennt­nis. Als Wäh­ler be­fürch­te ich al­ler­dings, der Herr Bun­des­kanz­ler und sein Um­feld wer­den schon ge­wusst ha­ben, war­um sie sich ge­ra­de für Herrn Sil­ber­stein als Be­ra­ter ent­schie­den ha­ben, so wie ich be­fürch­te, dass der Herr Au­ßen­mi­nis­ter wuss­te, was er da sagt, als er die Wahl als Volks­ab­stim­mung dar­über be­zeich­ne­te, „ob wir die Sil­ber­steins in Ös­ter­reich wol­len“. Die Angst vor dem Frem­den und dem Is­lam ist in Ös­ter­reich ziem­lich groß. Die Par­tei­en der Mit­te sind, um Wählerstimmen zu ge­ne­rie­ren, da­her stark nach rechts ge­rückt. Sind sie noch glaub­wür­dig?

Angst ist, wie ge­sagt, nie ein gu­ter Rat­ge­ber, aber Blau­äu­gig­keit und Nai­vi­tät eben­so we­nig. Ich den­ke, die Par­tei­en sind nicht aus der Mit­te nach rechts, son­dern von links in die Mit­te ge­rückt. Im Üb­ri­gen ist Glaub­wür­dig­keit in der Po­li­tik so­wie­so ei­ne ver­nach­läs­sig­ba­re Ka­te­go­rie. Ob wir den Par­tei­en trau­en oder nicht, spielt kei­ne Rol­le: Das An­ge­bot in ei­ner De­mo­kra­tie ist über­schau­bar. Das wis­sen un­se­re Po­li­ti­ker na­tür­lich, und des­we­gen lie­fern sie wei­ter­hin Un­schär­fe auf Un­schär­fe, Halb­wahr­heit auf Halb­wahr­heit, und manch­mal wird auch ge­lo­gen. So je­mand recht­fer­tigt sich dann mit ei­nem Au­gen­zwin­kern: „Ich flun­ke­re nur ein biss­chen, aber schaut ein­mal: Der an­de­re lügt wie ge­druckt.“Tja, und wir la­chen mit. Wir ha­ben oh­ne­hin kei­ne Al­ter­na­ti­ve, als sie wie­der zu wäh­len, wenn nicht die­sen, dann den an­de­ren, und das wis­sen Po­li­ti­ker nur zu ge­nau. Ich fra­ge mich bloß, was die Tat­sa­che, dass wir Heu­che­lei­en und Lü­gen bei Po­li­ti­kern so schnell ver­ges­sen oder ver­drän­gen, über uns selbst aus­sagt. Ist die Ab­schot­tung, das Gren­zen-dicht-Ma­chen, nicht auch ei­ne Art von Selbst­ver­tei­di­gung? Und da­her ver­ständ­lich?

Selbst­ver­tei­di­gung ist nur bei ei­nem un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den oder be­reits er­folg­ten An­griff ei­nes an­de­ren zu­läs­sig. Aber Staats­gren­zen sind Teil ei­ner Ord­nung, auf die sich ei­ne Ge­mein­schaft ge­ei­nigt hat, und Grenz­bal­ken sind kein Kenn­zei­chen to­ta­li­tä­rer Sys­te­me,

Tho­mas Gla­vi­nic über lü­gen­de Po­li­ti­ker: „Wir ha­ben oh­ne­hin kei­ne Al­ter­na­ti­ve, als sie wie­der zu wäh­len“

Tho­mas Gla­vi­nic: „Ge­brauchs­an­wei­sung zur Selbst­ver­tei­di­gung“. Pi­per Ver­lag. 218 Sei­ten. 15,50 Eu­ro.

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