Sind Um­fra­gen mehr als ei­ne Glas­ku­gel?

Fak­ten­check. Was Wahl­pro­gno­sen bei Un­ent­schlos­se­nen be­wir­ken. Und wer vorm „Fall­beil“-Ef­fekt zit­tern muss

Kurier - - POLITIK - VON

Vor­ne Se­bas­ti­an Kurz, nur hin­ter ihm wird’s span­nend. Wer wird Zwei­ter? Wer schafft den Ein­zug ins Par­la­ment? Grü­ne, Ne­os, Pe­ter Pilz? So chao­tisch der Wahl­kampf ist, so ein­deu­tig sind die Wahl­pro­gno­sen. Auf 33 Pro­zent kommt die ÖVPin der jüngs­ten OGM-Um­fra­ge für den KU­RI­ER. Der Rest muss zit­tern. Al­les klar al­so? Mit­nich­ten. Trump, Br­ex­it, der über­ra­schen­de Wahl­sieg Nor­bert Ho­fers im 1. Durch­gang der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl – Ur­nen­gän­ge wie die­se ha­ben das Ver­trau­en in die Mei­nungs­for­schung er­schüt­tert. Zu­recht?

„Die ein­zi­ge Wahl­um­fra­ge, die zählt, ist je­ne am 15. Ok­to­ber“, heißt es al­ler­seits nach au­ßen hin. Von den ei­nen, weil sie fürch­ten, ih­re Wäh­ler könn­ten sich all­zu sehr auf ei­nen si­cher ge­glaub­ten Er­folg ver­las­sen; von den an­de­ren aus Furcht vor all­zu gro­ßer Re­si­gna­ti­on.

In Wahr­heit sind Mei­nungs­um­fra­gen par­tei­in­tern al­les, was zählt. Nach Um­fra­gen wer­den Par­tei­vor­sit­zen­de ab­ge­setzt, Neu­wah­len aus­ge­ru­fen, Wer­be­spots kon­zi­piert, ja gan­ze Re­den um­ge­schrie­ben. Chris­ti­an Kern et­wa schmiss sich gleich ins Piz­zabo­ten-Out­fit, um das Ma­na­ger-Image los­zu­wer­den. Ob’s ge­nützt hat?

27 Pro­zent wies die jüngs­te OGM-Um­fra­ge im Auf­trag des KU­RI­ER für die SPÖ aus. Schwan­kungs­brei­te 3,1 Pro­zent, 1002 Be­frag­te. Das heißt nicht, dass die SPÖ fix zwi­schen 30,1 und 23,9 Pro­zent be­kom­men wird. Ab­ge­fragt wird nur, was die Ös­ter­rei­cher „der­zeit“(al­so an den Be­fra­gungs­ta­gen Mon­tag bis Don­ners­tag ver­gan­ge­ner Wo­che) wäh­len wür­den. Se­riö­se Um­fra­gen las­sen das nie un­er­wähnt. Zu­dem gilt: „Je nä­her man zur Wahl kommt, des­to ge­nau­er sind die Pro­gno­sen“, sagt OGM-Chef Wolf- gang Bach­may­er. Und: Je nä­her die Wahl rückt, des­to we­ni­ger Un­ent­schlos­se­ne gibt es.

Acht Pro­zent hat­ten ver­gan­ge­ne Wo­che in der letz­ten OGM-Um­fra­ge vor dem Wahl­tag noch kei­ne Idee, wie sie wäh­len wer­den. „Wie sich die letz­ten Un­ent­schie­de­nen ent­schei­den wer­den, ist schwer zu pro­gnos­ti­zie- ren“, sagt Bach­may­er. An den Zir­kel­schluss, dass für die­se Grup­pe Mei­nungs­um­fra­gen ei­ne ent­schei­den­de Rol­le spie­len, glaubt er nicht. Wenn es ei­nen Ein­fluss gibt, dann kom­me die­ser von der Be­richt­er­stat­tung dar­über. „Hor­se Race“Jour­na­lis­mus nennt man das in Ame­ri­ka. Wer ist vor­ne, wer hin­ten? Wer holt ge­ra­de auf?

Pro­ble­ma­tisch wird das, wenn dann noch un­se­riö­se Um­fra­gen mit klei­nen Sam- ples (Be­frag­ten­zahl) her­an­ge­zo­gen wer­den. In Ös­ter­reich ist es Usus, rund ei­ne Wo­che vor der Wahl kei­ne Um­fra­gen mehr zu ver­öf­fent­li­chen. In Deutsch­land ver­lau­te­te die

Zei­tung 2013 noch am Wahl­tag, dass die FDP fix im Bun­des­tag sei. Das Er­geb­nis des Ur­nen­gangs: Die Li­be­ra­len flo­gen erst­mals seit 1949 aus dem Par­la­ment.

Em­pi­risch be­le­gen lässt sich der Ein­fluss von Um­fra­gen auf das Wahl­ver­hal­ten nicht, be­tont Mei­nungs­for­scher Pe­ter Ha­jek aber. Nur der so­ge­nann­te „Fall­beil“-Ef­fekt, wo­nach Klein­par­tei­en mit aus­sichts­lo­sen Um­fra­ge­wer­ten ge­mie­den wer­den, sei nach­ge­wie­sen.

Auch dass sich Wäh­ler nach ei­ner Mehr­heits­mei­nung rich­ten könn­ten – nach dem Mot­to „Wenn al­le das wäh­len, kann es so schlecht schon nicht sein“– sieht Ha­jek nicht. Bei den Um­fra­gen selbst spie­le die­ser Fak­tor aber sehr­wohl ei­ne Rol­le.

„So­zia­le Er­wünscht­heit“nennt das der Ex­per­te. Zu be­ob­ach­ten war die­ser Ef­fekt jah­re­lang bei der FPÖ, die bei Wah­len stets bes­ser ab­schnitt als in Um­fra­gen. Ös­ter­reichs Mei­nungs­for­scher gin­gen des­halb da­zu über, die Roh­da­ten der Um­fra­gen mit ei­nem ei­ge­nen Ko­ef­fi­zi­en­ten (OGM: rund 1,3) zu mul­ti­pli­zie­ren, um die­se Un­schär­fe aus­zu­glei­chen. Ein Wert, der auf Er­fah­run­gen aus ver­gan­gen Wah­len re­sul­tiert. „Wer glaubt, dass dem ge­naue, kom­ple­xe, ma­the­ma­ti­sche Mo­del­le zu­grun­de­lie­gen, der irrt“, meint Ha­jek. Und über­haupt sei der Ef­fekt bei der FPÖ nicht mehr zu be­ob­ach­ten. „In­zwi­schen be­kennt man sich auch zur FPÖ.“

Dass es De­mo­sko­pen im­mer schwe­rer ha­ben, hat an­de­re Grün­de: Bei der ra­pi­den Ve­rän­de­rung der po­li­ti­schen Land­schaft kann man kaum auf Er­fah­rungs­wer­te zu­rück­grei­fen, sagt Ha­jek. Das hat auch zu den fal­schen Pro­gno­sen bei der ers­ten Hof bur­gWahl ge­führt. Im zwei­ten Durch­gang lag man rich­tig.

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