Rinds­sup­pe und Wahl­sonn­ta­ge

Kurier - - LEBENSART - BAR­BA­RA KAUF­MANN

Wahl­sonn­ta­ge konn­te man rie­chen. Schon am Vor­mit­tag zog der Duft von Rinds­sup­pe durchs gan­ze Haus. Rinds­sup­pe ge­hör­te zu Wahl­sonn­ta­gen seit mei­ne Ur­groß­mut­ter zu uns ge­zo­gen war. Rinds­sup­pe hat­te für sie ei­nen ho­hen Stel­len­wert. Es war ei­ne Sup­pe, die et­was er­zähl­te. Denn ei­ne „Bouil­lon“wie sie da­zu sag­te, hieß, man hat­te Fleisch im Haus. Und Fleisch im Haus zu ha­ben be­deu­te­te, dass es ei­nem gut ging. Es be­deu­te­te Wohl­stand. Die Ar­mut über­lebt zu ha­ben, die zwei Krie­ge ver­ur­sacht hat­te. Die Zei­ten über­wun­den zu ha­ben, in de­nen sie als Kran­ken­schwes­ter tags­über ge­ar­bei­tet hat­te, um abends im Fri­seur­ge­schäft des Ur­groß­va­ters noch die Buch­hal­tung zu ma­chen. Au­ßer bei Nacht­dienst, da hat­te sie es um­ge­kehrt ge­macht.

Über ei­nen Tel­ler Rinds­sup­pe konn­te sich die Ur­groß­mut­ter un­glaub­lich freu­en und sie aß sie be­däch­tig vom ers­ten bis zum letz­ten Löf­fel.

Die Ur­groß­mut­ter war ei­ne sehr kämp­fe­ri­sche, aber da­bei im­mer ru­hi­ge Frau. Nie­mand kann sich an ein lau­tes Wort von ihr er­in­nern. Wenn ei­ne Si­tua­ti­on aus­weg­los er­schien, wenn ihr Un­ge­rech­tig­kei­ten be­geg­ne­ten, wenn ih­re Liebs­ten be­droht schie­nen, hielt sie kei­ne Brand­re­den, son­dern sag­te bloß: „Das wer­den wir ja se­hen.“Und tat, was in ih­ren Au­gen ge­tan wer­den muss­te.

Als nach dem Krieg die Nach­bars­kin­der hung­rig vor der Tür stan­den und der Ur­groß­va­ter sag­te, noch mehr Es­ser könn­ten sie nicht ver­sor­gen, sag­te sie „das wer­den wir ja se­hen“und teil­te das we­ni­ge, was da war.

Als bei mir als Kind ei­ne schwe­re Krank­heit dia­gnos­ti­ziert wur­de und es hieß, ich dürf­te kei­ne Re­gel­schu­le be­su­chen, sag­te sie „das wer­den wir ja se­hen“und half mei­ner Mut­ter, ei­nen Di­rek­tor zu fin­den, der mich in sei­ne Volks­schu­le auf­nahm.

Ab­ge­grif­fen

Die Ur­groß­mut­ter war sehr stur, sehr po­li­tisch und sehr gläu­big. Sie glaub­te an Gott, den Frie­den und an die De­mo­kra­tie. Auf ih­rem Nacht­käst­chen lag die Bi­bel, auf dem Tisch ne­ben ih­rem Couch­ses­sel „Die Waf­fen nie­der!“von Ber­tha von Sutt­ner. Und bei­de Bü­cher wa­ren schon ganz ab­ge­grif­fen.

Die Ur­groß­mut­ter be­saß nicht viel. Aber am Wahl­sonn­tag wur­de im­mer ihr schöns­tes Ko­s­tüm her­vor­ge­holt, ihr al­ter Pelz­man­tel ge­bürs­tet, den sie von ih­rer Groß­mut­ter ge­erbt hat­te und mei­ne Mut­ter dreh­te ihr die wei­ßen Haa­re ein. Denn Wahl­sonn­ta­ge wa­ren Fei­er­ta­ge für sie. Wäh­len zu ge­hen, be­deu­te­te, dass die De­mo­kra­tie über die Dik­ta­tur ge­siegt hat­te. Dass je­der mit­be­stim­men durf­te, je­der ge­hört wur­de, je­der gleich viel zähl­te. Wäh­len war für sie ein Pri­vi­leg, auf das man lan­ge ge­hofft und ge­war­tet, das man sich hart er­kämpft hat­te.

Ge­gen Mit­tag kam sie die Trep­pen her­un­ter. Lang­sam, weil sie schon sehr schwer ging. Wir hal­fen ihr in den Man­tel, sie nahm ih­re Uren­kel an der Hand und sag­te fei­er­lich: „Wir ge­hen jetzt wäh­len. Weil wir es dür­fen.“Dann gin­gen wir zum Wahl­lo­kal ums Eck. Sie be­stand dar­auf, zu Fuß zu ge­hen, denn sie woll­te da­bei ge­se­hen wer­den. Und den gan­zen Weg über war ihr Blick vol­ler Stolz. Da­nach sa­ßen wir ge­mein­sam bei Rinds­sup­pe und Kren­fleisch mit Röst­kar­tof­feln und wie sie da so saß und die gan­ze Zeit über strahl­te, da wuss­ten wir, ganz gleich, wel­che Par­tei das Ren­nen ma­chen wür­de, die Ur­groß­mut­ter hat­te schon ge­won­nen. bar­ba­ra.kauf­mann@ku­ri­er.at

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