Kur für al­tern­de Brü­cken

Wi­en. Al­lein im kom­men­den Jahr­zehnt wer­den 50 Bau­wer­ke er­neu­ert

Kurier - - Chronik - VON BERN­HARD ICHNER

Wi­en hat mehr Brü­cken als Ve­ne­dig: Al­lein 826 wer­den von der Stadt ver­wal­tet, da­zu kom­men wei­te­re von As­fi­nag, ÖBB und Wie­ner Li­ni­en. Sie ver­bin­den Fluss­ufer, über­que­ren in­ner­städ­ti­sche Eng­stel­len oder tra­gen Stra­ßen über un­weg­sa­mes Ge­län­de (und sind des­halb auf den ers­ten Blick gar nicht als Brü­cken er­kenn­bar). Um sie „fit für die nächs­ten 100 Jah­re“zu ma­chen, star­te­te die Stadt vor Kur­zem ein um­fas­sen­des In­ves­ti­ti­ons­pro­gramm.

Vie­le Wie­ner Brü­cken wur­den wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs zer­stört und muss­ten nach 1945 neu er­rich­tet wer­den. Et­wa zwei Drit­tel der 826 Bau­wer­ke stam­men aus den 60er-Jah­ren und sind da­her in ei­nem Al­ter, das In­stand­hal­tungs­maß­nah­men not­wen­dig macht. Klei­ne, die von der Be­völ­ke­rung meist gar nicht wahr­ge­nom­men wer­den, und gro­ße, meh­re­re Jah­re in An­spruch neh­men­de – wie der ge­plan­te Neu­bau der Wie­ner West­aus­fahrt (der KU­RI­ER be­rich­te­te). Im Rah­men des In­ves­ti­ti­ons­pro­gramms wer­den im kom­men­den Jahr­zehnt 50 Brü­cken er­neu­ert.

Der größte Feind ei­nes Bau­werks ist Was­ser. Be­schleu­nigt durch Auf­tau­mit­tel, wie et­wa Salz, fin­det es Ös­ter­rei­cher auch durch die bes­te Iso­lie­rung ei­nen Weg ins In­ne­re, greift den Be­ton­kern an und macht ihn sprö­de. Die „Le­bens­er­war­tung“ei­ner Brü­cke hän­ge da­her von per­ma­nen­ter In­stand­hal­tung ab, er­klärt Her­mann Pa­pou­schek, Chef der MA 29 (Brü­cken­bau).

Aber selbst bei per­ma­nen­ter Kon­trol­le und War­tung, die von 40 Mit­ar­bei­tern durch­ge­führt wird, hat ei­ne Brü­cke ein Ablauf­da­tum. So sei­en äl­te­re, nach 1945 er­rich­te­te Bau­wer­ke rund 50 Jah­re „ver­nünf­tig nutz­bar“und nach neu­es­tem Stand der Tech­nik ge­bau­te 80 bis 100 Jah­re. Ist die Zeit ver­stri­chen, hei­ße das aber nicht, dass die Brü­cke aus­ein­an­der­fal­le, be­ru­higt Pa­pou­schek. Dann wer­den ihr mit­tels Ge­ne­ral­in­stand­set­zung noch ein paar Jahr­zehn­te ge­schenkt – „qua­si noch ein letz­tes Mal Le­ben ein­ge­haucht“. Erst da­nach könn­te der Neu­bau wirt­schaft­li­cher als die In­stand­set­zung wer­den.

Hand­lungs­be­darf

In Wi­en gibt es nun ei­ni­ge Hots­pots, die sa­niert wer­den müs­sen, weil der Zahn der Zeit (bzw. Was­ser) an ih­nen nagt. Die bau­fäl­lig ge­wor­de­ne West­aus­fahrt eben, die Hei­li­gen­städ­ter Hang­brü­cke vom Kah­len­ber­ger Dorf nach Klos­t­er­neu­burg, der Kno­ten Nuss­dorf, die Hei­li­gen­städ­ter Brü­cke oder die Freu­de­nau­er Ha­fen­brü­cke.

Das wer­de „in den nächs­ten 15 Jah­ren“ge­sche­hen, sagt Pa­pou­schek – der be­ru­higt: „Die­se Brü­cken zer­brö­seln nicht.“Bei re­gel­mä­ßi­gen Kon­trol­len ha­be man bloß Hand­lungs­be­darf in ab­seh­ba­rer Zeit fest­ge­stellt.

Wo­bei die Mit­ar­bei­ter der MA 29 Weit­blick be­nö­ti­gen. Denn sie müs­sen den Ver­fall der nächs­ten vier Jah­re ein­be­rech­nen, da der Vor­lauf der Sa­nie­rung mit Er­he­bung des Sta­tus-quo, Mach­bar­keits­stu­di­en und eu­ro­pa­wei­ter Aus­schrei­bung von Pla­nung und Rea­li­sie­rung im Schnitt et­wa 48 Mo­na­te dau­ert. In­so­fern sind die Kos­ten der Maß­nah­men vor­ab auch schwer ab­schätz­bar.

Ein kon­kre­tes Bei­spiel ist die West­aus­fahrt, für de­ren Neu­bau erst vor we­ni­gen Ta­gen die Pla­nungs­pha­se be­gann. Brut­to – al­so von der ers­ten Mach­bar­keits­stu­die, wel­che Sa­nie­rungs­mög­lich­kei­ten es über­haupt gibt, bis zur Er­öff­nung – schätzt Pa­pou­schek die Kos­ten in­klu­si­ve Mehr­wert­steu­er auf rund 30 Mil­lio­nen Eu­ro. Kon­kre­ter wer­de die Sum­me erst mit der Auf­trags­ver­ga­be.

Und auch der Bau­be­ginn lässt sich nur schwer pro­gnos­ti­zie­ren. Da al­lein die Pla­nung zwei Jah­re dau­ert und die Stadt frei­wil­lig ei­ne (zeit- lich schwer kal­ku­lier­ba­re) Um­welt­ver­träg­lich­keits­prü­fung (UVP) durch­führt, dürf­te nicht vor 2022 mit der Er­rich­tung be­gon­nen wer­den.

Reichs­brü­cke ge­ho­ben

Par­al­lel zu großen Ge­ne­ral­sa­nie­run­gen, die in dicht ver­bau­ten Ge­bie­ten – wie et­wa vor zwei Jah­ren bei der Gür­tel­brü­cke – im Voll­be­trieb der Brü­cke durch­zu­füh­ren sind, wer­den lau­fend un­zäh­li­ge klei­ne­re In­stand­set­zungs­ar­bei­ten er­le­digt: die Be­schich­tung von Stahl­tei­len, klein­räu­mi­ge Be­ton­sa­nie­run­gen, Fahr­bahn­aus­bes­se­run­gen, die Er­neue­rung der Brü­cken­über­gän­ge, das An­strei­chen der Ge­län­der oder der Tausch der Brü­cken­la­ger.

Wo­bei „klei­ne­re Maß­nah­men“re­la­tiv ist. So hob die MA 29 vor zwei Jah­ren et­wa die Reichs­brü­cke mit 33 hy­drau­li­schen Pres­sen um ei­nen Zen­ti­me­ter an, um erst­mals seit der Er­öff­nung der Brü­cke 1980 acht 3,5 Ton­nen schwe­re La­ger zu tau­schen.

Da­von ab­ge­se­hen ent­ste­hen in Wi­en auch neue Brü­cken – al­lein sechs in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren. Für ins­ge­samt 52 Mil­lio­nen Eu­ro (brut­to) ent­stan­den vier Brü­cken im Pro­jekt­ge­biet Haupt­bahn­hof, der Ju­dit­hDeutsch-Steg in der Leo­pold­stadt so­wie die May­re­derB­rü­cke in der Do­n­au­stadt.

Pa­pou­schek: „Die Brü­cken zer­brö­seln nicht.“Sa­niert wer­den müs­sen Hei­li­gen­städ­ter Hang­brü­cke (Mi.) und Kno­ten Nuss­dorf (li.) aber

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