Der Welt­um­seg­ler ist tot

Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger V.S. Nai­paul starb mit 85 Jah­ren.

Kurier - - Kultur - VON MICHA­EL HU­BER

Die schwe­di­sche Aka­de­mie, die ihm 2001 den Li­te­ra­tur­no­bel­preis ver­lieh, nann­te ihn ei­nen „li­te­ra­ri­schen Welt­um­seg­ler“: V.S. Nai­paul ha­be sein wah­res Zu­hau­se im­mer nur in sich selbst ge­fun­den und so, un­be­rührt von li­te­ra­ri­schen Mo­de­er­schei­nun­gen, sei­nen ei­ge­nen Stil aus­ge­prägt. Die her­kömm­li­che Tren­nung zwi­schen Fik­ti­on und tat­sa­chen­ba­sier­tem Schrei­ben sei bei ihm nur von nach­ge­ord­ne­ter Be­deu­tung, er­klär­te die Ju­ry.

Sir Vi­diad­har Su­ra­jpra­sad Nai­paul – der Schrift­stel­ler wur­de 1990 in den Adels­stand er­ho­ben – schien tat­säch­lich wie ein Puz­zle aus ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten zu­sam­men­ge­setzt zu sein: Ge­bo­ren auf der Ka­ri­bik­in­sel Tri­ni­dad, ver­ließ er sei­ne Hei­mat als 18-Jäh­ri­ger, um­in Ox­ford zu stu­die­ren. Den Sub­kon­ti­nent In­di­en, von dem sei­ne Fa­mi­lie ur­sprüng­lich stamm­te, be­reis­te er spä­ter und mach­te ihn im Be­richt „Land der Fins­ter­nis“(1964, dt. 1997) und zwei Fol­ge­bän­den zum The­ma.

Doch we­he, man hät­te Nai­paul als „ka­ri­bisch-bri­ti­schen Au­tor“be­zeich­net: Ei­ne sol­che Rück­bin­dung an eth­ni­sche Iden­ti­täts­mus­ter ver­bat er sich. Die Idee des „Mul­ti-Kul­ti“sei ab­surd, mein­te er ge­gen­über dem Ma­ga­zin Tat­ler ein­mal: „Wenn je­mand sich auf­macht, um in ein an­de­res Land zu kom­men, muss er es auf hal­bem We­ge tref­fen.“Kri­ti­ker war­fen V. S. Nai­paul häu­fig vor, die Welt vor al­lem aus dem Blick­win­kel der Ko­lo­ni­al­her­ren zu be­trach­ten. Der Au­tor ver­wei­ger­te sich der Idea­li­sie­rung der Län­der des Sü­dens und mach­te die­se für Ar­mut und Un­ter­ent­wick­lung zum Teil selbst ver­ant­wort­lich. Mus­li­me em­pör­te er mit der Aus­sa­ge, der Is­lam ha­be in nicht­a­ra­bi­schen Län­dern wie In­di­en mehr Scha­den an­ge­rich­tet als der Ko­lo­nia­lis­mus.

Auf­stieg und Am­bi­ti­on

Den An­stoß zum Schrei­ben er­hielt Nai­paul von sei­nem Va­ter, der aus dem Mi­lieu der Zu­cker­rohr-Plan­ta­gen­ar­bei­ter auf Tri­ni­dad stamm­te, es aber ge­schafft hat­te, Jour­na­list zu wer­den. Das Buch „Vom Skla­ven em­por“von Boo­ker T. Wa­shing­ton war ei­nes je­ner Bü­cher, die er sei­nem Sohn zu le­sen gab. Der Weg des Va­ters lie­fer­te auch die In­spi­ra­ti­on für das Buch „Ein Haus für Mr. Bis­was“(1961, dt. 1981), das V.S. Nai­paul den li­te­ra­ri­schen Durch­bruch be­scher­te.

Es folg­ten Dut­zen­de Ro­ma­ne und Rei­se­be­rich­te, in de­nen der Au­tor Pro­ble­me in Afri­ka, Asi­en und Latein­ame­ri­ka mit un­er­bitt­li­cher Be­ob­ach­tungs­ga­be und kla­rer Pro­sa an­sprach.

Auf per­sön­li­cher Ebe­ne galt Nai­paul als schwie­rig, rup­pig und ar­ro­gant – doch er konn­te sich auch wie­der ver­söh­nen. „Er war ein Rie­se in al­lem, was er er­reicht hat, und er starb im Kreis sei­ner ge­lieb­ten Men­schen, nach­de­mer ein Le­ben voll wun­der­ba­rer Krea­ti­vi­tät und Stre­ben ge­lebt hat­te“, hieß es am Sonn­tag in ei­ner Er­klä­rung sei­ner zwei­ten Frau Na­di­ra.

V.S. Nai­paul im Jahr 2001: Der Au­tor po­la­ri­sier­te mit sei­nen Mei­nun­gen zu In­te­gra­ti­on und Is­lam

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