„Sind über­zeug­te Re­pu­bli­ka­ner“

Man­fried Rau­chen­stei­ner. Der His­to­ri­ker über­Na­tio­nal­stolz und De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis

Kurier - - Politik - VON IDA METZ­GER

Er ist ei­ner der re­nom­mier­tes­ten His­to­ri­ker des Lan­des. Selbst Hu­go Por­tisch ver­traut auf die Ex­per­ti­se vonM­an­fried Rau­chen­stei­ner, der mit Der Er­s­teWelt­krieg und das En­de der Habs­bur­ger­mon­ar­chie ein hoch an­ge­se­he­nes Stan­dard­werk über die Ur­ka­ta­stro­phe am Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts ge­schrie­ben hat.

Für den KU­RI­ER ana­ly­siert der ehe­ma­li­ge Di­rek­tor des Hee­res­ge­schicht­li­chen Mu­se­ums, wie und wann sich Ös­ter­reichs Na­tio­nal­stolz ent­wi­ckelt hat und ob wir über­zeug­teDe­mo­kra­ten sind.

KU­RI­ER: Herr Rau­chen­stei­ner, vor 100 Jah­ren hat­te Ös­ter­reich nicht ein­mal den Mut zur Exis­tenz, war ge­schrumpft und ein Ar­men­haus. Heu­te be­sit­zen wir ei­nen Na­tio­nal­stolz. Wie kam es zu die­ser Ent­wick­lung? Man­fried Rau­chen­stei­ner: Das heu­ti­geÖs­ter­reich­hat­nun­zu­ei­ne­mNor­mal­maß an Na­tio­nal­stolz ge­fun­den, denn der war in den 1970ern und 1980ern dra­ma­tisch über­stei­gert. Da­mals­ga­bes­de­mo­sko­pi­sche Un­ter­su­chun­gen, über die Fra­ge des na­tio­na­len Be­wusst­seins. Da kam her­aus, dass wir vor Frank­reich la­gen und nur knapp hin­ter den USA. Das war er­staun­lich, und die­se Ent­wick­lung hät­te man 1918 si­cher nicht zu er­ah­nen ge­wagt. Heu­te kann man sa­gen: Ös­ter­reich hat sei­ne Iden­ti­tät ge­fun­den. Es ist ein Land, das pro­spe­riert und manch­mal so­gar ein we­nig zu selbst­zu­frie­den wirkt.

Der Na­tio­nal­stolz hat sich al­so in den 1970ern ent­wi­ckelt. Was war die Ur­sa­che – Bru­no Kreis­ky oder der Wirt­schafts­auf­schwung ?

Ös­ter­reich hat­te in derWelt zwei­fel­los Gel­tung ge­habt und im­mer mehr da­von be­kom­men. Wir sind mehr­fach in den Si­cher­heits­rat der Ver­ein­ten Na­tio­nen ge­wählt wor­den. Wir ha­ben mit Kur­tWald­heim­denGe­ne­ral­se­kre­tär­derUNO ge­stellt, der­da­mals­noch­ein­höchst an­ge­se­he­ner Mann war und erst spä­ter in Ver­ruf ge­kom­men ist. Es gab den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung, da­sal­le­s­hat die­über­stei­ger­te Iden­ti­täts­bil­dung aus­ge­löst.

Die De­mo­kra­tie ist in den An­fän­gen re­la­tiv schnell ge­schei­tert. Sind die Ös­ter­rei­cher heu­te über­zeug­te De­mo­kra­ten?

Ichwür­de sa­gen, wir sind über­zeug­te Re­pu­bli­ka­ner. Der Groß­teil sin­dauch­über­zeug­teDe­mo­kra­ten. Das­was­nochin­den50er- un­d60erJah­ren ei­ne Rol­le spiel­te, näm­lich dass es in Mei­nungs­um­fra­gen noch im­merKräf­te gab, die mit De­mo­kra­ti­en­icht viel­an­fan­gen­konn­ten, ist ziem­lich pas­sé. Die Mon­ar­chie steckt kla­rer­wei­se auch noch im gan­zen Land, aber am we­nigs­ten in den Men­schen. Wir ha­ben nach wie vor die Reichs­haf­tung. Das be­deu­tet, wir ha­ben mit al­len po­si­ti­ven und ne­ga­ti­ven Aspek­ten da­für ein­zu­tre­ten, was ein­mal ge­we­se­nist. Die­seReichs­haf­tun­gund die­ses Er­be der Kunst­schät­ze ist schon et­was Be­son­de­res.

Ein schwie­ri­ges Ver­hält­nis war stets die Be­zie­hung zu un­se­rem Nach­barn Deutsch­land. War­um?

Das Ver­hält­nis hat­vie­leHö­hen­und Tie­fen, wo­bei man we­ni­ger an die Tie­fen denkt. Das zeigt ein Bei­spiel deut­lich: Ein fast un­vor­stell­ba­rer Zwi­schen­fall pas­sier­te 1955. Die deut­scheBun­des­re­gie­rungwar­über­die Fi­na­li­sie­rung des ös­ter­rei­chi­schen Staats­ver­tra­ges re­gel­recht er­bit­tert. Das ver­an­lass­te den da­ma­li­gen­deut­schenBun­des­kanz­lerKon­ra­dA­de­nau­er­am14. Mai 1955, al­so ei­nen Tag vor der Un­ter­zeich­nung, den­deut­schenGe­schäfts­trä­ger aus Wi­en ab­zu­be­ru­fen. Das war ein Tief­punkt des bi­la­te­ra­len Ver­hält­nis­ses. Spä­ter hat sich das Ver­hält­nis wie­der nor­ma­li­siert. Je nach dem wel­che po­li­ti­sche Par­tei in­Deutsch­land­un­dinÖs­ter­reichin der Re­gie­rung war, war die Über­ein­stim­mung mal grö­ßer, mal we­ni­ger groß. Ge­le­gent­lich ori­en­tie­ren nicht nur wir uns an Deutsch­land, son­dern Deutsch­land ori­en­tiert sich an uns, wenn man an die frü­hen 2000er-Jah­re denkt. Da frag­ten sich die Deut­schen: „Wie ma­chen das die Ös­ter­rei­cher nur?“ Die Kon­struk­teu­re der Zwei­ten Re­pu­blik wie Karl Ren­ner, Leo­pold Figl oder Ju­li­us Ra­ab wa­ren al­le­samt in der Ers­ten Re­pu­blik po­li­tisch ak­tiv. Gab es bei die­sen Män­nern ein kol­lek­ti­ves Ler­nen, es beim zwei­ten An­lauf bes­ser ma­chen zu wol­len?

Jetzt­wer­deich­ein biss­chen­läs­tern: Stel­len­wiruns­vor, Ös­ter­reich wä­re­nicht­be­setzt­ge­we­sen? Es­hät­te nach mei­nem Da­für­hal­ten ei­ne an­de­re Ent­wick­lung ge­nom­men. Nicht zu­letzt hat durch­aus die Ge­fahr be­stan­den, mit den Ar­gu­men­ten, die­vor­1938ge­braucht­wor­den sind, sich das Le­ben schwer zu­ma­chen. Aber die zehn­jäh­ri­ge An­we­sen­heit und die po­li­ti­sche Do­mi­nanz der al­li­ier­ten­T­rup­pen­hat Ös­ter­reich da­zu ge­zwun­gen, dass es Ab­stand zur Ver­gan­gen­heit nimmt un­d­denStreit­hint­an­stellt. Ich­se­he nicht un­be­dingt, dass es ein kol­lek­ti­ves Ler­nen­gab. Aber­die­per­sön­li­chen Er­fah­run­gen die­ser Män­ner ha­ben zu­min­dest so viel ge­bracht, dass­manPo­li­tiknich­tal­set­was­sah, wo man in die Kon­fron­ta­ti­on ging, son­dern­man­such­te­den­ge­mein­sa­men Weg. Aus die­ser Ein­stel­lung her­aus hat sich dann die Gro­ßeKo­ali­ti­on ent­wi­ckelt, die über 20 Jah­re doch gut funk­tio­nier­te.

Was macht für Sie als His­to­ri­ker die ös­ter­rei­chi­sche See­le aus? Oder ist die­se Fra­ge für ei­nen His­to­ri­ker zu we­nig fak­ten­ba­sie­rend ...

Ich fürch­te, das ist zu viel Er­win Rin­gel (lacht). Das wüss­te ich auch­ger­ne, was­die­ös­ter­rei­chi­sche See­le ist. Ich fürch­te, die ös­ter­rei­chi­sche See­le ist ein Traum­ge­bil­de, das­man­bei­über­ach­tMil­lio­nen Ein­woh­nern­nich­tal­s­ei­neSee­le­be­schrei­ben kann. Rin­gel hat die ös­ter­rei­chi­sche See­le in ers­ter Li­nie al­set­was­zu­se­hen­ver­sucht, wo­das Ne­ga­ti­ve ei­ne gro­ße Rol­le spielt. Na­tür­lich gibt es Schat­ten­sei­ten, aber für mich do­mi­nie­ren mehr die vie­len Po­si­ti­va.

Ei­ne un­se­rer Sto­rys lau­tet „100 Grün­de, Ös­ter­reich zu lie­ben“. Was lie­ben Sie an Ös­ter­reich?

Es exis­tie­ren zahl­rei­cheUm­fra­gen­mit­derFra­ge: Was­schät­zen­Sie anÖs­ter­reich? Da­wur­de­zu­mei­ner Über­ra­schung stets die Schön­heit des Lan­des ge­nannt. Bei der Fra­ge nach den schöns­ten Bau­wer­ken, war es der Ste­phans­dom, und bei den his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten führ­te Ma­ria The­re­sia das Ran­king mit Ab­stand an. Ist das nun et­was, wor­an wir die ös­ter­rei­chi­sche See­le­fest­ma­chen­kön­nen? Ichwür­de sa­gen – nein. Ich schät­ze die Si­cher­heit und die Le­bens­ver­hält­nis­se in die­sem Land ganz au­ßer­or­dent­lich. Das soll­te man nicht als blo­ße Selbst­ver­ständ­lich­keit se­hen. Die­ser Zu­stand ruht auf ei­ner ge­wis­sen his­to­ri­schen Ba­sis, und zum An­de­ren ist es et­was, was hart er­kämpft ist.

Ös­ter­reich hat vie­le Um­brü­che er­lebt. Wel­cher hat Ös­ter­reich am stärks­ten be­ein­flusst?

1945. Es ist zwei­fel­los der Aus­gang­punkt für vie­ler­lei Ent­wick­lun­gen, die­zwar­nicht­kon­stant­ver­lie­fen, aber oh­ne Brü­che. Gleich nach dem Krieg do­mi­nier­te die Er­leich­te­rung, die we­nigs­tens wa­ren sich im Kla­ren, wo­hin sich das Land­ent­wi­ckeln­wür­de. InNach­hin­ein schaut der Pro­zess we­ni­ger holp­rig aus, als er tat­säch­lich war. Aber es ist ei­ne Ent­wick­lung, wo ei­ne kon­stan­te Auf­wärts­ent­wick­lungzu­be­ob­ach­ten­warun­dist. Da­her soll­ten wir uns nur be­mü­hen, dass wir es nicht ab­rei­ßen las­sen.

Der be­kann­te His­to­ri­ker Man­fried Rau­chen­stei­ner kennt die Ge­schich­te Ös­ter­reichs wie kaum ein an­de­rer

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