100 Jah­re nach dem En­de der Mon­ar­chie: Was vom al­ten Kai­ser­reich ge­blie­ben ist

Kurier - - Politik -

Wir ha­ben kei­nen Kai­ser mehr, wer­den aber nach wie vor von den Prunk­räu­men der Ma­ri­aThe­re­si­a­in­derHof­burg aus re­prä­sen­tiert. Hun­dert­tau­sen­de Tou­ris­ten kom­men, um Schön­brunn, May­er­ling und die Ka­pu­zi­ner­gruft zu be­su­chen. Und auch wenn es längst kei­nen Hof mehr gibt, wer­den hö­he­re Staats­be­am­te im­mer noch zu Ho­f­rä­ten er­nannt. Wir es­sen Kai­ser­schmarrn, se­hen„Sis­si“-Fil­me und kau­fen bei K. u. k. Hof­lie­fe­ran­ten ein. Wie viel Mon­ar­chie ist uns nach 100 Jah­ren Re­pu­blik ge­blie­ben?

„Küss dieHand“

Das Haus Habs­burg ver­fügt zwar über kei­ner­lei Macht mehr, es­gilt aber al­sSyn­onym für die gu­te al­te Zeit – auch wenn es die in die­ser Form­nie ge­ge­ben hat. Sis­si und Franzl sind zwar nicht so le­ben­dig wie die Queen, für den Frem­den­ver­kehr je­doch un­ver­zicht­bar, wie derTou­ris­mus in Ös­ter­reichs Städ­ten und Ku­r­or­ten zeigt. Und wenn an je­dem 18. Au­gust in Bad Ischl „Kai­sers Ge­burts­tag“ge­fei­ert wird (heu­er war’s der 187.), dan­nist im­mer­noch­da­shal­be Salz­kam­mer­gut auf den Bei­nen. Und die Ver­stei­ge­run­gen kai­ser­li­cher De­vo­tio­na­li­en – bis­hin­zu­Fran­zJo­sephsUn­ter­ho­sen– brin­gen­denAuk­ti­ons­häu­sernSpit­zen­um­sät­ze.

Es­wä­re­a­ber­nicht­ge­recht, dieÜber­reste­des­Kai­ser­reichs als blo­ße Kit­sch­in­dus­trie ab­zu­tun. Das kul­tu­rel­le Er­be ist ge­wal­tig, ein der­ar­ti­ges Aus­maß­anSchlös­ser­nun­dKunst­schät­zen, die­uns­dieH­abs­bur­ger hin­ter­las­sen ha­ben, fin­det sich in kei­nem an­de­ren Land die­ser Grö­ßen­ord­nung. Auch dass dieMon­ar­chie als Mo­dell für die Eu­ro­päi­sche Uni­on Pa­te stand, is­tun­be­strit­ten.

Selbst un­se­re Eti­ket­te hat mit­der­kai­ser­lich-kö­nig­li­chen Ver­gan­gen­heit zu tun. „Ei­ni­ge Um­gangs­for­men stam­men noch aus der Mon­ar­chie“, er­klärt Ben­imm-Papst Tho­mas Schä­fer-El­may­er. „Die ,Gnä­di­ge Frau’ kommt aus die­ser Zeit, das heu­te noch üb­li­che ,Küss die Hand’ ha­ben die spa­ni­schen Habs­bur­ger nach Wi­en ge­bracht, der Hand­kuss wird nur noch in un­se­rer Kul­tur prak­ti­ziert. Nur bei uns gibt es in die­ser For­mauch die al­teTanz- un­dBall­tra­di­ti­on.“

Habs­burg& Roth­schild

Der Wirt­schafts­his­to­ri­ker Ro­man Sand­gru­ber zi­tiert in sei­nem eben er­schie­ne­nen Buch über­dieBan­kiers- un­dIn­dus­tri­el­len­fa­mi­lie Roth­schild den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Po­li­ti­ker Ot­to Bau­er, der mein­te: „Das al­te Ös­ter­reich wur­de von der Dy­nas­tie Habs­burg und der Dy­nas­tie Roth­schild re­giert. In der Re­pu­blik blieb nur die Dy­nas­tie Roth­schild üb­rig.“Was sich als tra­gi­scher Irr­tum er­wei­sen soll­te, denn auch die Roth­schilds gin­gen un­ter– wennau­chers­t20Jah­re spä­ter durch die Raub­po­li­tik derNa­tio­nal­so­zia­lis­ten.

Et­li­che In­dus­trie­be­trie­be aus Kai­sers Zei­ten gibt es noch, dar­un­ter die Ös­ter­rei­chisch-Al­pi­ne Mon­tan­ge­sell­schaft (ge­grün­det 1881, heu­te als Teil der voe­st­al­pi­ne), die Stahl­kon­zer­ne Böh­ler-Ud­de­holm (1894) und Waa­gner-Bi­ro (1854) – der frei­lich ge­ra­de jetzt um­sÜber­le­ben ringt. Ein leuch­ten­des Bei­spiel ei­nes al­ten Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens ist die Süß­wa­ren­fa­brik Jo­sef Man­ner& Comp. (1890).

„Nur ein re­la­tiv klei­ner Teil der Fir­men aus die­ser Zeit be­steht noch“, sagt Pro­fes­sor Sand­gru­ber, „was aber nicht un­be­dingt mit dem Zer­fall des Habs­bur­ger­reichs zu­sam­men­hängt. In­dus­trie­un­ter­neh­men ha­ben ih­ren Le­bens­zy­klus; wenn ei­ne Fir­ma fünf Ge­ne­ra­tio­nen über­lebt, ist­das schon­sehr viel“.

K. u. k. Hof­lie­fe­ran­ten

In der Wie­ner In­nen­stadt fin­det man im­mer noch die Schil­der alt­ein­ge­ses­se­ner Ge­schäf­te. Von den 1300 Hof- und Kam­mer­lie­fe­ran­ten, die es im Jahr 1918 gab, ha­ben rund 100 die Stür­me der Zeit über­stan­den, dar­un­ter so pro­mi­nen­te wie der K. k. Hof­zu­cker­bä­cker De­mel, der Hof­schuh­ma­cher Ru­dolf Scheer, von­de­mKai­serFranz Jo­seph einst das al­ler­höchs­te Schuh­werk be­zog, oder der Kam­mer­schnei­der C. M. Frank, derKron­prin­zRu­dolfs Geh­rock an­fer­tig­te. Auch der Ho­te­lier Sa­cher und der Kla­vier­ma­cher Bö­sen­dor­fer dür­fen ih­re Por­ta­le nach wie vor mit dem Dop­pel­ad­ler zie­ren. Und beim Hof- und Kam­mer­ju­we­lier Kö­chert, der die 27 Ster­ne her­stell­te, die Kai­se­rin Eli­sa­beth im Haar trug, herrscht im­mer­noch­einG­riss um die Ko­pi­en die­ser Ster­ne. „Sie sind so­wohl bei jun­gen Wie­ne­rin­nen­al­sauch­beiTou­ris­ten äu­ßerst be­liebt.“

Apro­pos Tou­ris­mus. Der spielt im Zu­sam­men­hang mit un­se­rer K. u. k. Ge­schich­te zwei­fel­los die be­deu­tends­te Rol­le. Im Vor­jahr wur­den al­lein in Wi­en 15,5 Mil­lio­nen Näch­ti­gun­gen ge­bucht. Die Markt­for­schung des „Wi­enTou­ris­mus“zeigt auf, dass das „Im­pe­ria­le Er­be“– ne­ben­dem kul­tu­rel­len und dem ku­li­na­ri­schenAn­ge­bot – an­vor­ders­ter Stel­le­steht, wenn­man­da­nach fragt, war­um Tou­ris­ten in die ehe­ma­li­ge Reichs- und Re­si­denz­stadt kom­men.

Ade­li­geBe­sit­zun­gen

Im Ge­gen­satz zu sei­nen Ti­teln konn­te Ös­ter­reichs Adel sei­nen Grund- und Bo­den­be­sitz nach­1918be­hal­ten, was­da­zu führ­te, dass dieg­röß­ten­pri­va­tenWal­d­un­dWie­sen­flä­chen des Lan­des auch heu­te noch al­le­samt den al­ten Dy­nas­ti­en ge­hö­ren. Sie wer­den an­ge­führt von den Nach­fah­ren der Es­ter­házys (44.000 Hekt­ar, das sind mehr als 10 % des Bur­gen­lan­des), denFa­mi­li­enMayr-Meln­hof(32.000 Hekt­ar), Liech­ten­stein (25.000 Hekt­ar) und Schwar­zen­berg (20.000). Nur die Re­pu­blik Ös­ter­reich und die Stadt Wi­en ver­fü­gen über mehr Grund­be­sitz als die­se Ge­schlech­ter. Dar­über hin­aus zäh­len die Häu­ser Habs­burg, Coburg und Star­hem­berg zu Ös­ter­reichs wich­tigs­tenGrund­her­ren.

Re­pu­blik mit­Kai­ser

Ach ja, und dann ha­ben wir noch: DieRing­straß­ein­mit­ten ei­ner für die Klein­heit des Lan­des über­di­men­sio­nier­ten Me­tro­po­le, wei­ters Ba­den, Vös­lau, Aus­see, St. Gil­gen, Gas­tein, ei­ne zum Teil über­bor­den­de Bü­ro­kra­tie mit Ho­fund Mi­nis­te­ri­al­rä­ten, die Graf-Bob­by-Wit­ze und die ORF-Show„Wir sin­dKai­ser“.

Und weil wir so­mit beim ka­ba­ret­tis­ti­schen Teil des The­mas an­ge­langt sind: Karl Far­kas hat einst auf die Fra­ge, wel­che Staats­form den Ös­ter­rei­chern die liebs­te sei, ge­ant­wor­tet: „A fe­sche Re­pu­blik un­ter­mKai­serFranz Jo­seph.“

ge­org.mar­kus@ku­ri­er.at

Die Kai­ser­kro­ne als Sym­bol der Habs­bur­ger ziert heu­te noch die Hof­burg

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