38 WIR ES­SEN ZU SÜSS

Kurier_Diabetes - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

In­ter­nist Her­mann To­plak über un­se­re Zu­cker­sucht

in­ter­nist Her­mann To­plak,

prä­si­dent der Eu­ro­päi­schen Adi­po­si­tas ge­sell­schaft, über den Zu­sam­men­hang der

Zu­nah­me von Dia­be­tes-fäl­len und Über­ge­wicht. und war­um

die zu­neh­men­de tech­ni­sie­rung des Es­sens die ge­sund­heit

ge­fähr­det.

„Bei der Re­ha gibt man sein Über­ge­wicht am Ein­gang ab und nimmt es beim Aus­gang wie­der in Emp­fang.“

Über­ge­wicht ist die Haupt­ur­sa­che, war­um Men­schen an Dia­be­tes Typ-2 er­kran­ken. Das meint auch In­ter­nist Her­mann To­plak, der im kom­men­den Jahr das Amt des Prä­si­den­ten der Ös­ter­rei­chi­schen Dia­be­tes­ge­sell­schaft an­tritt. 1979 hat er be­reits die Ös­ter­rei­chi­sche Adi­po­si­tas Ge­sell­schaft ge­grün­det. Jetzt bringt er sei­ne Ex­per­ti­se in den Kampf ge­gen Dia­be­tes ein. Die Zahl der an Adi­po­si­tas Er­krank­ten hat sich in den letz­ten 30 Jah­ren ver­dop­pelt. Wie­so ist un­ser Ka­lo­ri­en­haus­halt im­mer mehr ge­stört? Her­mann To­plak: Die Grün­de lie­gen in der zu­neh­men­den Tech­ni­sie­rung. Sie be­dingt, dass das Le­ben im­mer schnel­ler ab­läuft, und dass wir, oh­ne es zu mer­ken, enor­mem Stress aus­ge­setzt sind. Wir es­sen schnel­ler, sü­ßer und fet­ter. Wir soll­ten wie­der be­wuss­ter es­sen. Das geht aber nur, wenn man erst ein­mal zur Ru­he kommt. Dann schal­tet man auch das Hirn ein. Die Ge­fah­ren, die in Fer­tig­ge­rich­ten lie­gen, wer­den glo­bal un­ter­schätzt. Sie sind die größ­ten Zu­cker­fal­len.

Und der Man­gel an Be­we­gung?

Die Leu­te be­nut­zen kei­ne Stie­gen mehr, son­dern nur noch Lift und Roll­trep­pe. Das Schlimms­te sind die­se ho­ri­zon­ta­len För­der­bän­der am Flug­ha­fen! Die meis­ten Ös­ter­rei­cher ge­hen nur noch 300 bis 800 Me­ter am Tag. Wir sind aber da­für ge­baut, 15 bis 17 Ki­lo­me­ter täg­lich zu Fuß zu ge­hen. Uns muss wie­der be­wusst wer­den, dass Be­we­gung et­was Gu­tes ist.

Und wenn je­mand sagt, er hat kei­ne Zeit?

Die Zeit, die man für ei­ne St­un­de Be­we­gung ver­wen­det, geht ei­nem am En­de des Ta­ges si­cher nicht ab, die Ar­beit wird trotz­dem fer­tig. Bei Schü­lern stei­gert sie so­gar die Leis­tungs­fä­hig­keit um 25 Pro­zent.

Mehr Kin­der sind über­ge­wich­tig und be­kom­men in Fol­ge Dia­be­tes Typ-2. Wie kann das ver­hin­dert wer­den?

Wenn sich die Mut­ter wäh­rend der Schwan­ger­schaft ein­sei­tig er­nährt oder raucht, stört das die Ent­wick­lung des Kin­des. Die­ses Ver­hal­ten ver­än­dert den In­sulin­haus­halt des Kin­des. Da­durch steigt für es die Ge­fahr, spä­ter an Dia­be­tes zu er­kran­ken. Nach der Ge­burt wer­den Ba­bys sehr früh auf Ba­by­nah­rung um­ge­stellt. Die wird ex­trem ge­süßt, da­mit die Kin­der sie an­stel­le der Mut­ter­milch ak­zep­tie­ren. Da­mit be­ginnt ei­ne Zu­cker­sucht, die Kin­der im­mer wie­der zu Sü­ßem treibt. Das kann man ab­er­zie­hen. Man soll­te dem Kind nichts krampf haft weg­neh­men, ihm aber zei­gen, dass es et­was an­de­res gibt, das gut schmeckt.

Wie ist die Stel­lung adi­pö­ser Pa­ti­en­ten im Ge­sund­heits­sys­tem?

Wir bräuch­ten ein Sys­tem, in dem die Leis­tun­gen, die der Pa­ti­ent wirk­lich braucht, be­zahlt wer­den. Wir ha­ben das Pro­blem, dass nur der chir­ur­gi­sche Ein­griff be­zahlt wird, aber we­der die Vor- noch die Nach­sor­ge.

Auch die me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie müs­sen Pa­ti­en­ten selbst über­neh­men?

In Ös­ter­reich ist mo­men­tan nur Or­listat zur Be­hand­lung von Adi­po­si­tas ver­füg­bar und das wird nicht über­nom­men. Ich rech­ne auch nicht da­mit, dass es in na­her Zu­kunft er­stat­tet wer­den wird. Das wür­de ad­di­ti­ve Kos­ten für das Ge­sund­heits­sys­tem be­deu­ten – vor­läu­fig zu­min­dest. Län­ger­fris­tig kos­tet die Be­hand­lung der Spät­fol­gen viel mehr.

Gibt es bald neue Me­di­ka­men­te ge­gen Adi­po­si­tas?

Ja, die wer­den nur ziem­lich teu­er sein.

Wird es des­we­gen zu Pro­ble­men für die Pa­ti­en­ten kom­men?

Dem Pa­ti­en­ten wird zwar ein Re­ha-auf­ent­halt um rund 4500 Eu­ro er­stat­tet. Da­für könn­te er ein gan­zes Jahr lang je­des Mo­nat für ei­ne hal­be St­un­de zu mir in die Or­di­na­ti­on kom­men. Man muss die Men­schen in ih­rem täg­li­chen Le­ben be­glei­ten und die Her­aus­for­de­run­gen prak­tisch auf­ar­bei­ten. Bei der Re­ha pas­siert es aber oft, dass man sein Über­ge­wicht beim Rein­ge­hen am Ein­gang ab­gibt und beim Aus­gang wie­der in Emp­fang nimmt.

Wel­che Zie­le ver­folgt die Adi­po­si­tasFor­schung?

Das Pro­blem hängt mög­li­cher­wei­se mit un­se­rem Mi­kro­bi­om zu­sam­men. Wahr­schein­lich ist, dass wir mit ein­sei­ti­ger und zu­cker­hal­ti­ger Kost ei­ne ge­wis­se Form von Darm­bak­te­ri­en se­lek­tio­nie­ren kön­nen, die dann die Ge­wichts­zu­nah­me för­dern. Wenn man viel­sei­tig isst, be­deu­tet das, dass sich auch an­de­re Bak­te­ri­en ent­wi­ckeln. Es gibt aber auch an­de­re Din­ge, die uns für Dia­be­tes prä­des­ti­nie­ren, et­wa die Ge­ne­tik. -

„Mit ei­ner St­un­de Be­we­gung stei­gert sich die Leis­tungs­fä­hig­keit von Schü­lern um bis zu 25 Pro­zent.“

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