75 WAR­UM RE­DEN HILFT

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Selbst­hil­fe­grup­pen für Dia­be­ti­ker

Die ge­gen­sei­ti­ge Hil­fe­stel­lung von Be­trof­fe­nen für Be­trof­fe­ne stellt ei­ne we­sent­li­che Er­gän­zung zu me­di­zi­ni­schen Di­enst­leis­tun­gen dar.

Ot­to Spran­ger, Vor­sit­zen­der des Me­di­zi­ni­schen Selbst­hil­fe­zen­trums Wi­en, er­klärt, was Selbst­hil­fe­grup­pen leis­ten kön­nen und was nicht. Wann macht es Sinn sich an ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe zu wen­den? Ot­to Span­ger: Selbst­hil­fe­grup­pen sind zu­erst ein­mal Ant­wor­ten auf De­fi­zi­te im so­zia­len, psy­chi­schen oder phy­si­schen Be­reich. Es sind frei­wil­li­ge Zu­sam­men­schlüs­se von Be­trof­fe­nen, die an der ge­mein­sa­men Be­wäl­ti­gung ih­rer Er­kran­kung ar­bei­ten. Ei­ne Haupt­auf­ga­be ist das Auf­fan­gen von Pa­ti­en­ten und Pa­ti­en­tin­nen in ih­rer Be­trof­fen­heit. Für vie­le Men­schen ist die Dia­gno­se ei­ner chro­ni­schen Krank­heit ei­ne Schock­si­tua­ti­on. Das ist auch der Zeit­punkt, um sich an ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe zu wen­den.

Was pas­siert dort?

Es wird ver­sucht, den Be­trof­fe­nen zu ver­mit­teln, dass sie nicht al­lein mit ih­rer Er­kran­kung und ih­ren Fra­gen sind. Was be­deu­tet Dia­be­tes für mich, mei­ne Fa­mi­lie oder mei­nen Be­ruf? Es gibt Schu­lun­gen und man er­fährt, wie an­de­re ih­ren All­tag meis­tern. Die Teil­neh­mer wer­den er­mu­tigt, ih­re Krank­heit zu ak­zep­tie­ren und an­zu­neh­men. Nur wenn die Be­trof­fe­nen ei­ne Form von Selbst­ma­nage­ment ent­wi­ckeln, ist es mög­lich, Le­bens­qua­li­tät hin­zu­zu­ge­win­nen.

Gibt es Pa­ti­en­ten, die mit über­zo­ge­nen Er­war­tun­gen ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe auf­su­chen?

Je­der kran­ke Mensch hat ei­nen Wunsch: Hei­lung. Man­che Men­schen er­war­ten sich Rat und In­for­ma­ti­on dar­über, wo sie die fin­den kön­nen. Das ist aber ge­ra­de bei chro­ni­schen Er­kran­kun­gen nicht mög­lich. Die Selbst­hil­fe­grup­pe ist kein Wun­der­wuz­zi. An­de­re glau­ben, dass man ei­ge­ne Pro­ble­me an die Grup­pe de­le­gie­ren kann und die­se dann ei­ne Lö­sung fin­det. Das funk­tio­niert na­tür­lich nicht. Selbst­hil­fe­grup­pen kön­nen die Pro­ble­me nicht für ei­nen lö­sen, nur bei der Lö­sung hel­fen.

Ein Er­satz für ei­ne pro­fes­sio­nel­le me­di­zi­ni­sche Be­treu­ung sind sie aber nicht?

Nein, Selbst­hil­fe­grup­pen er­set­zen nicht den Arzt. Sie er­gän­zen viel eher die me­di­zi­ni­sche Be­treu­ung, in­dem sie Raum schaf­fen, Pro­ble­me, Ängs­te und Hoff­nun­gen der Grup­pe dar­zu­le­gen. Weil das an­de­re auch tun, fällt die Scheu da­vor ab. Dar­über re­den hilft. Da vie­le Be­trof­fe­ne die Ten­denz ha­ben, sich zu­rück­zu­zie­hen und zu iso­lie­ren, ist das ein wich­ti­ger Bei­trag.

Es gibt im In­ter­net vie­le Fo­ren und Be­treu­ungs­an­ge­bo­te. Was ist da­von zu hal­ten?

Es gibt ei­nen ex­tre­men Wild­wuchs. Vie­le Fo­ren ver­tre­ten auch hand­fes­te ge­schäft­li­che In­ter­es­sen. Da sind mo­de­rier­te Fo­ren si­cher­lich bes­ser. Die Fra­ge ist im­mer: Wer steckt hin­ter sol­chen An­ge­bo­ten? Wir kämp­fen da schon lan­ge für ein Gü­te­sie­gel für sol­che Online-an­ge­bo­te. Im Mo­ment ist das noch un­zu­rei­chend ge­löst. Bei In­ter­ne­tAuf­trit­ten ein­ge­tra­ge­ner Selbst­hil­fe­grup­pe, soll­te es aber meist kei­ne Be­den­ken ge­ben. «

Ot­to Span­ger, Vor­sit­zen­der des Me­di­zi­ni­schen Selbst­hil­fe­zen­trums Wi­en

„Selbst­hil­fe­grup­pen er­set­zen nicht den Arzt. Sie er­gän­zen viel eher die me­di­zi­ni­sche Be­treu­ung, weil sie Räu­me schaf­fen, Pro­ble­me und Ängs­te dar­zu­le­gen.“

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