82 WENN KIN­DER CHRO­NISCH KRANK WER­DEN

Kurier_Diabetes - - INHALT - HE­LE­NA ZOTT­MANN

Wie Dia­be­tes den All­tag von Kin­dern be­ein­flusst

Die Dia­gno­se Dia­be­tes stellt ge­ra­de bei Kin­dern das Le­ben zu­erst ein­mal ge­hö­rig auf den Kopf. Doch sie sind an­pas­sungs­fä­hig und ler­nen rasch mit der Krank­heit um­zu­ge­hen und ein völ­lig nor­ma­les Le­ben zu füh­ren.

Wer sein Kind für ei­nen Kin­der­gar­ten­platz an­mel­den möch­te, hat end­lo­se War­te­schlei­fen und An­mel­de­hür­den zu be­ste­hen. Lei­det das ei­ge­ne Kind dann auch noch an ei­ner chro­ni­schen Er­kran­kung, wird es für El­tern oft um ein Viel­fa­ches schwie­ri­ger.

Dia­be­tes Typ-1 ist ei­ne Stoff­wech­sel­er­kran­kung, an der in Ös­ter­reich je­des Jahr rund 250 bis 300 Kin­der er­kran­ken. Im­mer mehr und im­mer jün­ge­re Kin­der sind da­von be­trof­fen, die Zahl hat sich in den letz­ten zehn Jah­ren fast ver­dop­pelt. Selbst Kin­der un­ter fünf Jah­ren kön­nen schon zu Dia­be­ti­kern wer­den.

Längst lei­den Kin­der und Ju­gend­li­che auch un­ter Dia­be­tes Typ-2, »

der einst nur als „Al­ters­dia­be­tes“be­kannt war, weil vor­wie­gend Äl­te­re da­von dar­an er­krank­ten. Die­se Be­zeich­nung ist längst über­holt, denn auch Jün­ge­re sind von ihm be­trof­fen.

Bei Kin­dern aber we­sent­lich häu­fi­ger ist Typ-1-dia­be­tes. Hier wird vom Kör­per nicht aus­rei­chend In­su­lin pro­du­ziert, wes­halb die Kin­der – und vor al­lem de­ren Er­zie­hungs­be­rech­tig­te und Be­treu­er – dar­auf ach­ten müs­sen, re­gel­mä­ßig die rich­ti­ge Do­sis In­su­lin zu ver­ab­rei­chen.

BLUT­WER­TE MES­SEN PIEKST. Ein Kind mit Dia­be­tes be­nö­tigt mehr Auf­merk­sam­keit. Mehr­mals täg­lich muss der Blut­zu­cker­wert ge­mes­sen wer­den, da­bei wird je­des Mal ein biss­chen Blut vom Fin­ger ab­ge­nom­men. „Für die­sen Fall wer­den al­le Be­tei­lig­ten ein­ge­schult, so­dass je­der die Zei­ten ein­hal­ten und im Ernst­fall rich­tig re­agie­ren kann“, er­zählt Si­mo­ne Schu­mich von der Vil­la Kun­ter­bunt in Wi­en. Im Hort war vor ei­ni­ger Zeit ei­nen Jun­gen mit Dia­be­tes Typ-1 in Be­treu­ung, da­her wur­de dar­auf ge­schult. Der Bub war be­reits acht Jah­re alt und konn­te sich sei­ne Sprit­zen schon selbst ge­ben. Pa­ti­en­ten und El­tern sind nor­ma­ler­wei­se ziem­lich rasch Pro­fis auf die­sem Ge­biet. Da­her muss auch im Kin­der­gar­ten eng mit ih­nen zu­sam­men­ge­ar­bei­tet wer­den. In Wie­ner Kin­der­gär­ten wer­den die klei­nen Dia­be­ti­ker eben­so wie Kin­der mit an­de­ren chro­ni­schen oder un­heil­ba­ren Krank­hei­ten päd­ago­gisch be­treut. „Da­mit das mög­lich wird, müs­sen al­le Mit­ar­bei­ter an ei­nem Kin­der­gar­ten­stand­ort ärzt­lich ein­ge­schult wer­den. Ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit und viel In­for­ma­ti­ons­aus­tausch mit den El­tern sind da­bei not­wen­dig“, so Stefanie Gru­bich von der Ma­gis­trats­ab­tei­lung 10, zu­stän­dig für die Wie­ner Kin­der­gär­ten.

IM KIN­DER­GAR­TEN. Kommt ein Kind mit Dia­be­tes in ei­nen Kin­der­gar­ten, gibt es in ei­nem ers­ten Schritt ein Ge­spräch der El­tern und Ärz­te mit den Be­treu­ern. „In je­dem Fall wird, in­di­vi­du­ell auf das Kind ab­ge­stimmt, das ge­sam­te Team ei­nes Stand­or­tes ein­ge­schult, denn nur wenn sich al­le den Um­gang mit den Maß­nah­men zu­trau­en und zu­stim­men, darf ei­ne Be­treu­ung durch nicht­me­di­zi­ni­sches Per­so­nal über­haupt er­fol­gen“, heißt es von der MA 10 wei­ter. Die Kin­der dür­fen aber nicht als Son­der­fäl­le gel­ten, dar­auf wer­de be­son­ders Wert ge­legt. „Sie ha­ben die­sel­ben Be­dürf­nis­se wie al­le Kin­der – es er­for­dert aber ei­ne er­höh­te Acht­sam­keit sei­tens der Be­treu­ungs­per­so­nen, denn die Kin­der sol­len am All­tag völ­lig un­ge­hin­dert teil­neh­men kön­nen und kei­ne Ein­schrän­kun­gen er­fah­ren.“

Bei der Be­treu­ung des Acht­jäh­ri­gen im Hort Vil­la Kun­ter­bunt war eben­falls das ge­sam­te Be­treu­ungs­per­so­nal in­vol­viert. „Wir ha­ben im­mer mit den El­tern und mit dem me­di­zi­ni­schen Fach­per­so­nal Ab­spra­che ge­hal­ten“, er­zählt Schu­mich.

RECHTS­LA­GE UN­GE­KLÄRT. Fragt man bei Kin­der­gär­ten um de­ren Er­fah­rung an, be­kommt man meist ei­ne Ant­wort wie „da­zu darf ich nichts sa­gen“oder „das ist ein schwie­ri­ges Ter­rain“. Das kommt da­her, dass die Rechts­la­ge nicht rest­los ge­klärt ist. Kein Kin­der­gar­ten lässt sich gern auf die Ver­ant­wor­tung ein, ein Kind mit ei­ner chro­ni­schen Krank­heit zu be­treu­en, wenn die­se voll zu Las­ten der Be­treu­er geht. „Wir ver­lan­gen in sol­chen Fäl­len dann im­mer al­les schrift­lich“, heißt es et­wa beim Pri­vat­kin­der­gar­ten Spat­zen­nest in Wi­en. Das be­deu­tet, die El­tern müs­sen ein For­mu­lar aus­fül­len, in dem sie er­klä­ren, die vol­le, recht­li­che Ver­ant­wor­tung für ihr Kind zu be­hal­ten. Au­ßer­dem braucht es ärzt­li­che Be­stä­ti­gun­gen, Di­ät- und Zeit­plä­ne. Auch dür­fen Kin­der­gar­ten­päd­ago­gen kei­ner­lei Me­di­ka­men­te ver­ab­rei­chen. „Wir dür­fen den Kin­dern nicht ein­mal Hus­ten­saft ge­ben“, sagt Si­mo­ne Schu­mich vom Hort Vil­la Kun­ter­bunt in Wi­en. Den­noch sind die Be­treu­er ver­pflich­tet, Ers­te Hil­fe zu leis­ten.

Ein recht­li­cher Grau­be­reich, der im Fall Dia­be­tes noch kom­pli­zier­ter wird. Muss sich das Kind die Me­di­ka­ti­on selbst sprit­zen kön­nen? Was, wenn das Kind noch zu klein ist? Müss­ten je­des Mal die El­tern kom­men und die Sprit­ze ge­ben? „In un­se­rem Fall war der Pa­ti­ent be­reits acht Jah­re alt und konn­te sich die In­jek­ti­on selbst ge­ben, ich weiß aber nicht, wie das bei jün­ge­ren Kin­dern der Fall wä­re“, sagt Si­mo­ne Schu­mich vom Hort Vil­la Kun­ter­bunt.

SCHU­LUN­GEN. Päd­ago­gen wer­den in der Stan­dard­aus­bil­dung grund­sätz­lich nicht auf Kin­der mit spe­zi­el­len Krank­hei­ten ge­schult. Das müs­sen sie im Bedarfsfall nach­ho­len. „Es wä­re schon schön, wenn sich hier mehr tä­te. Das ist Sa­che des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums“, sagt Eli­sa­beth Wil­kens. Sie ist Ko­or­di­na­to­rin für den schul­ärzt­li­chen Di­enst und An­sprech­per­son für Lan­des­schul­ärz­te. Wil­kens ver­sucht seit ei­ni­gen Jah­ren ein Schu­lungs­vi­deo zu ver­brei­ten, das zu­min­dest die klas­si­schen Sym­pto­me des Dia­be­tes Typ-1 er­klärt und die Be­treu­er dar­auf sen­si­bi­li­siert. „Das ist ein Film, der sich an die Kin­der rich­tet“, sagt sie. In elf Mi­nu­ten wird ei­ne Spiel­si­tua­ti­on dar­ge­stellt, bei der ein Kind all­zu oft auf die Toi­let­te muss – „die nervt, jetzt muss sie schon wie­der aufs Klo“– was

als Sym­ptom un­er­kannt bleibt. Mit dem Film „Bei­nah zu spät“hofft sie, El­tern, Be­treu­ern und den Kin­der selbst die Sym­pto­me ver­ständ­lich zu ma­chen. Im­mer­hin könn­te die Krank­heit we­sent­lich frü­her er­kannt wer­den. „Et­wa ein Drit­tel kommt in le­bens­be­droh­li­chem Zu­stand, ob­wohl sich die Krank­heit oft mo­na­te­lang vor­her schon ab­zeich­net“, so Wil­kens.

SYM­PTO­ME ER­KEN­NEN. „Im Zu­sam­men­hang mit der Früh­er­ken­nung ist dar­auf zu ach­ten, ob Kin­der un­ge­wöhn­lich durs­tig sind, häu­fig sehr mü­de sind oder sehr oft aufs Klo müs­sen“, so die In­for­ma­ti­on von der Wie­ner Ma­gis­trats­ab­tei­lung 10. Die Klei­nen müs­sen gut be­ob­ach­tet wer­den, dür­fen da­bei aber nicht ein­ge­schränkt wer­den. Das gilt für den Kin­der­gar­ten wie für zu­hau­se. Wer die Sym­pto­me kennt und sein Kind gut be­ob­ach­tet oder be­ob­ach­ten lässt, kann Dia­be­tes schnell er­ken- nen und rasch be­han­deln. Wur­de die Krank­heit er­kannt, sind im­mer noch vie­le Fak­to­ren für die Ge­sund­heit le­bens­wich­tig. „Der Blut­zu­cker­ge­halt kann sehr stark schwan­ken, ist al­so be­son­ders bei sehr jun­gen Kin­dern ge­nau zu be­ob­ach­ten. Und es gilt zu ler­nen, wor­an er­kenn­bar wird, ob ei­ne Un­ter- oder Über­zu­cke­rung be­steht“, be­tont Stefanie Gru­bich.

Die­ses Wis­sen ist im Ernst­fall le­bens­ret­tend, das Be­treu­ungs­per­so­nal muss dar­auf ge­schult sein. Und: „Der In­su­lin-pen muss im­mer greif­bar sein und bei In­su­lin­pum­pen muss dar­auf ge­ach­tet wer­den, ob sie rich­tig funk­tio­nie­ren.“Es sind vie­le klei­ne Hand­grif­fe, die für die Be­treu­ung von Dia­be­ti­kern ge­übt wer­den müs­sen, doch nach ei­ni­ger Zeit wer­den die Be­treu­er ge­mein­sam mit El­tern und ärzt­li­cher Un­ter­stüt­zung zu Pro­fis.

Kin­der­gar­ten­päd­ago­gen ler­nen ein Kind sehr gut ken­nen, da sind sie als Un­ter­stüt­zer in der Früh­er­ken­nung und Be­treu­ung ei­ne wich­ti­ge Stüt­ze. „Wir hat­ten auch schon Fäl­le von an­de­ren Krank­hei­ten, die wir durch Be­ob­ach­tung der Kin­der fest­stell­ten und den El­tern dann wei­ter­ge­lei­tet ha­ben“, sagt Schu­mich vom Hort Vil­la Kun­ter­bunt.

JE­DES KIND IST BE­SON­DERS. „ Für den Koch gibt es ei­ne lan­ge Lis­te, wer was nicht es­sen darf “, er­zählt Schu­mich von den ver­schie­de­nen Be­dürf­nis­sen der Kin­der. Nicht nur auf Dia­be­tes-pa­ti­en­ten muss man Rück­sicht neh­men. „Bei be­son­de­ren kör­per­li­chen An­stren­gun­gen oder wäh­rend Aus­flü­gen ist noch ge­nau­er zu be­ob­ach­ten, ob es dem Kind gut geht“, so die MA 10. Das gilt aber nicht nur für Kin­der mit Dia­be­tes, son­dern für al­le im Kin­der­gar­ten. Das sieht man auch im Hort so: „Man hat schnell ei­ne en­ge Be­zie­hung zum Kind auf­ge­baut und egal wo sich was an­bahnt, sind Sen­so­ren schon ak­ti­viert.“

Si­mo­ne Schu­mich vom Hort Vil­la Kun­ter­bunt in Wi­en

„Wir ha­ben im­mer mit den El­tern und mit dem me­di­zi­ni­schen Fach­per­so­nal Ab­spra­che ge­hal­ten.“

Dia­be­tes bei Kin­dern macht sich oft durch Mü­dig­keit be­merk­bar

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