6 „DIA­BE­TES KANN MICH NICHT STOP­PEN“

Kurier_Diabetes - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Wie Olym­pia­sie­ger Mat­thi­as St­ei­ner mit Dia­be­tes lebt

Ge­wicht­he­ber Mat­thi­as St­ei­ner wur­de 2008 in

pe­king als Dia­be­ti­ker olym­pia­sie­ger. Über sein

le­ben mit Dia­be­tes spricht der einst stärks­te

mann der Welt ganz of­fen. Da­mit möch­te er an­de­ren Dia­be­ti­kern mut ma­chen und zei­gen, dass man mit der krank­heit

al­les er­rei­chen kann.

Ei­nen tag vor sei­nem 18. Ge­burts­tag wur­de bei mat­thi­as st­ei­ner typ-1-dia­be­tes dia­gnos­ti­ziert, schon da­mals war gewichtheben sei­ne lei­den­schaft. Aus­ge­löst hat­te die au­to­im­mune stoff­wech­sel­krank­heit ein ver­schlepp­ter grip­pa­ler Ef­fekt – ar­bei­ten auf der Bau­stel­le und trai­nie­ren trotz fie­ber. „Statt sa­cher­tor­te be­kam ich ei­ne Di­ät­schnit­te zum ge­burts­tag. »

Die Kran­ken­schwes­ter hat sich be­müht, aber für mich war das Le­ben so­zu­sa­gen zu En­de. Plötz­lich war ich ein kran­ker Mensch und mir wur­de ge­sagt, ich darf nicht mehr Gewichtheben“, er­zählt der heu­te 33-Jäh­ri­ge von der Dia­gno­se, die letzt­end­lich doch nur ein wei­te­res Hin­der­nis dar­stell­te, das es zu über­sprin­gen galt. Blut­zu­cker mes­sen und häu­fi­ges In­su­lin sprit­zen stand seit­her an der Ta­ges­ord­nung. Das hin­der­te ihn aber nicht dar­an, Eu­ro­pa- und Welt­meis­ter zu wer­den.

Heu­te trägt Mat­thi­as St­ei­ner ei­ne In­su­lin­pum­pe und muss nicht mehr sprit­zen. „Frü­her muss­te ich bei nied­ri­gem Blut­zu­cker, wo das Ba­sa­l­in­su­lin aber schon im Kör­per war, et­was es­sen. Jetzt kann ich ein­fach die Pum­pe re­du­zie­ren. Das ist ein rie­si­ger Vor­teil, ge­ra­de wenn man aufs Ge­wicht ach­ten will. Ich müss­te jetzt zum Bei­spiel nichts Sü­ßes es­sen“, grinst er und tut es doch. Das ist ihm nicht zu ver­übeln an­ge­sichts der Le­cke­rei­en, die es in der klei­nen Kon­di­to­rei im deut­schen Hei­del­berg gibt, wo der ge­bür­ti­ge Nie­der­ös­ter­rei­cher mit sei­ner Frau und den zwei Kin­dern lebt.

WETT­KAMPF. Schon zwei Wo­chen nach der Dia­gno­se fing der Sport­ler wie­der mit dem Gewichtheben an. „Ich ha­be be­merkt, es hat sich »

„Zu mei­nem 18. Ge­burts­tag be­kam ich ei­ne Di­ät­schnit­te statt Sa­cher­tor­te. Plötz­lich war ich ein kran­ker Mensch und mir wur­de ge­sagt, dass ich nicht mehr Gewichtheben darf.“

kör­per­lich ei­gent­lich nichts ge­än­dert. Das be­kom­me ich schon hin!“, dach­te er sich des­we­gen. Wie sieht Hoch­leis­tungs­sport mit Dia­be­tes aus? Man muss zehn bis 15 Mal am Tag Blut­zu­cker mes­sen – vor al­lem an ei­nem Wett­kampf­tag –, da­mit der Blut­zu­cker­wert nicht un­er­war­tet ent­gleist: „Ge­ra­de da muss al­les funk­tio­nie­ren. Das ers­te Jahr war schon ein Hor­ror, we­gen des Ad­re­na­lins und der Ner­vo­si­tät, dann spritzt man falsch und ist plötz­lich nicht mehr leis­tungs­fä­hig.“Es muss al­so al­les per­fekt ab­ge­stimmt sein. Denn zu viel In­su­lin kann mü­de ma­chen, der Mi­ne­ral­stoff haus­halt in den Mus­keln wird blo­ckiert. Wäh­rend die Wett­kämp­fe im­mer erst am Abend statt­fan­den, war die Span­nung hin­ge­gen schon den ge­sam­ten Tag über prä­sent. Ver­schie­de­ne Din­ge, un­ter an­de­rem ein Es­pres­so, schlech­ter Schlaf, ein fett­rei­ches Es­sen kön­nen un­vor­her­seh­ba­re Mecha­nis­men im Kör­per aus­lö­sen. St­ei­ner muss­te über die Jah­re hin­weg erst müh­sam er­ler­nen, wie er da­mit um­zu­ge­hen hat. Kein leich­tes Un­ter­fan­gen: „Das ist ei­ne Wis­sen­schaft für sich“, so der ehe­ma­li­ge Leis­tungs­sport­ler. Tipps hol­te er sich in die­ser Zeit im­mer wie­der auch von sei­nem Dia­be­to­lo­gen.

PRO­BLE­MA­TISCH. Da­zu fiel es St­ei­ner schwe­rer, in sei­ner Ge­wichts­klas­se zu blei­ben. Er muss­te im­mer wie­der ab­neh­men, was in Ver­bin­dung mit dem Dia­be­tes durch­aus pro­ble­ma­tisch wur­de. Al­so be­gann er das Ge­gen­teil zu ma­chen und aß sich auf das Le­vel ei­nes Su­per­schwer­ge­wichts, um mit 150 Ki­lo Kampf­ge­wicht bei den olym­pi­schen Spie­len in Pe­king an­tre­ten zu kön­nen. Mit Er­folg, er wur­de Olym­pia­sie­ger. Bei den dar­auf­fol­gen­den Spie­len in Lon­don im Jahr 2013 ver­letz­te er sich und be­en­de­te we­nig spä­ter sei­ne Kar­rie­re: „Zu be­wei­sen hat­te ich oh­ne­hin nichts mehr, das Ziel, stärks­ter Mann der Welt zu wer­den, war be­reits er­reicht.“

AB­NEH­MEN. Nach­dem er mit Ge­walt zu­ge­nom­men hat­te, woll­te er wie­der da­hin, wo er ein­mal war. Und so nahm St­ei­ner 45 Ki­lo­gramm in­ner­halb ei­nes Jah­res ab. „Dass ich wie­der ab­neh­men wer­de, war für mich von An­fang an klar. So viel Ge­wicht zu ha­ben, ist über län­ge­ren Zei­t­raum nicht ge­sund“, so St­ei­ner. Dar­über hat er jetzt ge­mein­sam mit sei­ner Frau und Tv-mo­de­ra­to­rin In­ge St­ei­ner ein Buch ge­schrie­ben, wel­ches mitt­ler­wei­le zum Rat­ge­ber-best­sel­ler avan­cier­te – „Das St­ei­ner Prin­zip“.

Abends im­mer mal wie­der Koh­len­hy­dra­te weg­las­sen, drei Mahl­zei­ten am Tag und im­mer ein Glas Was­ser vor dem Es­sen trin­ken, weil das Sät­ti­gung vor­spielt. Lang­sam es­sen, fet­te Nah­rungs­mit­tel weg­las­sen und auf Zu­cker, so­weit es geht, ver­zich­ten. Vie­le Voll­korn­pro­duk­te, Ge­mü­se und Obst. Als Snack dür­fen es Nüs­se, Pa­pri­ka oder Ka­rot­ten sein. Und na­tür­lich be­son­ders wich­tig: den Blut­zu­cker­spie­gel kon­stant hal­ten. Man soll sich aber nicht mit Ka­lo­ri­en zäh­len ver­rückt ma­chen, meint St­ei­ner. Es ge­he im Grun­de nicht dar­um, wie viel man ab­nimmt, son­dern um ein be­wuss­te­res Le­ben. Be­we­gung ge­hört da da­zu und je mehr man trai­niert, des­to mehr Mus­kel­zel­len baut man auf, in de­nen wie­der­um der Zu­cker ver­brennt wird.

WOHL­FÜH­LEN. Was man isst, hat gro­ße Aus­wir­kun­gen dar­auf, ob man sich wohl­fühlt. Je mehr un­ver­ar­bei­te­tes Es­sen, des­to mehr Kon­trol­le hat man auch dar­über. Und das sei nicht nur für den Dia­be- ti­ker wich­tig, so St­ei­ner: „In ei­nem Vier­tel­li­ter Co­la sind neun Stück Zu­cker­wür­fel. Ich trin­ke ge­ra­de Schwarz­tee. Wer wür­de da auf die Idee kom­men, neun Stück Zu­cker rein­zu­ge­ben? Nie­mand!“Das größ-

te Pro­blem sieht er im Über­an­ge­bot an zu­cker- und fett­rei­chen Es­sen. Ge­ra­de bei Kin­dern wer­de das im­mer pro­ble­ma­ti­scher, weil Le­bens­mit­tel als ge­sund ver­mark­tet wer­den, ob­wohl sie es nicht sind. Ent­ge­gen­wir­ken kön­ne die­ser be­sorg­nis­er­re­gen­den Ent­wick­lung nur noch der Ge­setz­ge­ber.

DIA­BE­TES-RI­SI­KO. Da­mit trifft er ei­nen Nerv: Ex­per­ten war­nen schon seit län­ge­rem da­vor, dass Men­schen im­mer di­cker wer­den, sich we­ni­ger be­we­gen und da­durch das Ri­si­ko für Typ-2-dia­be­tes enorm an­steigt. Das be­deu­tet nicht, dass man sei­nen Kin­dern je­den Wunsch nach ei­ner Na­sche­rei ab­schla­gen muss. Doch: „Wenn wir ein Eis es­sen wol­len, dann fah­ren wir vor­her mit dem Fahr­rad ei­ne Run­de hin zur Eis­die­le. Wir ge­hen erst wan­dern und dann gibt es oben auf der Hüt­te von mir aus auch ein­mal Pom­mes.“

HEL­FEN. Heu­te kann man sich un­mit­tel­bar nach ei­ner Dia­gno­se schnell im In­ter­net die ers­ten In­for- ma­tio­nen ho­len, noch lan­ge be­vor man ei­ne Schu­lung be­kommt. Ein Licht­blick für vie­le jun­ge Pa­ti­en­ten, den auch Mat­thi­as St­ei­ner da­mals gut hät­te brau­chen kön­nen. Doch gab es die­se Mög­lich­keit noch nicht. Je­den Tag be­ant­wor­tet er des­we­gen un­zäh­li­ge Fra­gen, die ihm Men­schen mit Dia­gno­se Dia­be­tes per Mail schi­cken: „Ich möch­te Ängs­te neh­men und zei­gen, es kann trotz Er­kran­kung nor­mal wei­ter­ge­hen. Mein Ti­tel als stärks­ter Mann der Welt hilft da schon, ge­ra­de bei Kin­dern. Da mer­ke ich, dass ich ei­ne Hil­fe­stel­lung bin.“

Mat­thi­as St­ei­ner 2008 bei der Sie­ger­eh­rung in Pe­king. Kampf­ge­wicht: 150 Ki­lo

In sei­ner Lieb­lings­kon­di­to­rei spricht der ge­bür­ti­ge Ös­ter­rei­cher dar­über, wie das Le­ben mit zehn Mal Blut­zu­cker mes­sen am Tag ist und war­um be­wuss­te Er­näh­rung wich­tig ist

„Ich möch­te Ängs­te neh­men und zei­gen, dass es trotz Er­kran­kung nor­mal wei­ter­ge­hen kann.“

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