76 DON’T PA­NIC!

Kurier_Diabetes - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Gour­met­kri­ti­ker Flo­ri­an Hol­zer über sein Le­ben mit Dia­be­tes

Flo­ri­an Hol­zer ist ei­ner der be­kann­tes­ten Gour­met­kri­ti­ker Ös­ter­reichs – und seit 45 Jah­ren Dia­be­ti­ker. Sei­ne Kar­rie­re zeigt, dass ei­nem trotz Dia­be­tes be­ruf­lich kei­ne Gren­zen ge­setzt sind.

Flo­ri­an Hol­zer lebt, ar­bei­tet und isst in Wi­en. Der Gour­met­kri­ti­ker mit Wur­zeln in Nie­der­ös­ter­reich tes­tet für die Le­ser der Wo­chen­ma­ga­zi­ne KURIER frei­zeit und Fal­ter re­gel­mä­ßig die Re­stau­rants der Stadt. Mal fällt sein Ur­teil ver­nich­tend aus, ein an­de­res Mal kann er den Lo­ka­li­tä­ten durch­aus et­was ab­ge­win­nen.

Für un­ser Tref­fen hat sich Hol­zer ein Re­stau­rant im sieb­ten Be­zirk aus­ge­sucht. Dort sprach er ganz of­fen über sein Le­ben mit der Stoff­wech­sel­krank­heit Dia­be­tes Typ-1. Die Dia­gno­se wur­de ihm ge­stellt, da war er ge­ra­de ein­mal vier Jah­re alt. Der Ein­druck, die Krank­heit wür­de den Fein­schme­cker heu­te in ir­gend­ei­ner Form ein­schrän­ken, bleibt aus. Denn dank neu­es­ter The­ra­pie­for­men ist ihm ein bei­na­he be­schwer­de­frei­es Le­ben mög­lich. »

Ge­nuss­voll und ge­sund es­sen ist für Flo­ri­an

Hol­zer Be­ruf und Le­bens­phi­lo­so­phie

Das war aber nicht im­mer so. in sei­ner ju­gend muss­te sich flo­ri­an hol­zer an ei­nen strik­ten Er­näh­rungs­plan hal­ten. Wie­so er trotz­dem den Be­ruf des gour­met­kri­ti­kers ge­wählt hat, er­zählt er im interview – wäh­rend er oh­ne schlech­tes ge­wis­sen ein Sau­er­teig-flat­bre­ad mit Schwam­merln, Pro­sci­ut­to und Ei ge­nießt. Es ist 45 Jah­re her, dass man bei Ih­nen Dia­be­tes Typ-1 dia­gnos­ti­ziert hat. Wie wur­de da­mals mit der Er­kran­kung um­ge­gan­gen? Flo­ri­an Hol­zer: Dar­an, was von of­fi­zi­el­ler Sei­te ge­kom­men ist, kann ich mich nicht er­in­nern. Viel­leicht auch, weil es so trau­ma­tisch war. Aber ich kann mich dar­an er­in­nern, wie mei­ne mut­ter mit mir um­ge­gan­gen ist. ich ha­be ei­ne neue Stren­ge ken­nen­ge­lernt, die vor­her in mei­nem le­ben kei­ne Rol­le ge­spielt hat. mir ist sehr sub­til, aber ein­deu­tig klar­ge­macht wor­den, dass Dis­zi­plin von nun an not­wen­dig ist, um zu über­le­ben. Das ist so auch heu­te noch Teil mei­nes Be­wusst­seins. Die­ser Wunsch, mich zu kon­trol­lie­ren, ist Teil von mir. ich kann mich nicht wirk­lich ge­hen las­sen.

Wür­den Sie sa­gen, dass Sie ei­ne ein­ge­schränk­te Kind­heit ge­habt ha­ben?

ja. Ei­ne kind­heit oh­ne Scho­ko­la­de und oh­ne Eis. Das war ei­ne ab­so­lu­te ka­ta­stro­phe. Aber die da­ma­li­ge The­ra­pie war noch nicht so weit, dass das mög­lich ge­we­sen wä­re. ich bin mei­ner mut­ter un­end­lich dank­bar, denn sie hat dann selbst Eis ge­macht und ge­ba­cken. Sie hat wahn­sin­nig gut ge­kocht und sich ex­trem be­müht, mir nor­ma­li­tät zu bie­ten. Sie hat um mich ei­ne At­mo­sphä­re ge­schaf­fen, in der mir mei­ne krank­heit gar nicht be­wusst wur­de.

Was hat Ih­nen den Um­gang mit der Krank­heit er­leich­tert?

mein Va­ter hat­te da­mals die Ra­dio­sen­dung „ku­li­na­ri­um“auf Ö1. Durch den Be­ruf mei­nes Va­ters war Es­sen und Trin­ken im­mer schon ein gro­ßes The­ma in der fa­mi­lie. ich ha­be sehr früh ge­lernt, be­wusst mit ge­nuss um­zu­ge­hen. mein Dia­be­tes hat das nicht ver­hin­dert.

Wie sah die me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie aus?

mein ers­tes in­su­lin war das no­vo len­te. Das muss­te ich ein­mal in der früh sprit­zen. mit ei­ner ex­trem strik­ten und dis­zi­pli­nier­ten le­bens­wei­se hat das ganz gut ge­hal­ten. Aber der Diät­plan hat zwei bis drei Bro­tein­hei­ten al­le zwei St­un­den vor­ge­se­hen. ich hat­te des­we­gen im­mer Es­sen da­bei.

Sah Ihr Er­näh­rungs­plan vor al­lem die Ver­mei­dung von Zu­cker vor?

ja, fett war da­mals noch kein The­ma und ist es bei mir nach wie vor nicht. mein le­ben lang ha­be ich für ei­nen mit­tel­eu­ro­pä­er ver­hält­nis­mä­ßig we­ni­ge koh­len­hy­dra­te ge­ges­sen. Das hat mich aber auch vor grö­be­ren ka­ri­es­pro­ble­men und fett­lei­big­keit be­wahrt.

Die Di­ät war frü­her Prio­ri­tät num­mer eins. in mei­ner ge­sam­ten kind­heit ist es da­her auch nur zu zwei bis drei „hy­pos“ge­kom­men.

Und in der Pu­ber­tät?

Da ist der „hy­po“mehr oder we­ni­ger an der Ta­ges­ord­nung ge­stan­den ( lacht). Die Dis­zi­plin ließ nach und der kör­per ist in die­ser Zeit un­be- re­chen­bar. ich ha­be auch selbst den Wunsch zur Re­bel­li­on ver­spürt, woll­te an die gren­zen ge­hen und ha­be auch die­se per­ma­nen­te kon­trol­le ab­ge­lehnt.

Wie­so ent­schie­den Sie sich, Gour­met­kri­ti­ker zu wer­den?

Die­se mög­lich­keit hat sich mir durch ei­nen glück­li­chen Zu­fall ge­bo­ten. ich soll­te als Stu­dent im Auf­trag mei­nes Va­ters ein interview mit Ar­min Thurn­her, dem da­ma­li­gen Chef­re­dak­teur des Stadt­ma­ga­zin fal­ter, ma­chen. Der hat mich dann ge­fragt, ob ich mit­ar­bei­ten wol­le und was mich in­ter­es­sie­ren wür­de. Da sag­te ich „Es­sen und Trin­ken“. Und er mein­te nur: „Bring mir nächs­te Wo­che ei­ne lo­kalkri­tik.“Das tat ich, und von da an war ich lo­kalkri­ti­ker.

Al­so ging es von Ih­nen aus. Sie hät­ten ja Kul­tur oder Po­li­tik sa­gen kön­nen.

Rich­tig. Das ha­be ich noch nie so be­dacht, muss ich ganz ehr­lich sa­gen. Der im­puls kam schon von mir. Si­cher aus ei­nem Wunsch her­aus, mich mei­ner krank­heit ge­gen­über zu eman­zi­pie­ren und mich nicht un­ter­drü­cken zu las­sen, eben sou­ve­rän zu sein. ich woll­te nicht mein le­ben durch Dia­be­tes de­ter­mi­nie­ren las­sen.

In­wie­fern hat Dia­be­tes Ihr be­ruf­li­ches Le­ben be­ein­flusst?

Da­mals hat­te ich es noch mit ei­ner Di­ät zu tun, die mir ei­ne fi­xe men­ge von koh­len­hy­dra­ten zu ei­ner fi­xen Zeit vor­ge­ge­ben hat, die war nicht sehr fle­xi­bel. hin und wie­der pas­siert es, dass man kei­nen Platz im lo­kal be­kommt, das Es­sen dau­ert lan­ge oder man weiß ein­fach nicht, wie vie­le koh­len­hy­dra­te die­ses ver­damm­te Ba­mi go­reng hat. Das war die höl­le! Da muss­te ich viel ler­nen und im­pro­vi­sie­ren. Re­tro­spek­tiv ge­se­hen, bin ich ein ziem­li­ches Ri­si­ko ein­ge­gan­gen. mei­ne Dia­be­to­lo­gen »

„Ich woll­te mich mei­ner Krank­heit ge­gen­über eman­zi­pie­ren und nicht mein Le­ben von ihr de­ter­mi­nie­ren las­sen.“

ha­ben mir nach­träg­lich ge­sagt, dass ich ei­nen ex­trem har­ten Weg ge­gan­gen bin. Denn aus Angst vor stän­di­ger Über­zu­cke­rung durch mei­ne Ar­beit ha­be ich mich dann eher im nied­ri­gen Be­reich an­ge­sie­delt.

Wel­ches Es­sen ist be­son­ders schwie­rig ein­zu­schät­zen?

Asia­ti­sche Kü­che, vor al­lem bei Nu­del­ge­rich­ten mit So­ßen. Aber es wird ge­ne­rell im­mer schwie­ri­ger, weil mehr mit Zu­cker ge­ar­bei­tet wird. Es schum­meln al­le! Es kommt Zu­cker in je­de So­ße, ins Ge­bäck, so­gar auf Fleisch, da­mit es ka­ra­mel­li­siert und be­son­ders cris­py ist. Zu­cker von Con­ve­ni­ence Food ist so­wie­so haar­sträu­bend. Das greift auch schon auf die Gas­tro­no­mie über.

Es­sen Sie im­mer aus­wärts oder ko­chen Sie auch selbst ger­ne?

Ich kann zwar nicht ko­chen, aber ich ko­che wahn­sin­nig ger­ne. (lacht)

Ich ha­be ge­le­sen, dass Sie je­des Jahr fas­ten. Wie kann man sich das vor­stel­len?

Ich ver­zich­te auf Al­ko­hol und Fleisch, so­weit es mein Be­ruf zu­lässt. Da­mit ha­be ich schon vor 20 Jah­ren be­gon­nen, im­mer klas­sisch zu Os­tern. Ich woll­te ur­sprüng­lich nur schau­en, ob’s geht. Es tut ei­nem aber auch ein­fach gut.

Wür­den Sie es be­für­wor­ten, dass Bro­tein­hei­ten in der Gas­tro­no­mie an­ge­ge­ben wer­den?

Nein, das wä­re ein Schre­ckens­ge­dan­ke. Es gibt mehr Dia­be­ti­ker als All­er­gie­kran­ke, aber ich hof­fe trotz­dem nicht, dass die An­zahl der Bro­tein­hei­ten an­ge­ge­ben wer­den muss.

Was wün­schen Sie sich von zu­künf­ti­gen The­ra­pi­en?

Der Wunsch ei­nes je­den Dia­be­ti­kers wä­re die künst­li­che Er­schaf­fung und Trans­plan­ta­ti­on von In­sel­zel­len. Aber das wer­de ich wohl nicht mehr er­le­ben. Durch die Ent­wick­lung der Ba­sis-bolus-the­ra­pie ist ei­nem aber oh­ne­hin ein nor­ma­les Le­ben er­mög­licht wor­den, von dem ich nie zu träu­men ge­wagt hät­te. Ich muss be­wusst le­ben, aber Dia­be­tes schränkt mich über­haupt nicht mehr ein. Der sprin­gen­de Punkt bei Ba­sis-bolus wä­re noch ei­ne per­ma­nen­te Blut­zu­cker­mes­sung, so­dass man sich nicht mehr in den Fin­ger ste­chen und kein Mess­ge­rät mehr mit­tra­gen muss.

Ha­ben Sie Angst vor Spät­fol­gen?

Ja, na­tür­lich. Ich bin in ei­nem Be­reich, wo das The­ma sein könn­te, ha­be aber noch nichts. Au­gen, Fü­ße und Ner­ven – al­les ist su­per.

Gibt es et­was, das Sie Men­schen, die ge­ra­de von der Dia­gno­se er­fah­ren ha­ben, mit auf den Weg ge­ben möch­ten?

Ers­tens: don’t pa­nic! Zwei­tens: Es ist ei­nem nichts ver­wehrt. Wenn man will, kann man die Dia­gno­se da­zu nut­zen, sich nur mehr fein und gut zu er­näh­ren. Das ist kei­ne Kos­ten­fra­ge, son­dern ei­ne Fra­ge der In­for­ma­ti­on und des Wil­lens. Auf der an­de­ren Sei­te: Die Zeit der Mu­ße ist vor­bei. Oh­ne Kon­trol­le und Dis­zi­plin ris­kiert man sei­ne Ge­sund­heit. -

„Es ist ei­nem mit der Dia­gno­se Dia­be­tes nichts ver­wehrt. Wenn man will, kann man sich nur mehr fein und gut er­näh­ren. Das ist kei­ne Kos­ten­fra­ge.“ Flo­ri­an Hol­zer hat ge­lernt ein sehr dis­zi­pli­nier­tes und struk­tu­rier­tes Le­ben zu füh­ren „Es wird ge­ne­rell schwie­ri­ger, Es­sen ein­zu­schät­zen, weil mehr mit Zu­cker ge­ar­bei­tet wird. Es kommt Zu­cker in je­de So­ße, ins Ge­bäck, so­gar auf Fleisch, da­mit das be­son­ders cris­py wird.“

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