114 WENN ES­SEN KRANK MACHT

Kurier_Diabetes - - INHALT - CHRIS­TO­PHER FER­NER

War­um fal­sche Er­näh­rung Kin­der zu Dia­be­ti­kern macht

Dia­be­tes Typ-2 war bis vor we­ni­gen Jahr­zehn­ten ei­ne Krank­heit, die vor­wie­gend Äl­te­re be­trof­fen hat. Heu­te nimmt die Zahl der Kin­der mit die­sem Dia­be­tes lau­fend zu. Die Haupt­ur­sa­chen

sind Über­ge­wicht und aku­ter Be­we­gungs­man­gel.

In den USA er­reich­te der be­sorg­nis­er­re­gen­de Trend sei­nen Gip­fel: Ein drei­jäh­ri­ges Mäd­chen ist dort an Typ-2-dia­be­tes er­krankt und hat da­mit den trau­ri­gen Re­kord auf­ge­stellt, die jüngs­te Pa­ti­en­tin al­ler Zei­ten zu sein. Dass Be­trof­fe­ne im­mer jün­ger wer­den, ist je­doch nicht nur ein Phä­no­men in den USA. Auch hier­zu­lan­de er­kran­ken jähr­lich Kin­der an die­ser Form der Stoff­wech­sel­krank­heit. Der Haupt­ver­ur­sa­cher da­für ist ein un­ge­sun­der Le­bens­stil. Die Be­zeich­nung Al­ters­dia­be­tes hat als Syn­onym für die­se Form des Dia­be­tes schon lan­ge aus­ge­dient.

„Ins­ge­samt wer­den Kin­der und Ju­gend­li­che im­mer frü­her und im­mer häu­fi­ger über­ge­wich­tig. Das liegt be­son­ders an ei­ner ver­rin­ger­ten kör­per­li­chen Ak­ti­vi­tät und ei­ner en­er­gie­rei­chen Nah­rungs­zu­fuhr“, er­klärt Pro­fes­sor Dirk Mül­ler-wie­land, Vi­ze­prä­si­dent der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft (DDG). Aber auch die hö­her ge­wor­de­ne Auf­merk- sam­keit für das The­ma Dia­be­tes ha­be die Zahl der Dia­gno­sen stei­gen las­sen.

MAR­KE­TING-VER­BOT. Die Ver­brau­cher­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Food­watch sieht die Le­bens­mit­tel­in­dus­trie da­bei in der Mit­schuld. In der Kri­tik ste­hen ins­be­son­de­re an Kin­der ge­rich­te­te Mar­ke­tin­gmaß­nah­men für er­näh­rungs­phy­sio­lo­gisch un­aus­ge­wo­ge­ne Le­bens­mit­tel. 281 Pro­duk­te wur­den in ei­ner Stu­die un­ter­sucht, 90 Pro­zent wa­ren kei­ne aus­ge­wo­ge­nen Kin­der­le­bens­mit­tel nach den An­for­de­run­gen der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO). Ge­ra­de ein­mal 29 Pro­duk­te im Test dürf­ten nach den Kri­te­ri­en der Who-ex­per­ten über­haupt an Kin­der ver­mark­tet wer­den. Und das, ob­wohl sich die Her­stel­ler im so­ge­nann­ten „EU Pledge“zu ei­nem ver­ant­wor­tungs­vol­len Mar­ke­ting ver­pflich­tet ha­ben. Die meis­ten Pro­duk­te sei­en kei­ne Le­bens­mit­tel, son­dern schlicht­weg »

Sü­ßig­kei­ten: „Das Mar­ke­ting für ,Kin­der­le­bens­mit­tel‘ muss per Ge­setz ein­ge­dämmt wer­den, sonst wer­den wir die Wel­le der Fehl­er­näh­rung und Fett­lei­big­keit bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen nicht stop­pen“, for­dert Dr. Dietrich Gar­lichs, Ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft.

ZU­CKER-STEU­ER. Bri­ti­sche Ärz­te ha­ben be­reits ei­ne Zu­cker-steu­er vor­ge­schla­gen, gleich­zei­tig sol­len die Prei­se für ge­sun­de Le­bens­mit­tel ge­senkt wer­den. Auch in der Us-stadt San Fran­cis­co formt sich Wi­der­stand ge­gen die In­dus­trie: Hier will man auf Wer­be­an­zei­gen für Soft­drinks vor den Fol­gen ei­nes über­höh­ten Zu­cker­kon­sums war­nen. Für den Be­schluss, die sü­ßen Li­mo­na­den mit ei­ner Zu­satz­steu­er zu be­le­gen, fehl­te im ver­gan­ge­nen Jahr aber die er­for­der­li­che Zwei­drit­tel­mehr­heit. In Ös­ter­reich sind zu­cker­hal­ti­ge Ge­trän­ke mit 20 Pro­zent Um­satz­steu­er be­steu­ert – im Un­ter­schied zu Was­ser, Mi­ne­ral­was­ser oder Milch. Obst und Ge­mü­se ha­ben ei­nen Steu­er­satz von zehn Pro­zent und in der Di­rekt­ver­mark­tung (ge­kauft di­rekt beim Bau­ern) von sie­ben Pro­zent. „Sie sind al­so steu­er­lich bes­ser ge­stellt als Soft­drinks“, heißt es aus dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ge­sund­heit auf An­fra­ge, und wei­ter: „Zu­sätz­lich wird Volks­schü­le­rin­nen und -schü­lern mit dem Schul­frucht­pro­gramm Obst und Ge­mü­se in der Schu­le gra­tis zu­gäng­lich ge­macht.“

Wäh­rend die ei­ne Sei­te ge­gen die Zu­cker­in­dus­trie mo­bil macht, bleibt auch die­se nicht un­tä­tig. Die Wirt­schaft­li­che Ver­ei­ni­gung Zu­cker (WVZ) in Deutsch­land hat sich mit ei­nem Info-brief an die Mit­glie­der des Bun­des­tags­aus­schus­ses für Ge­sund­heit ge­wandt. Dar­in stellt sie zu­nächst rich­ti­ger­wei­se fest, dass Über­ge­wicht ein Ri­si­ko­fak­tor für Dia­be­tes Typ-2 sei. Doch da­für sei nicht ei­ne ein­zel­ne Zu­tat ent­schei­dend: „Zu­cker macht nicht dick“, heißt es. Zu­cker­kon­sum ist so­mit laut WVZ ent­ge­gen al­ler Kri­ti­ker kein Ri­si­ko­fak­tor für Dia­be­tes. Da­bei be­ruft sie sich un­ter an­de­rem auf Er­näh­rungs­emp­feh­lun­gen der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft. Die DDG ver­ur­teil­te das scharf. „Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on ist un­se­ri­ös, weil sie ent­schei­den­de Zu­sam­men­hän­ge be­wusst aus­spart. Die Zu­cker­in­dus­trie ver­sucht den Ge­sund­heits­aus­schuss des Bun­des­tags hin­ters Licht zu füh­ren“, är­gert sich Ddg-prä­si­dent Bap­tist Gall­witz. Es sei zwar nichts ge­gen den maß­vol­len Kon­sum von Zu­cker ein­zu­wen­den, doch der welt­weit viel zu ho­he Zu­cker­kon­sum sei ge­sund­heits­schäd­lich.

Denn nach Who-leit­li­nie soll­te der Zu­cker­ver­brauch nicht mehr als zehn Pro­zent der täg­li­chen Ge­samt­ener­gie­auf­nah­me aus­ma­chen. Noch bes­ser sei es, wenn der täg­li­che Zu­cker­ver­brauch auf fünf Pro­zent re­du­ziert wer­de. Die­se Zah­len über­steigt der Durch­schnitts­bür­ger aber bei Wei­tem.

Auch wenn Zu­cker in ho­hen Ma­ßen un­ge­sund ist und zu Fol­gen wie Fett­lei­big­keit, Ka­ries und Dia­be­tes füh­ren kann, heißt das nicht, dass Kin­der kom­plett auf ihn ver­zich­ten müs­sen. „Wich­ti­ger ist es, den Kin­dern ein Ge­fühl für rich­ti­ge Men­gen zu ge­ben. Sie müs­sen wis­sen, was ge­sund und was un­ge­sund ist“, rät Mül­ler-wie­land.

Trep­pen stei­gen statt mit dem Auf­zug zu fah­ren, zu Fuß ge­hen statt die Kin­der mit dem Au­to her­um­zu­kut­schie­ren sind ers­te Schrit­te. Ein maß­geb­li­cher Fak­tor in der Dia­be­tes-prä­ven­ti­on ist das Ver­hal­ten der El­tern. „Die­se müs­sen für ih­re Kin­der durch ei­nen ins­ge­samt ge­sun­den Le­bens­stil mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen. Das be­deu­tet al­so auch für El­tern ei­ne en­er­gie­är­me­re, bal­last­stoff­rei­che Er­näh­rung, viel Be­we­gung und mög­lichst das Rau­chen vor den Kin­dern zu ver­mei­den“, warnt Mül­ler-wie­land.

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Beim Es­sen muss man Kin­dern das Ge­fühl für

rich­ti­ge Men­gen ge­ben

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