58 NEU­ER LEBENSFAHRPLAN

Kurier_Diabetes - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Me­di­zi­ner Chris­ti­an Schelks­horn über den Um­gang mit Dia­gno­se Dia­be­tes

Me­di­zi­ner und Typ-1-dia­be­ti­ker Chris­ti­an Schelks­horn über den rich­ti­gen Um­gang mit der Dia­gno­se Dia­be­tes. War­um man die Krank­heit als Chan­ce nut­zen kann, sein Le­ben ge­sun­der und le­bens­wer­ter zu ge­stal­ten.

Egal wie und wann man von der Dia­gno­se Dia­be­tes er­fährt, sie kommt un­er­war­tet und wirft vie­le Fra­gen auf. Das kann so­wohl für Pa­ti­ent, als auch für Ärz­te zu ei­ner Her­aus­for­de­rung wer­den. Chris­ti­an Schelks­horn, selbst Dia­be­ti­ker und Lei­ter der I. Me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung im Lan­des­kli­ni­kum Sto­ckerau, über gu­tes Be­treu­ungs­ma­nage­ment. Wie sieht ei­ne Dia­gno­se­fin­dung bei Dia­be­tes im Nor­mal­fall aus? Chris­ti­an Schelks­horn: Meis­tens ist es so, dass der Pa­ti­ent bei ei­ner Rou­ti­nela­bor­kon­trol­le oder auch im Rah­men der Vor­sor­ge­un­ter­su­chung erst­mals mit er­höh­ten Blut­zu­cker­wer­ten kon­fron­tiert wird. Es ist al­so mehr oder we­ni­ger ei­ne Zu­falls­dia­gno­se. Die zwei­te Va­ri­an­te ist, wenn der Pa­ti­ent Sym­pto­me für ei­ne Blut­zu­cke­rent­glei­sung auf­weist, wie ver­mehr­ter Durst und ver­mehr­ter Harn­drang, die ihn zum Arzt füh­ren. Beim Typ-1 tritt noch Ge­wicht­ab­nah­me auf. Dies pas­siert, weil der Kör­per Fett an­stel­le von Zu­cker ver­brennt, wo­bei dies die un­ge­sun­de Form des Ab­neh­mens dar­stellt.

Typ-2-dia­be­ti­ker er­fah­ren oft erst von der Krank­heit, wenn be­reits Fol­ge­schä­den auf­tre­ten.

Ja, beim Typ-2 kann es sein, dass ein Pa­ti­ent zum Bei­spiel im Rah­men ei­ner Herz­er­kran­kung auf die Kar­dio­lo­gie oder in­ter­ne Ab­tei­lung ge­schickt wird und dort erst über­ra­schend er­fährt, dass er Dia­be­tes hat. Oder er kommt we­gen ei­ner schlech­ten Wund­hei­lung auf die chir­ur­gi­sche oder der­ma­to­lo­gi­sche Sta­ti­on.

Wie ver­hal­ten Sie sich als Arzt bei ei­ner Erst­dia­gno­se?

Es ist wich­tig, dass man bei so ei­ner Erst­dia­gno­se nicht dra­ma­ti­siert, aber auch nicht ba­ga­tel­li­siert. Wenn die Wer­te mar­gi­nal er­höht sind, heißt das nicht au­to­ma­tisch, dass der Pa­ti­ent das Voll­bild ei­nes dia­be­ti­schen The­mas hat, viel­mehr soll­te noch ein Zu­cker­be­las­tungs­test ge­macht wer­den. Auch wenn der ein­deu­tig aus­fällt und die Dia­gno­se er­här­tet, gibt es kei­nen Grund zu Ver­zweif­lung. Man er­öff­net ihm ei­nen Fahr­plan, wie er jetzt mit die­sem The­ma um­zu­ge­hen hat. Ich ver­su­che zu ver­mit­teln, dass dies ein lang­sa­mes Hin­ein­wach­sen in ein The­ma ist, mit dem­m­an­gut le­ben kann, aber mit dem man sich lang­fris­tig auch im­mer wie­der aus­ein­an­der set­zen muss.

Wie sieht die­ser Fahr­plan aus?

Es fol­gen La­bor­un­ter­su­chun­gen und ein Ge­spräch über ei­ne be­wuss­te­re Le­bens­füh­rung. Das heißt: mehr Be­we­gung und ge­sün­de­res Es­sen – nicht Di­ät, die­ses Wort mag ich nicht. Mit den La­bor­be­fun­den wird uns Ärz­ten dann kla­rer, ob der Pa­ti­ent auch Un­ter­stüt­zung durch ein Me­di­ka­ment braucht. Haupt­fo­kus liegt aber auf der Er­näh­rung und Be­we­gung.

Sie spre­chen jetzt von ei­nem Fahr­plan für Dia­be­tes Typ-2?

Nicht nur. Aber der Typ-1-dia­be­ti­ker hat das glu­ko­se­zen­trier­te Welt­bild. Beim Typ-2 spie­len ne­ben dem Zu­cker der Blut­druck und das Ge­wicht ei­ne ele­men­ta­re Rol­le.

Sie ha­ben selbst Dia­be­tes Typ-1. Hat das Aus­wir­kun­gen dar­auf, wie Sie Dia­gno­sen mit­tei­len?

Ich glau­be nicht, dass die, die selbst be­trof­fen sind, un­be­dingt ei­nen bes­se­ren Zu­gang ha­ben. Was mir viel­leicht leich­ter fällt, ist die Ak­zep­tanz der The­ra­pie vor­zu­le­ben. Ich kann sa­gen, In­su­lin ist kein Zer­stö­rer des Wohl­be­fin­dens. Oder wenn je­mand we­gen des Blut­zu­cker­mes­sens Angst hat, sich die Fin­ger zu zer­ste­chen. Da kann ich be­ru­hi­gend wir­ken und die­se Ängs­te re­la­ti­vie­ren, in­dem ich von mei­nen jetzt be­reits 37 Jah­ren Er­fah­rung be­rich­te.

Wie sieht das Dia­be­tes­ma­nage­ment im

Kran­ken­haus aus?

Für mich ist wich­tig, dass man ein Team aus Dia­be­tes- und Er­näh­rungs­be­ra­tern, in Ein­zel­fäl­len auch mit psy­cho­lo­gi­scher Un­ter­stüt­zung, bil­det. Ge­ra­de wenn Men­schen ge­ne­tisch mit Dia­be­tes vor­be­las­tet sind, ha­ben sie oft Bil­der ih­rer Fa­mi­li­en­mit­glie­der im Kopf, die mit der heu­te zur Ver­fü­gung ste­hen­den The­ra­pie gar nichts mehr zu tun ha­ben.

Wie funk­tio­niert die Zu­sam­men­ar­beit mit nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten?

Der Pa­ti­ent soll wis­sen, wir ent­wi­ckeln für ihn ein ge­wis­ses Netz­werk, in dem er sei­ne Be­treu­ung fin­det. Das ist mein Wunsch, der na­tür­lich nicht im­mer so­fort um­ge­setzt wird. Aber es funk­tio­niert im­mer bes­ser. Es gibt nicht den über­ge­schei­ten Pri­ma­ri­us, der al­les weiß, und der Haus­arzt sitzt nur am letz­ten Pult. Nein, das ist nicht so. Al­le ha­ben ei­ne wich­ti­ge Funk­ti­on in die­sem Team der gu­ten Dia­be­ti­ker­be­treu­ung. Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ko­ope­ra­ti­on ist der Schlüs­sel­punkt zu ei­ner gu­ten Be­treu­ung.

Gibt es da­für ge­nü­gend Res­sour­cen?

Es gibt Pro­gram­me, aber lei­der schei­tern sie oft am Geld. Es ist zeit­auf­wen­dig – und wer ho­no­riert die Zeit? Da ist in Ös­ter­reich noch viel zu tun, denn mo­men­tan liegt es in ers­ter Li­nie am ei­ge­nen En­ga­ge­ment der Kol­le­gen, ob die Be­glei­tung des Pa­ti­en­ten er­folg­reich ist oder nicht. Es braucht die Be­reit­schaft zur Qua­li­täts­stei­ge­rung von al­len Sei­ten.

Wie kann ei­ne Zu­sam­men­ar­beit der­zeit aus­se­hen?

In der Pra­xis könn­te die Am­bu­lanz ak­tiv auf die nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gen zu­ge­hen. Man bie­tet ein Back-up aus Wund­ma­nage­ment, Schu­lun­gen, Er­näh­rungs­be­ra­tung und schaut, dass der Hba1c-wert sich ver­bes­sert. Die me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lung muss auf ei­ne in­no­va­ti­ve, op­ti­ma­le Ba­sis ge­stellt wird. Aber be­treut und be­glei­tet wird der Pa­ti­ent in ers­ter Li­nie vom nie­der­ge­las­se­nen Arzt. Das wä­re das Mo­dell, das ich mir vor­stel­le. Der Pa­ti­ent ist ja sehr glück­lich, wenn er im nie­der­ge­las­se­nen Be­reich auch wei­ter­hin sei­nen An­sprech­part­ner hat. -

Chris­ti­an Schelks­horn lei­tet die I. me­di­zi­ni­sche Ab­tei­lung am Lan­des­kli­ni­kum Sto­ckerau

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