31 EI­NE WOHL­STAND SKRANK HEIT

Kurier_Diabetes - - INHALT - CHRIS­TO­PHER FER­NER

Bap­tist Gall­witz, Prä­si­dent der DDG, über Dia­be­tes

„Wir müs­sen uns ei­ne Le­bens­welt schaf­fen, bei der die ge­sun­de Wahl ein­fach die bes­te Wahl ist“, sagt Bap­tist Gall­witz, Prä­si­dent der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft.

Sie ha­ben 1984 pro­mo­viert und be­schäf­ti­gen sich seit­her mit Dia­be­to­lo­gie. Wie­so ge­ra­de da­mit? Bap­tist Gall­witz: Weil ich das ein fas­zi­nie­ren­des Fach fin­de, wo man mit jun­gen und al­ten Men­schen zu tun hat, wo der Pa­ti­ent sei­ne The­ra­pie zum ganz gro­ßen Teil auch sel­ber steu­ern kann.

Was be­deu­tet ei­ne gu­te Ein­stel­lung ei­nes Pa­ti­en­ten?

Ein gut ein­ge­stell­ter Pa­ti­ent ist je­mand, der sein The­ra­pie­ziel er­reicht. Man ist da­von ab­ge­kom­men, dass ein be­stimm­ter Blut­zu­cker­kor­ri­dor für je­den passt. Man sagt heu­te, dass je­der Pa­ti­ent ein in­di­vi­du­el­les The­ra­pie­ziel hat. Das be­rück­sich­tigt das Al­ter, was der Pa­ti­ent auf­grund sei­ner Fä­hig­kei­ten sel­ber ma­chen kann und Be­gleit- und Fol­ge­er­kran­kun­gen.

Be­son­ders Typ-2-dia­be­tes wird ver­mehrt zum Pro­blem. Die ei­nen sa­gen, ver­steck­ter Zu­cker sei schuld, die an­de­ren se­hen in tie­ri­schen Pro­duk­ten oder im Fett das Übel. Was ist wirk­lich das Pro­blem?

Es gibt si­cher nicht nur ei­ne Ge­fahr, son­dern ver­schie­de­ne. Die Sum­me von al­lem er­höht das Ri­si­ko deut­lich. Ich den­ke, es ist wich­tig, früh und un­ter­schwel­lig gu­te An­ge­bo­te zu ma­chen. Die deut­sche „Al­li­anz für nicht über­trag­ba­re Er­kran­kun­gen“hat vier gu­te Prä­ven­ti­ons­for­de­run­gen auf­ge­stellt: schon im Kin­der­gar­ten und in der Schu­le täg­lich ei­ne St­un­de Be­we­gung und Qua­li­täts­stan­dards für die Ver­pfle­gung. Ei­ne Um­ver­tei­lung der Be­steue­rung von Le­bens­mit­teln in Rich­tung mehr Be­steue­rung von Zu­cker und Fett. Und ein Ver­bot von Le­bens­mit­tel­wer­bung an Kin­der.

Wä­re ei­ne Be­steue­rung von Zu­cker denk­bar?

Man weiß, dass sol­che Maß­nah­men schon er­folg­reich wa­ren. Bei Ta­bak­steu­er und Ta­bak­kon­sum gibt es ei­ne ganz kla­re Kor­re­la­ti­on. Auch bei den Al­ko­pops, die bei den Ju­gend­li­chen sehr be­liebt wa­ren, war es ei­ne gu­te Maß­nah­me, sie hoch zu be­steu­ern und un­at­trak­tiv zu ma­chen.

Wir ha­ben uns ei­nen Le­bens­stil an­ge­eig­net, der an­fäl­lig ist für Dia­be­tes. Wel­ches Um­den­ken muss es ge­ben, um dar­aus aus­zu­bre­chen?

Wir müs­sen uns ei­ne Le­bens­welt schaf­fen, bei der die ge­sun­de Wahl ein­fach die bes­te Wahl ist.

Wo­hin ent­wi­ckelt sich der the­ra­peu­ti­sche An­satz bei Typ-1- und Typ-2-dia­be­tes mo­men­tan?

Wir ha­ben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vie­le neue The­ra­pie­prin­zi­pi­en ge­se­hen, die auf den Markt ge­kom­men sind. Das ist gut, weil es ei­ne in­di­vi­du­el­le­re The­ra­pie­ent­schei­dung, be­son­ders bei Typ-2-dia­be­tes, mög­lich macht. Bei neu­en Me­di­ka­men­ten ach­tet man jetzt dar­auf, dass sie kein ei­ge­nes Un­ter­zu­cke­rungs­ri­si­ko mit sich brin­gen. Bei Typ-1-dia­be­tes gibt es neue Ent­wick­lun­gen bei In­su­li­nen be­züg­lich ih­rer Wirk­dau­er. Es wird ul­tra­kurz wirk­sa­me In­su­li­ne ge­ben, die be­son­ders gut ge­eig­net sind für In­su­lin­pum­pen und für die gleich­zei­ti­ge Be­nut­zung mit kon­ti­nu­ier­li­chen Glu­ko­se­mess­sys­te­men, die ge­ra­de in Ent­wick­lung sind.

Es wird in na­her Zu­kunft aber kei­nen Er­satz ge­ben?

Man wird Dia­be­tes nicht hei­len kön­nen, aber man wird ihn bes­ser be­han­deln kön­nen. So, dass auch das all­täg­li­che Le­ben mit Dia­be­tes ein­fa­cher wird.

Was fehlt, um Dia­be­tes hei­len zu kön­nen?

Es feh­len uns sehr vie­le An­sät­ze. Für den Typ-1-dia­be­tes ha­ben wir im Mo­ment ein zu­neh­mend gu­tes Ver­ständ­nis dar­über, wie er ent­steht – das ist ja ei­ne Au­to­im­mun­er­kran­kung. Beim Typ-2 ist das al­ler­bes­te Prä­ven­ti­on, um­ihn da­durch gar nicht erst ent­ste­hen zu las­sen.

Sie be­trei­ben in Tü­bin­gen Gen­for­schung. Wel­che Fort­schrit­te gibt es hier?

Man weiß, dass beim Typ-2-dia­be­tes ne­ben den Um­welt­be­din­gun­gen die Ver­er­bung ei­ne gro­ße Rol­le spielt. Die­se ge­ne­ti­schen Ve­rän­de­run­gen be­tref­fen ent­we­der die In­su­lin­wir­kung im Kör­per oder das Schick­sal der in­su­lin­pro­du­zie­ren­den Zel­len oder auch das Ap­pe­tit­ver­hal­ten. Wir wis­sen, dass das ein­zel­ne Gen re­la­tiv we­nig Ein­fluss hat, aber die 40 bis 60 Ge­ne, die wir mitt­ler­wei­le iden­ti­fi­ziert ha­ben, kön­nen zu­sam­men ei­ni­ges aus­ma­chen. Ganz ver­stan­den ha­ben wir es noch nicht. Über­ge­wicht ist ein gro­ßes Ri­si­ko für Dia­be­tes. Auf der an­de­ren Sei­te wis­sen wir, dass nicht al­le über­ge­wich­ti­gen Men­schen Dia­be­tes be­kom­men. Es ist ein Ziel zu cha­rak­te­ri­sie­ren, was das Spiel zwi­schen Ge­nen, Um­welt und in­di­vi­du­el­lem Ver­hal­ten ist und wie es sich mög­lichst güns­tig be­ein­flus­sen lässt. «

nach­zu­ah­men. Der Kör­per braucht ei­nen ge­wis­sen Ta­ges­be­darf an In­su­lin, un­ab­hän­gig von der Nah­rungs­auf­nah­me. Durch das täg­li­che In­ji­zie­ren des lang wir­ken­den In­su­lins, wird die­ser zur Ver­fü­gung ge­stellt. Beim Es­sen kommt das schnell wir­ken­de In­su­lin zum Ein­satz. Wie viel in­ji­ziert wer­den muss, kommt dar­auf an, wie vie­le Bro­tein­hei­ten (12 g Koh­len­hy­dra­te = ei­ne Bro­tein­heit) der Be­trof­fe­ne zu sich nimmt. Da­mit wer­den über­mä­ßig ho­he Blut­zu­cker­an­stie­ge nach dem Es­sen ver­mie­den.

Die­se Form der The­ra­pie ver­langt ei­ne re­gel­mä­ßi­ge Blut­zu­cker­mes­sung. Durch ei­nen Stich in den Fin­ger und mit­hil­fe ei­nes klei­nen Blut­zu­cker­mess­ge­räts und ent­spre­chen­den Sen­sor­strei­fen kann der Zu­cker­ge­halt im Blut ge­mes­sen wer­den. Dia­be­ti­ker ste­chen sich knapp 1460 Mal im Jahr, bis­her hat sich das durch kei­ne Al­ter­na­ti­ven er­set­zen las­sen. Seit Kur­zem drän­gen kon­ti­nu­ier­li­che Glu­ko­se­mess­sys­te­me auf den Markt. Da­bei wird ein Sen­sor durch die Haut des Ober­arms oder Bauchs ge­sto­chen, der dort bis zu ei­ner Wo­che blei­ben kann. Er misst den Zu­cker­ge­halt in der Ge­we­be­flüs­sig­keit des Un­ter­haut­fett­ge­we­bes. Das pas­siert al­le fünf Mi­nu­ten, Echt­zeit­mes­sung er­mög­li­chen die Ge­rä­te da­her noch nicht. Das Sys­tem lässt sich je­doch schon mit dem Smart­pho­ne oder so­gar der In­su­lin­pum­pe zur Da­ten­über­tra­gung ver­bin­den.

Seit 1981 gibt es auch In­su­lin­pum­pen, über die der Pa­ti­ent mit In­su­lin ver­sorgt wird. Die Pum­pe wird meist am Gür­tel be­fes­tigt und ist mit ei­nem klei­nen Ka­the­ter am Bauch mit dem Kör­per ver­bun­den. So ent­fällt das teil­wei­se schmerz­haf­te Sprit­zen mit dem Pen. Der Grund­be­darf an In­su­lin wird bei der Pum­pe in klei­nen Men­gen rund um die Uhr ab­ge­ge­ben. Vor den Mahl­zei­ten wird die ge­wünsch­te Men­ge an schnell wir­ken-

– Pum­pe dem In­su­lin per Knopf­druck frei­ge­ge­ben.

– Typ-2-dia­be­tes Der Typ-2-dia­be­tes hin­ge­gen lässt sich oft­mals mit Me­di­ka­men­ten, ei­ner Er­näh­rungs­um­stel­lung und Sport in den Griff krie­gen. Da bei vie­len Be­trof­fe­nen Über­ge­wicht und ein Be­we­gungs­man­gel die Aus­lö­ser der Krank­heit sind, muss bei den Me­di­ka­men­ten dar­auf ge­ach­tet wer­den, dass die­se eben je­ne Fak­to­ren nicht noch ver­schlim­mern. Ei­nes der bis heu­te am häu­figs­ten ver­wen­de­ten An­ti­dia­be­ti­ka ist der Wirk­stoff Met­for­min. Er senkt den Blut­zu­cker­wert und kann sich dar­über hin­aus po­si­tiv auf das Ge­wicht des Pa­ti­en­ten aus­wir­ken. Ist der Blut­zu­cker des Be­trof­fe­nen schlecht ein­ge­stellt, kann auch hier die Be­hand­lung mit In­su­lin in Fra­ge kom­men. Re­gel­mä­ßi­ges Blut­zu­cker­mes­sen bleibt auch den Typ-2-dia­be­ti­kern nicht er­spart.

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Bap­tist Gall­witz, Prä­si­dent der Deut­schen

Dia­be­tes Ge­sell­schaft

Jo­sef Nie­bau­er, Prä­si­dent der Ös­ter­rei­chi­schen Ge­sell­schaft für Sport­me­di­zin und Prä­ven­ti­on

Re­gel­mä­ßi­ge Be­we­gung stei­gert das per­sön­li­che Wohl­be­fin­den von Dia­be­ti­kern „Sport stei­gert den Ka­lo­ri­en­ver­brauch. Das be­kämpft Über­ge­wicht wirk­sam“

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