64 LE­BEN MIT DIA­BE­TES

Kurier_Diabetes - - INHALT - WER­NER STURMBERGER

Friedri­ke Ei­zen­ber­ger sagt, wie man den Le­bens­stil er­folg­reich än­dert

Der ers­te Schritt in ein Le­ben mit Dia­be­tes ist ei­ne grund­le­gen­de Än­de­rung des Le­bens­stils. Das ist ei­ne Grund­satz­ent­schei­dung und kei­ne Fra­ge von Tipps und Tricks. War­um, sagt Psy­cho­lo­gin Frie­de­ri­ke Ei­zen­ber­ger.

Der ers­te Schritt: mehr Be­we­gung, ge­sün­de­res Es­sen und Freu­de an den klei­nen Din­gen des Le­bens

Die meis­ten Men­schen wis­sen, wie man ein ge­sun­des Le­ben führt. esprak­ti­sch­um­zu­set­zen, fällt den­sel­ben Men­schen aber häu­fig schwer. Mit ein paar Tipps und Tricks ist es nicht ge­tan, um lang­fris­ti­ge und sta­bi­le Le­bens­stil­ver­än­de­run­gen auf den Weg zu brin­gen. Ein Ge­spräch mit Frie­de­ri­ke Ei­zen­ber­ger, Fach­psy­cho­lo­gin Dia­be­tes so­wie Kli­ni­sche und Ge­sund­heits­psy­cho­lo­gin. Die Dia­gno­se Dia­be­tes ist ja für vie­le Men­schen ein Schock. Wie kann man da­mit um­ge­hen? Frie­de­ri­ke Ei­zen­ber­ger: Das ist ganz schlimm bei jun­gen Men­schen, wie es bei Dia­be­tes Typ-1 der Fall ist. Die ste­hen häu­fig am An­fang ih­res Be­rufs­le­bens und wol­len die Dia­gno­se dann gar nicht wahr ha­ben. „Wer will mich denn noch mit Dia­be­tes? Nie­mand.“Da bricht ei­ne Welt zu- sam­men. In sol­chen Fäl­len muss man der Person erst ein­mal Halt ge­ben. Dann geht es dar­um, den Pro­zess auf dem Weg zur Ak­zep­tanz zu un­ter­stüt­zen. Die Be­trof­fe­nen ge­win­nen wie­der ei­ne ge­wis­se Freund­lich­keit sich selbst und ih­rem Le­ben ge­gen­über.

Kann man das viel­leicht so­gar pro­duk­tiv ver­ar­bei­ten und nüt­zen, um auch an­de­re Än­de­run­gen im Le­ben an­zu­sto­ßen?

„Die Kri­se als Chan­ce be­grei­fen.“Das sagt man im­mer so flap­sig, aber das ist na­tür­lich ein ganz in­ten­si­ver Pro­zess. Ich hat­te schon Kli­en­ten, die durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Er­kran­kung ge­lernt ha­ben, in an­de­ren Kon­tex­ten wie zum Bei­spiel Be­zie­hungs­kon­flik­ten ih­ren Raum ein­zu­for­dern und für sich und ih­re Be­dürf­nis­se ein­zu­ste­hen.

Wie er­le­ben das Men­schen, die mit Dia­be­tes Typ-2 dia­gnos­ti­ziert wer­den und sich häu­fig im mitt­le­ren Le­bens­al­ter be­fin­den?

Die psy­cho­lo­gi­schen Hin­ter­grün­de sind bei Typ-1- und Typ-2Dia­be­tes kom­plett un­ter­schied­lich. Men­schen, die an Typ-1 er­kran­ken, sind sehr mo­ti­viert, wie­der best­mög­lich zu­rück in ihr Le­ben zu fin­den. Bei Typ-2 ist es häu­fig so, dass die Er­kran­kung un­be­merkt vor­an­schrei­tet, bis Fol­ge­er­kran­kun­gen oder ers­te kör­per­li­che Ge­bre­chen auf­tre­ten. Die Sor­ge um den Ar­beits­platz – wenn ich Dia­be­tes ha­be, bin ich nicht mehr so kon­kur­renz­fä­hig – ist oft grö­ßer als je­ne um die ei­ge­ne Ge­sund­heit.

Es fehlt häu­fig an Krank­heits­be­wusst­sein und Be­hand­lungs­mo­ti­va­ti­on. Ver­ant­wor­tung für den Ver­lauf der Er­kran­kung trägt dann der Arzt oder das Dia­be­tes-team. Die-

sen Men­schen fällt es schwer, die Mo­ti­va­ti­on zu fin­den, die es braucht, um die Er­kran­kung er­folg­reich zu be­han­deln. Kon­kret be­deu­tet das, lieb ge­won­ne­ne Ge­wohn­hei­ten – Es­sen, Rau­chen, Trin­ken, Be­we­gungs­man­gel – zu über­den­ken und zu ver­än­dern. Man­che Be­trof­fe­ne be­grei­fen ih­ren Dia­be­tes als Fa­mi­li­en­schick­sal: „Das ist ge­ne­tisch be­dingt, da­ge­gen kann ich nichts ma­chen.“

Da­bei wä­re es wich­tig, das Schick­sal an­de­rer Men­schen aus dem Freun­des­kreis oder Fa­mi­lie vom ei­ge­nen zu tren­nen.

Wel­che Rol­len spie­len die Dia­be­ti­kerSchu­lun­gen da­bei?

Wenn die Be­trof­fe­nen ei­ne Dia­be­tes-schu­lung er­hal­ten, sind sie erst ein­mal be­ru­higt, weil ih­nen sehr viel Wis­sen ver­mit­telt wird. Das ver­rin­gert die Angst enorm. In den Dia­be­ti­ker-kur­sen ist der mo­ti­va­tio­na­le und psy­cho­lo­gi­sche Aspekt aber lei­der voll­kom­men un­ter­be­leuch­tet. Gut ge­mein­te Vor­sät­ze ver­schwin­den hin­ter den Ge­wohn­hei­ten der Pa­ti­en­ten. Ei­ne schlech­te Stoff­wech­sel­la­ge steht aber häu­fig in Wech­sel­wir­kung mit see­li­schen Fak­to­ren. Es braucht ei­ne ent­spre­chen­de psy­cho­lo­gi­sche Be­glei­tung, um den Pa­ti­en­ten die Mög­lich­keit zu er­öff­nen, sich selbst als die pri­mä­re Res­sour­ce für die Dia­be­tes-the­ra­pie zu be­grei­fen.

Kön­nen die­se Ängs­te nicht ein An­stoß sein, um doch ein ge­sün­de­res Le­ben zu füh­ren?

Angst ist ein schlech­ter Rat­ge­ber. Das kann kurz­fris­tig po­si­tiv sein, ist aber ei­ne Form von Mo­ti­va­ti­on, die mir nicht ge­fällt. Lang­fris­tig bringt das Null, weil die Men­schen nicht ins Han­deln kom­men. Die Zeit­ver­zö­ge­rung zwi­schen Wis­sens­ver­mitt­lung und Hand­lung ist groß, das er­höht das Ri­si­ko für ei­ne Krank­heits­ent­wick­lung. Spä­tes­tens seit Freud wis­sen wir ja: Ängs­te wer­den ab­ge­spal­ten und ver­drängt. Da kann man noch so häss­li­che Bil­der auf Zi­ga­ret­ten­pa­ckun­gen ge­ben. Wenn das wirk­lich ei­nen Ef­fekt hät­te, dann dürf­ten die Men­schen gar nicht mehr rau­chen. Man muss den Men­schen sa­gen, wenn du das wirk­lich willst, dann kannst du das er­rei­chen. Das muss aber frei­wil­lig pas­sie­ren. Im Ide­al­fall mo­ti­viert die Dia­gno­se da­zu, über sich selbst nach­zu­den­ken. Das ist aber nur der ers­te Schritt.

Wo­her nimmt man dann die Dis­zi­plin, um ein ge­sün­de­res Le­ben zu füh­ren?

Ich ver­zich­te in mei­nen An­sät­zen völ­lig auf das Kon­zept der Dis­zi­plin. Es braucht auch nicht die nächs­te Be­ra­tung mit Tipps und Tricks. Das kann kurz­fris­tig hilf­reich sein. Aber lang­fris­tig – und für so ei­ne Ve­rän­de­rung braucht es nach­hal­ti­ge Mo­ti­va­ti­on – reicht das nicht.

Wo­her kommt dann die­se Mo­ti­va­ti­on?

Die kann nur von ei­nem sel­ber, von in­nen her­aus kom­men. Das kann ich nicht für je­mand an­de­ren er­ar­bei­ten, nur in­iti­ie­ren. Es geht um den in­ne­ren Pro­zess und die ur­ei­gens­ten Be­dürf­nis­se und Wün­sche. Der Arzt kann mir noch so oft sa­gen, ich soll zu rau­chen auf hö­ren. Wenn das nicht von mir kommt, wird es nicht funk­tio­nie­ren.

Aber wie macht man das?

Ich bie­te ei­nen Work­shop „Mein ICHGe­wicht“an. Die meis­ten mei­ner Teil­neh­mer ken­nen mehr Diä­ten als ich. Rau­cher wis­sen, dass Rau­chen un­ge­sund ist. Es schei­tert al­so nicht an der Ko­gni­ti­on oder dem Wis­sen über die Ma­te­rie. Es geht dar­um, her­aus­zu­fin­den, was man emp­fin­det, wenn man hört „Du musst ab­neh­men“. Es braucht ein In-sich-hin­ein­hor­chen, um mög­li­che Dis­kre­pan­zen zwi­schen Ver­stand und Bauch­ge­fühl auf­spü­ren zu kön­nen. Für die­sen Pro­zess, die­ses Hin­ter­fra­gen des ei­ge­nen Tuns und Han­delns, muss man sich aber Zeit­in­seln gön­nen. Ge­lingt das, er­le­ben Men­schen ih­ren Er­folg und sind stolz auf sich.

Wie ver­mei­det man Rück­fäl­le in un­lieb­sa­me Ver­hal­tens­mus­ter?

Man muss den Rück- als Vor­fall be­grei­fen. Sich fra­gen, wann trin­ke oder rau­che ich denn? Wann es­se ich, ob­wohl ich gar nicht hung­rig bin? Im Work­shop las­se ich mei­ne Kli­en­ten ei­ne Le­bens­ge­wichts­kur­ve zeich­nen. Wann war ich wie schwer und wann ist was pas­siert? Häu­fig hö­ren die Men­schen zum Bei­spiel zum Rau­chen auf und neh­men dann da­für zu – sie er­set­zen ein­fach nur ein Übel durch ein an­de­res. Um so et­was zu ver­mei­den, muss man kei­ne The­ra­pie ma­chen. Die meis­ten Men­schen wol­len sich än­dern und brau­chen ein­fach nur ein we­nig Un­ter­stüt­zung da­bei.

Was kann das Um­feld da­zu bei­tra­gen?

Das idea­le Um­feld be­ginnt bei mir selbst. Es geht vor al­lem dar­um, die Ent­schei­dungs­fä­hig­keit zu er­lan­gen, um über­haupt sa­gen zu kön­nen, wer hilft mir und un­ter­stützt mich und wel­ches Ver­hal­ten mei­nes Um­felds scha­det mir. Wenn man ab­neh­men oder we­ni­ger trin­ken will, dann sind Auf­for­de­run­gen wie „Trink noch ei­nes“oder „Magst du nicht noch ein Stü­ckerl Tor­te“kon­tra­pro­duk­tiv. -

Wich­tig ist, dass man zu sei­nem neu­en Ich steht und das in­ne­re Gleich­ge­wicht wie­der­fin­det

Frie­de­ri­ke Ei­zen­ber­ger, Psy­cho­lo­gin

„Angst ist ein schlech­ter Rat­ge­ber. Das kann kurz­fris­tig po­si­tiv sein, ist aber ei­ne Form von Mo­ti­va­ti­on, die mir nicht ge­fällt.“

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