104 VOR­SICHT, ZU­CKER FAL­LEN!

Kurier_Diabetes - - INHALT - WER­NER STURMBERGER

In wel­chen Le­bens­mit­teln wie viel Zu­cker steckt

Zu­cker lau­ert nicht nur in Mehl­spei­sen und Eis. War­um Frucht­säf­te und Ener­gydrinks

Ka­lo­ri­en­bom­ben sind – und was Sie es­sen soll­ten.

Ne­ben Be­we­gung ist Er­näh­rung ein wich­ti­ger Fak­tor für Wohl­be­fin­den und Ge­sund­heit. Da das Ver­bren­nen von Ka­lo­ri­en be­kannt­lich schwe­rer fällt als ih­re Zu­fuhr, soll­ten nicht nur Dia­be­te­s­Pa­ti­en­ten dar­über nach­den­ken, was auf ih­rem Tel­ler lan­det. Gut und ge­sund ist da­bei kein Wi­der­spruch, son­dern geht Hand in Hand, er­klärt Er­näh­rungs­wis­sen­schaf­te­rin The­res Rath­man­ner. Sie be­zeich­nen sich als „Er­näh­rungs­ge­wis­sen­schaf­te­rin“. Was hat es da­mit auf sich? The­res Rath­man­ner: Ich ha­be mich sehr in­ten­siv mit den ge­sund­heit­li­chen Aspek­ten von Er­näh­rung be­schäf­tigt und bin zu dem Schluss ge­kom­men, dass das al­lein nicht aus­reicht. Es­sen ist zu schön und zu ge­nuss­voll, als dass man es bloß un­ter die­sem Ge­sichts­punkt be­trach­ten soll­te. Mich in­ter­es­siert auch die Di­men­si­on der Nach­hal­tig­keit: Wo kommt das Es­sen her? Un­ter wel­chen Be­din­gun­gen wird es pro­du­ziert? Was muss oder darf ein Le­bens­mit­tel kos­ten? Wenn man sich mit der Qua­li­tät und Her­stel­lung von Le­bens­mit­teln be­schäf­tigt, dann fin­det auch ei­ne Be­wusst­seins­bil­dung statt und die führt wie­der­um zu ei­ner ge­sün­de­ren Er­näh­rung.

Gibt es über­haupt ei­nen Un­ter­schied zwi­schen nor­ma­ler, aus­ge­wo­ge­ner Er­näh­rung und ei­ner Dia­be­ti­ker-di­ät?

De fac­to gar kei­nen. Die Er­näh­rungs­emp­feh­lun­gen für ge­sun­de Men­schen un­ter­schei­den sich nicht von de­nen für Dia­be­ti­ker – vor­be­halt­lich des­sen, dass es eben in­di­vi­du­el­le Un­ter­schie­de gibt und sich Dia­be­ti­ker im­mer mit ih­rem Arzt ko­or­di­nie­ren soll­ten.

Müs­sen Dia­be­ti­ker nicht be­son­ders vor­sich­tig bei Zu­cker sein?

Es ist nicht so, dass Dia­be­ti­ker gar kei­nen Zu­cker es­sen dür­fen. Zu­cker ist in Ma­ßen er­laubt, es gilt aber wie­der­um, dass es in­di­vi­du­el­le Ab­wei­chun­gen gibt. Sehr stark zu­cker­rei­che Le­bens­mit­tel soll­ten von Dia­be­ti­kern nur in klei­nen Men­gen oder gar nicht ge­ges­sen oder viel­mehr ge­trun­ken wer­den.

Sind Ge­trän­ke we­sent­li­che Zu­cker­quel­len?

Li­mo­na­den, Frucht­nek­tare und auch Säf­te, die zu 100 Pro- zent aus Frucht be­ste­hen, ent­hal­ten viel Zu­cker. Fruk­to­se lässt den Blut­zu­cker zwar we­ni­ger rasch und we­ni­ger stark an­stei­gen, Frucht­säf­te ent­hal­ten aber auch Sac­cha­ro­se und Glu­ko­se. Für je­man­den, der be­reits Pro­ble­me mit dem Blut­zu­cker hat, sind sie da­her we­ni­ger gut ge­eig­net. Sü­ße Ge­trän­ke ha­ben auch je­de Men­ge Ka­lo­ri­en. Man führt dann Ka­lo­ri­en zu, die ei­nem dann für das Es­sen feh­len und nimmt zu vie­le Ka­lo­ri­en auf. Dia­be­ti­ker ha­ben oh­ne­hin oft mit Über­ge­wicht zu kämp­fen, häu­fig ist das Über­ge­wicht ja auch die Ur­sa­che für Dia­be­tes.

Wie kön­nen sich Dia­be­ti­ker ge­nuss­voll er­näh­ren?

Da­von aus­ge­hend, dass ge­sun­de Er­näh­rung für Dia­be­ti­ker und ge­sun­de Men­schen den glei­chen Emp­feh­lun­gen folgt, muss man ein­fach mit dem Vor­ur­teil auf­räu­men, dass ge­sund das Ge­gen­teil von gut oder wohl­schme­ckend ist – das ist der ers­te Punkt. Qua­li­täts­be­wusst­sein der zwei­te: Wenn man sich mit der Qua­li­tät und der Her­kunft von Le­bens­mit­teln be­schäf­tigt, dann wird auch die Er­näh­rung au­to­ma­tisch ge­sün­der, weil man dann ge­wis­se Sa­chen nicht mehr es­sen will. Dass das dann hin und wie­der mehr kos­tet, liegt in der Na­tur der Sa­che, aber wenn Ge­sund­heit ei­nes der höchs­ten Gü­ter im Le­ben ist, dann darf man auch dar­in in­ves­tie­ren. Da­mit ich mit den Le­bens­mit­teln auch et­was an­fan­gen kann, brau­che ich Zu­be­rei­tungs­kennt­nis­se – das ist der drit­te Punkt.

Wel­che Kennt­nis­se sind be­son­ders wich­tig?

Wenn ich Dia­be­ti­ker bin und weiß, dass ich ver­mehrt Ge­mü­se es­sen soll­te, aber nie et­was an­de­res ge­lernt ha­be, als es so lan­ge zu ko­chen, bis es nach nichts mehr schmeckt, dann lei­de ich na­tür­lich dar­un­ter und kann es nicht als ge­nuss­voll emp­fin­den. Wenn ich aber weiß, wie ich tol­le Ge­mü­se­ge­rich­te zu­be­rei­ten kann, dann öff­nen sich mir die To­re zum Ge­nuss.

Was wä­re ein Bei­spiel?

Ein klas­si­sches Bei­spiel ist die Pa­ra­dei­ser-sau­ce. Das kann so grau­en­haft schme­cken. Wenn man sich aber mal ein ita­lie­ni­sches Koch­buch schnappt, gu­tes Oli­ven­öl ver­wen-

det, das auch noch rich­tig mit et­was Zu­cker und ei­nem Sprit­zer Es­sig ab­schmeckt, dann kann das wirk­lich köst­lich wer­den, ist aber trotz al­lem noch schnell ge­macht und al­les an­de­re als fad und lang­wei­lig.

Wie schafft man es, Ge­nuss trotz ra­di­ka­ler Er­näh­rungs­um­stel­lung und dem Ver­ab­schie­den von lieb­ge­won­ne­nen Ge­wohn­hei­ten zu emp­fin­den?

Aus­ge­wo­gen ist für mich ei­ne Er­näh­rungs­wei­se, die auch Freu­de und Ge­nuss be­rei­tet. Ei­ne ra­di­ka­le Er­näh­rungs­um­stel­lung ist mei­nes Erach­tens mit Ge­nuss un­ver­ein­bar. Neue Ge­wohn­hei­ten kön­nen nur schritt­wei­se auf­ge­nom­men wer­den. Und rein hirn­ge­steu­ert funk­tio­niert so­wie­so nichts: 80 Pro­zent un­se­rer Er­näh­rungs­ent­schei­dun­gen tref­fen wir emo­tio­nal.

Was hal­ten Sie von dem neu­en Trend „Su­per­food“?

Ich bin da sehr zu­rück­hal­tend. Das ist ein Hy­pe, den ich nicht ganz nach­voll­zie­hen kann. Da wer­den ein­zel­ne Nah­rungs­mit­tel aus der Er­näh­rung her­aus­ge­pickt und als Wun­der­mit­tel an­ge­prie­sen. So funk­tio­niert Er­näh­rung aber nicht. We­der er­nährt man sich von ei­nem Su­per­food al­lein, noch ist es mög­lich ei­nem Su­per­food spe­zi­fi­sche Heil­wir­kun­gen zu­zu­schrei­ben. So et­was lie­ße sich theo­re­tisch er­for­schen, die­se Stu­di­en sind aber de fac­to un­be­zahl­bar.

Es gibt auch Ex­per­ten, die auf ve­ga­ne Er­näh­rung für die Dia­be­testhe­ra­pie schwö­ren…

Ich kann ei­ner rein pflanz­li­chen Er­näh­rung dann et­was ab­ge­win­nen, wenn sie nicht dog­ma­tisch oder gar ei­ne Er­satz­re­li­gi­on ist, son­dern ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung für ge­leb­te Nach­hal­tig­keit. Ei­ne Er­näh­rung mit über­wie­gen­dem An­teil oder aus­schließ­li­che pflanz­li­chen Le­bens­mit­teln ist in der Re­gel res­sour­cen­scho­nen­der. Ob sie auch ge­sün­der ist, ist nicht hin­rei­chend ge­klärt. Es gibt Hin­wei­se, dass Ve­ge­ta­ri­er ge­sün­der sind als Misch­köst­ler. Das könn­te aber auch an ih­rem ge­ne­rell ge­sün­de­ren Le­bens­stil lie­gen. Der wis­sen­schaft­li­che Be­weis, dass ei­ne pflanz­li­che Er­näh­rung den Men­schen ge­sün­der hält, ist noch nicht er­bracht.

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Auch bei Obst gilt: Zu viel ist nicht gut, denn vie­le Früch­te

sind wah­re Zu­cker­bom­ben

The­res Rath­man­ner, Er­näh­rungs- und Ge­sund­heits­wis­sen­schaft­le­rin

„Wenn man sich mit Qua­li­tät und Her­kunft von Le­bens­mit­teln be­schäf­tigt, wird die Er­näh­rung ge­sün­der, weil man Vie­les gar nicht mehr es­sen will.“

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