60 SO KANN MAN DIA­BE­TES AK­ZEP­TIE­REN

Kurier_Diabetes - - INHALT - WER­NER STURMBERGER

Psy­cho­lo­gin Birgit Harb gibt Dia­be­ti­kern Tipps

Die Dia­gno­se Dia­be­tes trifft Pa­ti­en­ten meist un­vor­be­rei­tet und hart. Es gibt aber We­ge, sich rasch je­ne Kom­pe­ten­zen an­zu­eig­nen, die ein weit­ge­hend nor­ma­les Le­ben er­mög­li­chen.

0,1% der 0- bis 14-Jäh­ri­gen in Ös­ter­reich sind Dia­be­ti­ker

Ös­ter­reicös­ter­reich gibt es 95 Dia­be­tes-am­bu­lan­zen 9%

der Ös­ter­rei­cher sind Dia­be­ti­ker

Pro Jahr kos­tet die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung von Dia­be­ti­kern in Ös­ter­reich 1,7 Mrd. Eu­ro

Die Dia­gno­se Dia­be­tes ist für vie­le Be­trof­fe­ne und de­ren An­ge­hö­ri­gen mit Unsicherheit und Ängs­ten ver­bun­den. Es gibt aber Mit­tel und We­ge je­ne Kom­pe­ten­zen zu ent­wi­ckeln, die ein weit­ge­hend nor­ma­les Le­ben mit der Er­kran­kung er­mög­li­chen.

„Für vie­le Men­schen ist die Dia­gno­se im ers­ten Mo­ment schon eher ein Schock“, sagt Birgit Harb, Psy­cho­the­ra­peu­tin und Dia­be­tesFach­psy­cho­lo­gin. Folgt man den Pha­sen der Krank­heits­be­wäl­ti­gung sei das aber nicht un­ty­pisch. Auf die­se Er­stre­ak­ti­on, die häu­fig von ei­nem Ver­leug­nen – „es nicht wahr­ha­ben wol­len“– be­glei­tet wird, fol­gen manch­mal Wut und Ag­gres­si­on so­wie Pha­sen der De­pres­si­on und Trau­er, bis ei­ne po­si­ti­ve Be­wäl­ti­gung die­ses Pro­zes­ses zur Ak­zep­tanz der Er­kran­kung statt­fin­den kann. Nicht nur die Pa­ti­en­ten selbst, häu­fig auch de­ren An­ge­hö­ri­ge durch­lau­fen die­se Pha­sen: „War­um hat es ge­ra­de mein Kind ge­trof­fen?“lau­tet et­wa ei­ne je­ner Fra­gen, die sich El­tern er­krank­ter Kin­der stellt.

Wie Pa­ti­en­ten auf die Dia­gno­se kon­kret re­agie­ren, hängt von un­ter­schied­li­chen Fak­to­ren ab. Un­ter and de­rem von dder Aart dder Er­kran­kun­gekkg selbst: Dia­be­tes mel­li­tus Typ-1 und Typ-2 un­ter­schei­den sich nicht nu an­hand des Al­ters der Pa­ti­en­ten und Pa­ti­en­tin­nen zum Zeittpunkt der Erst­ma­ni­fes­ta­ti­on n,

son­dern auch in ih­re r Be­hand­lung. Dar­aus er­ge­ben sich je­weils un­ter­schied­li­che Kom­bi­na­tio­nen aus Aus­gangs­si­tua­tio­nen – Pa­ti­en­ten in al­len Al­ters­grup­pen und Le­bens­pha­sen – und The­ra­pieAuf­wand und An­for­de­run­gen.

DA­MIT LE­BEN LER­NEN. Die Ak­zep­tanz der Dia­gno­se sei, so Harb, auch vom so­zia­len Um­feld und psy­chi­schen Kon­sti­tu­ti­on wie Per­sön­lich­keit, Er­fah­run­gen mit Er­kran­kun­gen, ty­pi­schen Pro­blem­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gi­en der Pa­ti­en­ten ab­hän­gig: „Wel­che in­ne­re Ein­stel­lung ha­be ich zu der Er­kran­kung? Wel­che Ge­dan­ken ma­che ich mir da­zu? Wie er­le­be ich die Si­tua­ti­on?“Je nach Le­bens­ab­schnitt knüp­fen sich un­ter­schied­li­che Pro­ble­me und Be­fürch­tun­gen so­wie Stra­te­gi­en und Un­ter­stüt­zungs­an­ge­bo­te an die Dia­gno­se. Bei Men­schen im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter ste­hen oft Ängs­te über Fol­ge­er­kran­kun­gen im Zen­trum, vor al­lem wenn es in der Fa­mi­lie be­reits ähn­li­che Krank­heits­fäl­le gab. Ju­gend­li­che neh­men die Er­kran­kung da­ge­gen häu­fig als zu­sätz­li­che Be­las­tung beim Hin­ein­wach­sen in die Er­wach­se­nen-rol­le wahr.

„Um die Dia­gno­se an­zu­neh­men braucht es die emo­tio­na­le Aus­ein­an­der­set­zung mit der Krank­heit. Das be­inhal­tet auch ein Zu­las­sen ne­ga­ti­ver Emo­tio­nen in Form von Ha­dern, Wü­tend­sein, Ver­lus­ter­le­ben und Trau­rig­keit“, so die Psy­cho­lo­gin. Vor­aus­set­zung für den Ab­bau ir­ra­tio­na­ler Ängs­te und die er­folg­rei­che Be­wäl­ti­gung die­ses Pro­zes­ses ist ein ent­spre­chen­des Um­feld – Ärz­te, Dia­be­tes­be­ra­ter, Diä­to­lo­gen, Psy­cho­lo­gen –, das die­se Aus­ein­an­der­set­zung und den Er­werb der da­für not­wen­di­gen Kom­pe­ten­zen be­glei­tet. Der Dia­be­ti­ker-schu­lung fällt da­her ei­ne Schlüs­sel­rol­le zu: Sie um­fasst nicht nur Auf klä­rungs­ar­beit über die Er­kran­kung, son­dern ver­mit­telt auch es­sen­zi­el­le Fer­tig­kei­ten im all­täg­li­chen Um­gang mit die­ser. Wie das rich­ti­ge Ver­hal­ten bei Über­o­der Un­ter­zu­cke­rung. Ist die Schu­lung er­folg­reich, kön­nen Pa­ti­en­ten ler­nen, ein selbst- und nicht vom Dia­be­tes be­stimm­tes Le­ben zu füh­ren. Ein es­sen­zi­el­ler Be­stand­teil der Schu­lung ist die emo­tio­na­le Aus­ein­an­der­set­zung mit der Er­kran­kung.

DIA­BE­TES BEI JUN­GEN MEN­SCHEN.

Die Er­kran­kung be­trifft nur in den sel­tens­ten Fäl­len die Pa­ti­en­ten al­lein, son­dern stellt auch de­ren An­ge­hö­ri­ge vor Her­aus­for­de­run­gen. Im be­son­de­ren Ma­ße trifft dies bei Kin­dern zu: „Wenn ein Kind an Dia­be­tes er­krankt, braucht das die Ak­zep­tanz der ge­sam­ten Fa­mi­lie. Manch­mal kann die Er­kran­kung zu Ri­va­li­tä­ten un­ter den Ge­schwis­tern füh­ren, weil das be­trof­fe­ne Kind mehr Un­ter­stüt­zung und Auf­merk­sam­keit braucht“, schil­dert Harb. Auch an die Pu­ber­tät dia­be­tes­kran­ker Kin­der knüp­fen sich spe­zi­fi­sche Dis­kre­pan­zen: Auf­grund der Er­kran­kung der Kin­der be­steht ei­ne stär­ke­re Ab­hän­gig­keit von den El­tern, wäh­rend der Ent­wick­lungs­auf­trag je­ner Pha­se lau­ten wür­de, sich aus je­ner Ab­hän­gig­keit zu lö­sen.

An Dia­be­tes er­krank­te Kin­der stel­len auch das mit der me­di­zi­ni­schen Be­treu­ung be­trau­te Fach­per­so­nal vor spe­zi­fi­sche Her­aus­for­de­run­gen, wie die Psy­cho­lo­gin er­klärt: „Bei Klein­kin­dern geht es dar­um al­ters­ge­rech­te Er­klä­run­gen zu fin­den, um über­haupt ein Ver­ständ­nis für die Er­kran­kung und Be­hand­lung, wie zum Bei­spiel Blut­zu­cker­mes­sun­gen und In­su­lin­be­hand­lung, zu schaf­fen. Da­für ar­bei­tet man dann et­wa mit Stoff­tie­ren.

Bei Kin­dern im Grund­schul­al­ter ver­sucht man dann be­reits un­ter Ein­be­zie­hung von Päd­ia­tern, Dia­be­tes­be­ra­tern, Diä­to­lo­gen, Psy­cho­lo­gen al­ters­ge­rech­te Schu­lun­gen durch­zu­füh­ren.“

AN­GE­BOT AN HIL­FE. Un­ab­hän­gig vom Al­ter und der Le­bens­si­tua­ti­on der Per­so­nen mit Dia­be­tes gilt aber, dass sich we­der die­se noch de­ren An­ge­hö­ri­ge mit der Krank­heit im Stich ge­las­sen füh­len müs­sen. Es gibt ein breit ge­streu­tes An­ge­bot von The­ra­peu­ten, Psy­cho­lo­gen und Selbst­hil­fe­grup­pen für un­ter­schied­lichs­te Al­ters­grup­pen und Le­bens­si­tua­tio­nen.

Es wird ver­sucht den Be­trof­fe­nen zu ver­mit­teln, dass sie nicht al­lein mit ih­rer Er­kran­kung und ih­ren Fra­gen sind. Ge­ra­de in Selbst­hil­fe­grup­pen kön­nen Be­trof­fe­ne er­fah­ren, wie an­de­re ih­ren All­tag mit Dia­be­tes meis­tern. Sie wer­den er­mu­tigt ih­re Krank­heit zu ak­zep­tie­ren und an­zu­neh­men. „Nur wenn Be­trof­fe­ne die Krank­heit selbst in die Hand neh­men und ei­ne Form von Selbst­ma­nage­ment ent­wi­ckeln, ist es mög­lich Le­bens­qua­li­tät hin­zu­zu­ge­win­nen“, ist Ot­to Spran­ger, Vor­sit­zen­der des Me­di­zi­ni­schen Selbst­hil­fe­zen­trums Wi­en, über­zeugt. Selbst­hil­fe­grup­pen kön­nen zwar die Pro­ble­me nicht für ei­nen lö­sen, aber bei der Lö­sung hel­fen. Ein Er­satz für ei­ne pro­fes­sio­nel­le me­di­zi­ni­sche Be­treu­ung sind die Grup­pen den­noch nicht.

Wer sol­che Ver­ei­ne ger­ne nicht nur fi­nan­zi­ell son­dern mit per­sön­li­chem En­ga­ge­ment un­ter­stüt­zen möch­te, ist herz­lich ein­ge­la­den sich an den un­ter­schied­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten zu be­tei­li­gen. Da­bei kön­ne es sich um die Ein­rich­tung ei­ner Be­ra­tungs­stel­le, die Grün­dung ei­ner Grup­pe oder um or­ga­ni­sa­to­ri­sche Un­ter­stüt­zung bei den Events der ÖDV han­deln, er­klärt An­na Mayer, Bun­des­vor­sit­zen­des der Ös­ter­rei­chi­schen Dia­be­ti­ker Ver­ei­ni­gung: „Wir sind für je­de hel­fen­de Hand dank­bar, die sich be­reit er­klärt, ih­re Er­fah­run­gen mit Dia­be­tes in un­se­rer Or­ga­ni­sa­ti­on ein­zu­brin­gen.“

Jähr­lich müs­sen 20.000 Men­schen in Ös­ter­reich we­gen Dia­be­tes sta­tio­när be­han­delt wer­den 366 Mio. Men­schen lei­den welt­weit an Dia­be­tes

In

Birgit Harb ist Psy­cho­the­ra­peu­tin

und Dia­be­tesFach­psy­cho­lo­gin

„Es braucht die emo­tio­na­le Aus­ein­an­der­set­zung mit der Krank­heit.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.