42 VE­GAN BE­SIEGT DIA­BE­TES

Us-ex­per­te Ne­al Bar­nard ist über­zeugt:

Kurier_Diabetes - - INHALT - Ne­al Bar­nard, Dia­be­tes-ex­per­te

Die The­ra­pie des um­strit­te­nen Us-me­di­zi­ners Ne­al Bar­nard

Ein For­schungs­team in Wa­shing­ton will na­tio­na­le Er­näh­rungs­richt­li­ni­en re­for­mie­ren. Ei­ne

Um­stel­lung der Es­sens­ge­wohn­hei­ten soll

zur kon­ven­tio­nel­len The­ra­pie­form wer­den.

Über 30 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner le­ben mit Dia­be­tes, da­von 90 Pro­zent mit Typ-2. Die­se Art der Stoff­wech­sel­er­kran­kung wird meist ver­ur­sacht durch ei­nen Mix aus schlech­ter Er­näh­rung und man­geln­der Be­we­gung.

Me­di­zi­ner und Er­näh­rungs­wis­sen­schaf­ter Ne­al Bar­nard will den Auf­wärts­trend ver­hin­dern: „Wir müs­sen uns dar­auf fo­kus­sie­ren, was Men­schen es­sen“, so der Prä­si­dent des „Phy­si­ci­ans Com­mit­tee for Re­s­pon­si­ble Me­di­ci­ne“im Te­le­fon­ge­spräch. Man kön­ne Typ-2-dia­be­tes durch Er­näh­rung nicht nur ver­hin­dern, son­dern auch rück­gän­gig ma­chen. In For­schungs­ar­bei­ten – ge­s­pon­sert durch das Na­tio­na­le Ge­sund­heits­in­sti­tut – zei­gen Bar­nard und sein Team, dass ei­ne fett­ar­me, ve­ga­ne Er­näh­rung ge­nau­so ef­fek­tiv bei der Sta­bi­li­sie­rung des Blut- zu­ckers sein kann wie Dia­be­tesMe­di­ka­men­te. Ei­ne pflanz­li­che Er­näh­rung senkt den Hba1c-wert um 1,2 Pro­zent, führt zu Ge­wichts­ver­lust, zu ei­ner Ver­rin­ge­rung des Blut­drucks und zu ei­ner Ver­bes­se­run­gen des Cho­le­ste­rin­spie­gels.

DIA­BE­TES-RE­SIS­TENZ. Die Mus­kel­zel­len des Kör­pers ver­wen­den Zu­cker als Kraft­stoff. Das Hor­mon In­su­lin, das in der Bauch­spei­chel­drü­se ge­bil­det wird, führt die Glu­ko­se in die Zel­len. Men­schen mit Typ-2Dia­be­tes ha­ben zwar meis­tens ge­nug In­su­lin – im Ge­gen­satz zu Typ1-Dia­be­ti­kern. Doch ih­re Zel­len sind re­sis­tent da­ge­gen ge­wor­den, so­dass der Blut­zu­cker steigt. Auf Dau­er be­steht die Ge­fahr für Herz­er­kran­kun­gen, Nie­ren­pro­ble­me, Ver­lust der Seh­kraft, Ner­ven­schä­den und an­de­re Schwie­rig­kei­ten. Dia­be­tesDiä­ten schrei­ben in der Re­gel kon­trol­lier­te und li­mi­tier­te Koh­len­hy­dra­te-zu­fuhr vor und für die­je­ni­gen, die über­ge­wich­tig sind, auch Ein­schrän­kun­gen von Ka­lo­ri­en.

Ne­al Bar­nard hin­ge­gen ist über­zeugt, dass ei­ne Er­näh­rung auf pflanz­li­cher Ba­sis al­lei­ne aus­reicht. „Sie bie­tet den schö­nen Vor­teil, dass es nicht er­for­der­lich ist, je­de Es­sen­spor­ti­on zu wie­gen. Man muss kei­nen Hun­ger ha­ben“, so der Er­näh­rungs­wis­sen­schaf­ter. Pro­ble­ma­tisch sei­en näm­lich nicht nur zu vie­le Koh­len­hy­dra­te, son­dern vor al­lem das Fett in den Zel­len.

Ame­ri­ka­ner und Eu­ro­pä­er ha­ben Tier­pro­duk­te zwar schon lan­ge auf ih­rem Spei­se­plan ste­hen, aber die Men­ge stei­ger­te sich. „Wir glau­ben, dass das der Grund ist, wie­so auch die An­zahl an Dia­be­ti­kern steigt. Der über­mä­ßi­ge Kon­sum von Fleisch, Kä­se, Ei­ern und an­de­ren fet­ti­gen Pro­duk­ten ver­ur­sacht In­su­lin­re­sis­tenz. Denn klei­ne Fett­par­ti­kel bau­en sich in den Mus­kel- und Le­ber­zel­len auf. Sie hin­dern das In­su­lin dar­an, die Zel­le für die Auf­nah­me von Glu­ko­se zu öff­nen“, so Bar­nard. Ho­her Blut­zu­cker ist die Fol­ge. Die Lö­sung? „Ve­ga­ne Er­näh­rung rei­nigt die Zel­len vom Fett“, ist Bar­nard über­zeugt. Das bes­te Po­wer-food sei Ge­mü­se, Früch­te, Voll­korn und Boh­nen.

GE­SUND UND VI­TAL. Auch hei­mi­sche Ex­per­ten sind dem nicht völ­lig ab­ge­neigt. „Prin­zi­pi­ell kann man ei­ner pflan­zen­ba­sier­ten Misch­kost viel ab­ge­win­nen, denn voll­wer­tig hält ge­sund und för­dert die Leis­tung. Das heißt nicht, dass kein Fleisch ge­ges­sen wer­den darf, aber in Ma­ßen. Pro Wo­che ma­xi­mal drei Por­tio­nen an fett­ar­mem Fleisch. Ro­tes Fleisch – al­so Wurst­wa­ren oder Rind, Schwein und Lamm – eher sel­ten. Es kann das Ri­si­ko für Dia­be­tes er­hö­hen und es gibt Da­ten da­für, dass zu viel da­von das Ri­si­ko für ge­wis­se Krebs­ar­ten an­stei­gen lässt“, so Fried­rich Hop­pi­ch­ler, ärzt­li­cher Di­rek­tor im Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Brü­der Salz­burg. Doch: „Milch­pro­duk­te täg­lich!“Denn der mensch­li­che Kör­per brau­che das Cal­ci­um.

ES­SEN ALS THE­RA­PIE. Bar­nard plä­diert für ei­ne Spei­se­plan­um­stel­lung als kon­ven­tio­nel­le The­ra­pie. Erst wenn die nicht zur Gän­ze hilft, sol­len Me­di­ka­men­ten als al­ter­na­ti­ve The­ra­pie her­an­ge­zo­gen wer­den. Bis­her wür­den vie­le Us-ärz­te den Aspekt Er­näh­rung noch igno­rie­ren. In Ös­ter­reich ist be­wuss­te Er­näh­rung, aus­ge­wo­ge­ne Kost und so­mit das Wis­sen, was man isst und wie es zu­sam­men­ge­setzt ist, in al­len Pha­sen der dia­be­ti­schen Er­kran­kung ein ele­men­ta­rer Be­stand­teil der The­ra­pie. Durch die in­ten­si­ve Um­set­zung von Le­bens­sti­län­de­run­gen kann am Be­ginn oft­mals ei­ne me­di­ka­men­tö­se Un­ter­stüt­zung ver­mie­den wer­den.

„Nur: Die Dia­gno­se ,Dia­be­tes mel­li­tus’ ist nicht erst dann ge­ge­ben, wenn Be­trof­fe­ne Me­di­ka­men­te be­nö­ti­gen. Ge­wiss sind auch Li­fe­style-ve­rän­de­run­gen ei­ne The­ra­pie – und wenn der Pa­ti­ent da­durch län­ge­re Zeit kei­ne Me­di­ka­men­te be­nö­tigt, freu­en wir uns. Aber Dia­be­ti­ker bleibt er trotz­dem“, re­sü­miert Chris­ti­an Schelks­horn, Lei­ter der I. Me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung im Lan­des­kli­ni­kum Sto­ckerau. In vie­len Fäl­len kann der Blut­zu­cker al­so so ein­ge­stellt wer­den, dass die Wer­te wie­der in ei­nem Be­reich lie­gen, der gar nicht mehr un­ter Dia­be­tes fällt. Dann wür­de man sa­gen, der Pa­ti­ent ist gut kon­trol­liert. Dia­be­tes sei laut Schelks­horn aber nicht heil­bar, son­dern le­dig­lich gut ein­stell­bar. Ver­nach­läs­sigt man den Er­näh­rungs- und Be­we­gungs­plan, kann die Krank­heit schnell wie­der prä­sent sein.

UM­STRIT­TEN. Kri­tik gibt es auch an den Stu­di­en des ame­ri­ka­ni­schen For­schungs­team rund um Ne­al Bar­nard. Es gä­be Stör­grö­ßen, die das »

„Der über­mä­ßi­ge Kon­sum von Fleisch, Kä­se, Ei­ern und an­de­ren fet­ti­gen Pro­duk­ten ver­ur­sacht In­su­lin­re­sis­tenz. Ve­ga­ne Er­näh­rung rei­nigt die Zel­len

vom Fett.“

Er­geb­nis ver­fäl­schen könn­ten: „Es könn­te sein, dass Men­schen, die ei­ne ve­ga­ne Er­näh­rung vor­zie­hen, sich auch sonst ge­sund­heits­be­wuss­ter ver­hal­ten und da­durch ei­ne bes­se­re Stoff­wech­sel­la­ge bei Typ-2Dia­be­tes er­rei­chen“, so Bap­tist Gall­witz, Prä­si­dent der Deut­schen Dia­be­tes Ge­sell­schaft.

VE­GAN AL­LEIN GE­NÜGT NICHT. Man müs­se die von Ne­al Bar­nard be­ob­ach­te­ten Vor­tei­le bei ve­ga­ner Er­näh­rung auch ge­gen­über mög­li­chen Nach­tei­len, wie zum Bei­spiel Ei­sen­man­gel, ab­wie­gen, so der Ex­per­te. „Er­näh­rungs­in­ter­ven­ti­ons­stu­di­en ha­ben auch oft das Pro­blem, dass ei­ne be­stimm­te Er­näh­rungs­in­ter­ven­ti­on nicht kon­se­quent bei­be­hal­ten wird.“Die Deut­sche Ge­sell­schaft für Er­näh­rungs­me­di­zin emp­fiehlt ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung, die im Zu­ge der bei der Dia­gno­se Dia­be­tes oh­ne­hin not­wen­di­gen Le­bens­um­stel­lung zen­tra­ler Be­stand­teil ist.

Auch wenn Ne­al Bar­nard nicht al­le Me­di­zi­ner von sei­ner Theo­rie über­zeu­gen kann, in ei­nem sind sie sich den­noch al­le ei­nig: Ei­ne Er­näh­rung mit über­wie­gen­dem An­teil an pflanz­li­chen Le­bens­mit­teln ist in der Re­gel res­sour­cen­scho­nen­der. „Es gibt auch Hin­wei­se, dass Ve­ge­ta­ri­er ge­sün­der sind als Misch­köst­ler, aber das könn­te auch an ih­rem ge­ne­rell ge­sün­de­ren Le­bens­stil lie­gen“, so Er­näh­rungs­wis­sen­schaf­te­rin The­res Rath­man­ner. Ob auch ein ve­ga­nes Le­ben auch ge­sün­der, sei nicht hin­rei­chend ge­klärt.

„Es wird im­mer Men­schen ge­ben, die mir wi­der­spre­chen. Das hält mich aber nicht da­von ab, wei­ter zu ma­chen. Denn ich bin von den Vor­tei­len ei­ner ve­ga­nen Er­näh­rung über­zeugt“, sagt Ne­al Bar­nard, wenn man ihn auf sei­ne Kri­ti­ker an­spricht. Er wer­de wei­ter­hin Ge­sprä­che über die Ver­bin­dung zwi­schen ei­ner pflanz­li­chen Er­näh­rung und op­ti­ma­ler Ge­sund­heit füh­ren. 70 kli­ni­sche Stu­di­en hat er bis jetzt schon ge­macht.

KAMPF DER ADI­PO­SI­TAS. An­ge­sichts der be­sorg­nis­er­re­gen­den An­zahl an Fett­lei­bi­gen und Dia­be­te­ser­krank­ten in Ame­ri­ka ist das si­cher­lich ein wich­ti­ger Dis­kus­si­ons­punkt. Und dass Bar­nard mit sei­ner Theo­rie auch vie­le Men­schen ge­win­nen kann, be­weist das In­ter­es­se an sei­nen Bü­chern, von de­nen es mitt­ler­wei­le schon 17 Ti­tel gibt. «

Ne­al Bar­nard, Prä­si­dent des „Phy­si­ci­ans Com­mit­tee for Re­s­pon­si­ble Me­di­ci­ne“, und sein Team

Grafik: Eber

Qu­el­le: In­ter­na­tio­nal Dia­be­tes Fe­de­ra­ti­on (IDF)

Ge­mü­se, Hül­sen­früch­te und Voll­korn­pro­duk­te sind für Bar­nard das

bes­te Po­wer­food

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