118 VER­HIN­DERN SIE SPÄT­FOL­GEN

Kurier_Diabetes - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

So ge­fähr­lich ist un­be­han­del­ter Dia­be­tes

Dia­be­tes Typ-1 und Typ-2 un­ter­schei­den sich zwar in Ur­sa­che und Krank­heits­ver­lauf, sie kön­nen aber zu den­sel­ben Fol­ge­er­kran­kun­gen füh­ren. In bei­den Fäl­len kann der Be­trof­fe­ne aber spä­te­re Kom­pli­ka­tio­nen ver­hin­dern, wenn er die The­ra­pie­emp­feh­lun­gen um­setzt.

95 Pro­zent al­ler Dia­be­ti­ker ha­ben ei­nen Typ-2-dia­be­tes. Ein Mix aus schlech­ter Er­näh­rung und we­nig Be­we­gung oder ge­ne­ti­scher Vor­prä­gung führt zu In­su­lin­re­sis­tenz. Die­ser Dia­be­tes bleibt nach sei­nem Auf­tre­ten oft län­ge­re Zeit un­be­merkt. Ge­nau dar­in liegt die Ge­fahr. Beim Typ-1 fällt das Ri­si­ko ei­ner spä­ten Dia­gno­se weg: Die Au­to­im­mun­er­kran­kung, die zu In­su­lin­man­gel führt, ent­wi­ckelt sich meist schon im Kin­des- und Ju­gend­al­ter.

GE­FAHR FÜR BLUT­GE­FÄS­SE. Ist der Blut­zu­cker schlecht ein­ge­stellt, kann dies die klei­nen Blut­ge­fä­ße schä­di­gen. So zum Bei­spiel an der Netz­haut, was zu Ge­sichts­feld- »

Wenn Dia­be­tes über ei­nen

län­ge­ren Zei­t­raum un­be­han­delt bleibt, sind teil­wei­se dra­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen nicht aus­zu­schlie­ßen. Ei­ne

re­gel­mä­ßi­ge Ge­sun­den­un­ter­su­chung

ist da­her not­wen­dig.

ver­lus­ten füh­ren kann – die dia­be­ti­sche Re­ti­no­pa­thie. Je­des Jahr er­blin­den 200 Men­schen an den Fol­gen. Die dia­be­ti­sche Netz­haut­ver­än­de­rung ist wie die al­ters­be­ding­te Ma­ku­la-de­ge­ne­ra­ti­on ei­ne der häu­figs­ten Ur­sa­chen für Er­blin­dung. Für bei­de Er­kran­kun­gen wird der­zeit an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Au­gen­heil­kun­de und Op­to­me­trie der Me­du­ni Wi­en an der Ef­fi­zi­enz meh­re­rer Me­di­ka­men­te ge­forscht. „Un­se­re Ana­ly­sen und Stu­di­en bil­den ei­ne Ba­sis für die Zu­las­sung neu­er Me­di­ka­men­te. Bei der Be­hand­lung der dia­be­ti­schen Netz­haut­de­ge­ne­ra­ti­on zeig­ten ak­tu­el­le Stu­di­en, dass ein Arz­nei­mit­tel – Afli­ber­cept – an­de­ren Mit­teln über­le­gen sein könn­te“, so die For­schungs­lei­te­rin Ur­su­la Schmidt-er­furth.

Auch Ner­ven kön­nen bei zu ho­hem Blut­zu­cker ge­schä­digt wer­den – die dia­be­ti­sche Neu­ro­pa­thie. Pa­ti­en­ten oh­ne Schmerz­emp­fin­den sind be­son­ders ge­fähr­det für ein dia­be­ti­sches Fuß­syn­drom. Chro­ni­sche Wun­den kön­nen im schlimms­ten Fall ei­ne Am­pu­ta­ti­on not­wen­dig ma­chen. Je­des Jahr wer­den 2500 Am­pu­ta­tio­nen an Pa­ti­en­ten mit Dia­be­tes vor­ge­nom­men, das sind 62 Pro­zent al­ler Fäl­le. Auch die dia­be­ti­sche Ne­phro­pa­thie fällt un­ter die mög­li­chen Spät­fol­gen bei zu ho­hem Blut­zu­cker, weil die Nie­ren schlech­ter durch­blu­tet wer­den und sich ih­re Funk­ti­on ver­rin­gert.

HERZ­ER­KRAN­KUN­GEN. Die mit Ab­stand häu­figs­ten For­men der Lang­zeit­kom­pli­ka­tio­nen sind Herz­er­kran­kun­gen, Herz­in­fark­te und Schlag­an­fäl­le. Ge­ra­de bei Typ-2-dia­be­ti­kern kom­men ne­ben ho­hen Blut­zu­cker­wer­ten auch Fett­stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen und Blut­hoch­druck vor, was sich wie­der­um un­güns­tig auf die gro­ßen Blut­ge­fä­ße aus­wirkt. Ei­ne „maß­geb­li­che Än­de­rung“in der Be­hand­lung zeigt laut Deut­scher Dia­be­tes Ge­sell­schaft das Er­geb­nis ei­ner neu­en Stu­die, die auf der Jah­res­ta­gung der Eu­ro­pean As­so­cia­ti­on for the Stu­dy of Dia­be­tes vor­ge­stellt wur­de. Sie gibt Grund zur Hoff­nung: Das Me­di­ka­ment Em­paglif­lo­zin sen­ke ne­ben dem Blut­zu­cker die Ra­te an Herz-kreis­lauf-er­kran­kun­gen, weil auch der Blut­druck ge­senkt wird. Zu­dem ent­steht ein Ka­lo­ri­en­ver­lust, der zu Ge­wichts­ab­nah­men bei Pa­ti­en­ten führt.

Ver­hin­dern kann man Spät­fol­gen au­ßer­dem durch ei­ne Ve­rän­de­rung des Le­bens­stils – mit mehr Be­we­gung und rich­ti­ger Er­näh­rung. „Wich­tig ist, dass man mit dem be­han­deln­den Arzt im­mer ei­nen Blut­zu­cker­be­reich als Ziel fest­legt“, so Fried­rich Hop­pi­ch­ler, Dia­be­tes-spe­zia­list und ärzt­li­cher Di­rek­tor des Kran­ken­hau­ses Barm­her­zi­ge Brü­der in Salz­burg. „Die­se Ziel­wer­te soll nicht nur der Arzt ken­nen, son­dern auch der Dia­be­ti­ker. Denn je­der ist sein ei­ge­ner Ge­sund­heits­ma­na­ger.“

DIA­BE­TES-STRA­TE­GIE. Sei­tens des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ge­sund­heit wird der­zeit ein Kon­zept ent­wi­ckelt, das die Eck­punk­te zur Ent­wick­lung ei­ner ös­ter­rei­chi­schen Dia­be­tes-stra­te­gie fest­legt. „Um dem Dia- be­tes auf brei­ter Ba­sis, so­wohl prä­ven­tiv als auch in der Ver­sor­gung, zu be­geg­nen“, heißt es aus dem Mi­nis­te­ri­um. Ein breit an­ge­leg­ter Stra­te­gie-ent­wick­lungs­pro­zess, der al­le we­sent­li­chen Sta­ke­hol­der in­vol­viert, ist für nächs­tes Jahr ge­plant. „Mir geht es aber da­bei nicht pri­mär um die Ver­hal­tensprä­ven­ti­on, son­dern um die Ver­hält­nis­prä­ven­ti­on“, so Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin Sa­bi­ne Ober­hau­ser auf An­fra­ge: „Nicht der er­ho­be­ne Zei­ge­fin­ger trägt zur Ge­sund­heit der Men­schen bei, son­dern das ent­spre­chen­de An­ge­bot an Be­we­gungs­mög­lich­kei­ten und ge­sun­der Er­näh­rung – und zwar nicht nur in aus­rei­chen­der Men­ge und Qua­li­tät, son­dern auch mög­lichst nie­der­schwel­lig ver­füg­bar.“

PRÄ­VEN­TI­ON STATT RE­PA­RA­TUR. Die Initia­ti­ve SIPCAN (Spe­cial In­sti­tu­te for Preven­ti­ve Car­dio­lo­gy And Nu­tri­ti­on), vor zehn Jah­ren von Fried­rich Hop­pi­ch­ler ge­grün­det, en­ga­giert sich be­son­ders für Prä­ven­ti­ons­pro­gram­me in Schu­len: „Wir set­zen auf schu­li­sche Ge­sund­heits­för­de­rung, denn ge­ra­de im Kin­des­al­ter ist es be­son­ders wich­tig, Über­ge­wicht vor­zu­beu­gen um da­durch Dia­be­tes im spä­te­ren Al­ter zu ver­mei­den.“SIPCAN bie­tet in ganz Ös­ter­reich Schu­lun­gen für be­trieb­li­che Ge­sund­heits­för­de­rung, für Buf­fets und Kan­ti­nen. Gleich­zei­tig ver­mit­teln die Mit­ar­bei­ter den Schü­lern im Bio­lo­gie­un­ter­richt ei­ne ver­nünf­ti­ge Le­bens­füh­rung. Al­so Ver­hält­nis- und Ver­hal­tensprä­ven­ti­on glei­cher­ma­ßen. Auf die­sem Weg kön­ne man weg von kost­spie­li­ger Re­pa­ra­tur­me­di­zin hin zur Prä­ven­tiv­me­di­zin kom­men, ist Hop­pi­ch­ler über­zeugt: „Es braucht die Ver­mitt­lung von Ri­si­ko­be­wusst­sein, Mo­ti­va­ti­on zu ei­ner ge­sün­de­ren Le­bens­füh­rung und Über­nah­me von Ei­gen­ver­ant­wor­tung. Ver­hält­nis­prä­ven­ti­on an­de­rer­seits kann nur die Po­li­tik er­rei­chen.“Von der Po­li­tik kä­men aber oft nur Lip­pen­be­kennt­nis­se, so Hop­pi­ch­ler. Das Pro­blem der po­li­tisch mo­ti­vier­ten Pro­jek­te sei ih­re feh­len­de Nach­hal­tig­keit. Im Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um ist man hin­ge­gen stolz, im Rah­men der Initia­ti­ve „Un­ser Schulbuf­fet“von 2011 bis 2014 ein Drit­tel der Schulbuf­fets durch in­ten­si­ve Be­ra­tung und Be­treu­ung zur Um­stel­lung auf ein ge­sund­heits­för­der­li­ches An­ge­bot über­zeugt zu ha­ben.

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Be­we­gung ist vor al­lem bei Kin­dern ei­ne ganz wich­ti­ger Teil der Prä­ven­ti­on

Fried­rich Hop­pi­ch­ler, Initia­tor von SIPCAN und Vor­stand der In­ne­ren Ab­tei­lung und Ärzt­li­cher Di­rek­tor des Kran­ken­hau­ses der Barm­her­zi­gen Schwes­tern in Salz­burg

„Ziel­wer­te soll nicht nur der Arzt ken­nen, son­dern auch der Dia­be­ti­ker. Je­der ist sein ei­ge­ner Ge­sund­heits­ma­na­ger.“

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