Der neue Stadt­ver­kehr

Mul­ti­moda­li­tät heißt das Zau­ber­wort für den Ver­kehr der Zu­kunft. Man kom­bi­niert­die Trans­port­mit­tel, die ei­nen am schnells­ten ans Ziel brin­gen. Der Be­sitz ei­ge­ner Ver­kehrs­mit­tel tritt da­bei in den Hin­ter­grund.

KURIER_DIGITAL FUTURE - - EDITORIAL - -DA­VID KO­TRBA

Fah­rer­lo­se U-Bah­nen, Elek­tro­bus­se und E-Bi­kes

Ein ei­ge­nes Au­to gilt für vie­le Men­schen als In­be­griff von Frei­heit, Un­ab­hän­gig­keit und Kom­fort. Im Ide­al­fall kommt man da­mit di­rekt von der Haus­tür schnell bis an das ge­wünsch­te Ziel, hört da­bei Mu­sik, wird von der Kli­ma­an­la­ge­ge­nau­im­rich­ti­genTem­pe­ra­tur­be­reich ge­hal­ten, muss mit­ge­führ­te Las­ten nicht tra­gen und zahlt am bes­ten re­la­tiv we­nig für den ver­brauch­ten Treib­stoff. In der Rea­li­tät ist das Au­to­er­leb­nis oft nicht so idyl­lisch. Man steht im Stau, sucht Park­plät­ze und hat je­de Men­ge Stress mit an­de­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern, Kurz­park­zo­nen, Sprit­preis­schwan­kun­gen, Versicherungen und vie­lem mehr. Ge­ra­de im ur­ba­nen Raum er­wei­sen sich Rad, Öf­fis, Car­sha­ring oder gar ein Mix aus ver­schie­de­nen Ver­kehrs­mit­teln als sinn­vol­ler.

VERDICHTETE NET­ZE. In­di­vi­du­al­ver­kehr ist bei Ver­kehrs­pla­nern rund um dem Glo­bus am ab­stei­gen­den Ast. Wen­nes­umGe­schwin­dig­keit,Zu­ver­läs­sig­keit, Um­welt­freund­lich­keit, Platz­be­darf, Kos­ten­ef­fi­zi­enz und Trans­port­ver­mö­gen geht, sind öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel ge­fragt. Je pünkt­li­cher Bus­se, Stra­ßen­bah­nen oder U-Bah­nen sind, je kür­zer die In­ter­val­le und die Fuß­we­ge, des­to mehr Men­schens­ind­mitÖf­fis­un­ter­wegs.In Wien be­nut­zen 61 Pro­zent der Be­völ­ke­rung Öf­fis zu­min­dest mehr­mals pro Wo­che. Um noch mehr Leu­te zum Um­stieg zu be­we­gen, wird das Öf­fiNetz stän­dig aus­ge­baut. Ab 2023 wird es in Wien et­wa ei­ne neue UBahn­li­nie ge­ben. Die U5 wird fah­rer­los un­ter­wegs sein. In vie­len Städ­ten

welt­weit wird die­ses U-Bahn-Kon­zept we­gen sei­ner Prä­zi­si­on und Si­cher­heit als das zu­kunfts­träch­tigs­te er­ach­tet.

ELEKTRIFIZIERUNG. Ei­ne wei­te­re Neu­heit, die künf­tig mehr Ver­brei­tung fin­den wird, sind elek­trisch be­trie­be­ne Bus­se. In Wien sind seit 2013 Elek­tro­bus­se in der In­nen­stadt un­ter­wegs. In den kom­men­den Jah­ren sol­len auch Li­ni­en in der rest­li­chen Stadt mit Elek­tro­an­trieb aus­ge­stat­tet sein. Elek­tro­bus­se wer­den un­ter an­de­rem auch in Ber­lin, Lon­don, Mün­chen oder Schang­hai ein­ge­setzt. Städ­te mit gro­ßen Hö­hen­un­ter­schie­den set­zen ver­mehrt auf Seil­bah­nen. Das ös­ter­rei­chi­sche Un­ter­neh­men Dop­pel­may­er ist da­bei ton­an­ge­bend. In La Paz, Bo­li­vi­en, wur­de das bis­her größ­te ur­ba­ne Seil­bahn­netz er­rich­tet. Seit 2014 sind drei Seil­bahn­li­ni­en in Be­trieb und er­freu­en sich höchs­ter Be­liebt­heit. Auch in Ca­ra­cas, San Fran­cis­co oder Rio de Janei­ro wur­den Seil­bahn­li­ni­en er­öff­net. Wer sich lie­ber auf in­di­vi­du­el­len, meist eher kür­ze­ren We­gen und oh­ne die Ge­sell­schaft an­de­rer Men­schen fort­be­wegt, greift ver­mehrt zum Fahr­rad.

STRAMPELNDE EF­FI­ZI­ENZ.Was den Ener­gie­ver­brauch be­trifft, ist das Fahr­rad im­mer noch das ef­fi­zi­en­tes­te Ver­kehrs­mit­tel. Es braucht we­nig Platz, ist güns­tig und ver­bes­sert die Fit­ness. Wer es kom­for­ta­bel ha­ben mag, greift zum E-Bi­ke. Mit neu­en An­trie­ben zum Nach­rüs­ten hilft so­gar der al­te Draht­esel beim Tre­ten. In Ös­ter­reich ist Fahr­rad-An­teil am

Ge­samt­ver­kehrs­auf­kom­men noch re­la­tiv ge­ring (ca. 7 Pro­zent). Vor­rei­ter sind die Nie­der­lan­de (27 Pro­zent) und Dä­ne­mark (19 Pro­zent). Be­son­ders die Haupt­städ­te Ams­ter­dam und Ko­pen­ha­gen gel­ten als Fahr­rad-Hoch­bur­gen. Welt­weit gibt es Ver­su­che, der so ge­nann­ten „Co­pen­ha­ge­niza­t­i­on“zu fol­gen. In den Zu­kunfts­kon­zep­ten von Stadt­pla­nern rund um den Glo­bus spielt der Au­to­ver­kehr, so wie man ihn heu­te kennt, kei­ne Rol­le mehr. Der öf­fent­li­che Raum ge­hört haupt­säch­lich Fuß­gän­gern, Rad­fah­rern, öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und am Ran­de klei­nen Elek­tro­fahr­zeu­gen. In­di­vi­du­el­ler Au­to­be­sitz kommt in den Vi­sio­nen schon gar nicht vor.

TEI­LEN STATT BE­SIT­ZEN.Car­sha­ring nennt sich die mo­der­ne Va­ri­an­te des Au­to­fah­rens. Man teilt sich Au­tos mit an­de­ren Men­schen und sorgt so da­für, dass das Au­to we­sent­lich ef­fi­zi­en­ter ge­nutzt wird. Aus dem „Steh­zeug“(so be­zeich­ne­te es der Ver­kehrs­tech­ni­ker Her­mann Kn­of­la­cher) wird wie­der ein Fahr­zeug. In Wien nut­zen der­zeit 100.000 Per­so­nen Car­sha­ring-Di­ens­te. In­ner­halb der letz­ten fünf Jah­re hat sich die Nut­zer­zahl ver­zwan­zig­facht. Ne­ben be­kann­ten in­ter­na­tio­na­len An­bie­tern wie Car2Go, Dri­veNow oder Zip­car gibt es auch pri­va­te Initia­ti­ven wie car­sha­ring24/7 oder di­ver­se Mit­fahr­bör­sen. Da­zu kom­men Fahr­ten­diens­te wie Uber, bei de­nen Pri­vat­per­so­nen ih­re ei­ge­nen Fahr­zeu­ge als Ta­xis ein­set­zen. Vie­le kom­mer­zi­el­le Car­sha­ring-An­bie­ter wol­len in Zu­kunft ver­stärkt auf Elek­tro­au­tos um­stei­gen. Die öf­fent­li­che Hand ist al­ler­dings bei der Be­reit­stel­lung der not­wen­di­gen Lad­ein­fra­struk­tur ge­fragt. In Wien soll bis 2018 ein voll­stän­di­ges La­de­stel­len­netz für Car­sha­rin­gDi­ens­te ent­ste­hen.

DIE RICH­TI­GE MI­SCHUNG. Wie bei vie­len Din­gen im Le­ben kommt es auch bei der Mo­bi­li­tät auf die rich­ti­ge Mi­schung an. Wer wirk­lich ef­fi­zi­ent un­ter­wegs sein will nutzt ver­schie­de­ne Ver­kehrs­mit­tel. Je nach­dem, was man tun will, sind manch­mal auch Kom­bi­na­tio­nen von Ver­kehrs­mit­teln am sinn­volls­ten. Wie die so ge­nann­te „Mul­ti­moda­li­tät“am bes­ten ab­lau­fen könn­te, ist Ge­gen­stand vie­ler For­schungs­pro­jek­te. In Ös­ter­reich wur­de et­wa im Rah­men des Pro­jekts eMORAIL die kom­bi­nier­te Be­nut­zung von Elek­tro­au­tos, E-Bi­kes und Bahn für Pend­ler un­ter­sucht. Ge­ra­de in länd­li­chenGe­bie­ten,wo­dieVer­sor­gung­mit öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln eher schlecht ist, soll­ten Elek­tro­au­tos als mög­lichst um­welt­ver­träg­li­ches Ver­kehrs­mit­tel die­nen, um zum nächst­ge­le­ge­nen Bahn­hof zu ge­lan­gen. Bei die­sem Pro­jekt, aber auch bei an­de­ren hat sich ge­zeigt, dass die Pla­nung und Or­ga­ni­sa­ti­on von Fahr­ten ei­ne gro­ße Rol­le für den Er­folg der Mul­ti­moda­li-

tät spielt. Das For­schungs­pro­jekt „smi­le“un­ter­such­te, wie man mög­lichst kom­for­ta­bel mul­ti­modal un­ter­wegs sein kann. Da­bei wur­de ei­ne Smart­pho­ne-App ent­wi­ckelt, die die Rou­ten­pla­nung und den Ti­cket­kauf für ei­ne gan­ze Rei­he von Ver­kehrs­mit­teln über­nimmt. Man gibt ein­fach ein, wo­hin man will, wählt ei­nen prak­ti­schen Rou­ten­vor­schlag und die App über­nimmt die da­für not­wen­di­ge Abrech­nung. Die bei­den smi­le-Pro­jekt­part­ner ÖBB und Wie­ner Stadt­wer­ke wol­len das Prin­zip ei­ner App, die die Be­nut­zung al­ler Ver­kehrs­mit­tel er­leich­tert, künf­tig in se­pa­ra­ten Nach­fol­ge­pro­jek­ten in die Rea­li­tät um­set­zen. Die Wie­ner Li­ni­en er­leich­tern Mul­ti­moda­li­tät seit 2015 mit der Wi­enMo­bil-Kar­te.

DATENPOOL. Mul­ti­moda­li­tät wird im gan­zen Land ge­för­dert. Die Ver­kehrs­aus­kunft Ös­ter­reich ist ei­ne Schnitt­stel­le, um Rou­tin­gin­for­ma­tio­nen für al­le Ver­kehrs­mit­tel zu­sam­men­zu­füh­ren. Da­bei wer­den die Ver­kehrs­la­ge auf den Stra­ßen, die In­ter­val­le al­ler öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel, so­wie die Ver­füg­bar­keit an Rad­ver­leih­sta­tio­nen, in Park&Ri­de-An­la­gen und bei Car­sha­ring-Di­ens­ten in­klu­diert. Wei­ter­ge­ge­ben wer­den die­se In­for­ma­tio­nen gleich über meh­re­re Web­sei­ten und Apps. Das Smart­pho­ne für das Nut­zen die­ser In­for­ma­tio­nen ha­ben heu­te be­reits 86 Pro­zent al­ler Ös­ter­rei­cher mit da­bei. In Zu­kunft wird es wohl auch das Smart­pho­ne sein, dass al­lei­ne be­nö­tigt wird, um ver­schie­de­ne Ver­kehrs­mit­tel zu be­nut­zen.

Für Ka­tar hat Sie­mens ei­ne Stra­ßen­bahn ent­wi­ckelt, die nur punk­tu­ell mit Strom be­la­den wird. Im Kli­ma-Wind-Ka­nal in Wien wur­de sie ge­tes­tet

Das Smart­pho­ne er­leich­tert die Mul­ti­moda­li­tät (o.), das E-Bi­ke er­leich­tert das Rad­fah­ren (u.)

Die Wie­ner Elek­tro­bus­se wer­den an Ober­lei­tun­gen auf­ge­la­den

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