EDITORIAL

Darf man heu­te noch Fleisch essen? Wer sich da­für ent­schei­det, der soll­te dem Le­bens­mit­tel Wert­schät­zung ent­ge­gen­brin­gen – und den Ge­nuss in den Vor­der­grund stel­len.

KURIER_FLEISCH - - Editorial -

„ES WÄCHST NICHT VAKUUMVERSCHWEISST AUF BÄUMEN. WIR ZEI­GEN IH­NEN AL­LE FACETTEN RUND UMS FLEISCH“

Es kam mit der Post. Ei­ne Le­se­rin schick­te uns ein un­schein­ba­res, klei­nes Büch­lein in ei­nem ab­ge­grif­fe­nen, brau­nen Ein­band. Es wur­de ir­gend­wann in den 1950er-Jah­ren – ge­nau lässt es sich lei­der nicht sa­gen – vom KURIER her­aus­ge­ge­ben und ent­hält ty­pisch ös­ter­rei­chi­sche Re­zep­te. Vom Ta­fel­spitz über Wie­ner Schnit­zel bis hin zur Rinds­rou­la­de ist al­les da, was ei­ne gu­te Haus­frau ih­ren Lie­ben auf­tisch­te. Das klei­ne Koch­buch zeigt ganz deut­lich, wie sehr sich un­se­re Ein­stel­lung zum Essen ver­än­dert hat: Vor rund 60 Jah­ren wur­de Fleisch ger­ne und oh­ne jeg­li­che Be­den­ken wei­ter­ver­ar­bei­tet. Mehr noch–es wur­de zu ei­nem Sym­bol für den Wohl­stand, der sich lang­sam, aber si­cher im Land breit mach­te. Fleisch war nicht län­ger das ed­le Stück, das nur an Sonn- und Fei­er­ta­gen auf die Ta­fel kam. Fleisch wur­de zur All­tags­spei­se. Und da­mit der un­still­ba­re Gus­to auf das Nah­rungs­mit­tel ge­stillt wer­den konn­te, muss­te sich die Land­wirt­schaft ver­än­dern. Es ward er Be­ginn der Mas­sen­pro­duk­ti­on. Als das klei­ne KURIER-Koch­büch­lein her­aus­ge­ge­ben wur­de, war es noch ein­fach, über Fleisch zu schrei­ben. Heu­te ist das nicht mehr so. Als wir uns dar­an­mach­ten, die­ses Ma­ga­zin zu ge­stal­ten, zeig­te sich, dass es so­gar in un­se­rem ein ge­schwo­re­nen Team un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen zum The­ma gibt. Es kam zu Dis­kus­sio­nen, et­wa dar­über, ob man ein Fo­to zei­gen soll, auf de mein Flei­scher ein gro­ßes Mes­ser in­den Hän­den hält. Ich­fin­de, man­soll nicht nur, man muss. Ja, wenn wir Fleisch essen, muss­te da­für ein Tier sein Le­ben las­sen. Da­her ist es un­se­re Pflicht, das The­ma von al­len Sei­ten zu be­leuch­ten. Die meis­ten von uns ha­ben viel zu we­nig Be­zug zu Le­bens­mit­teln, wir wis­sen zu we­nig dar­über, wo­her sie kom­men und wie sie pro­du­ziert wur­den. Mit Vor­ur­tei­len sind wir aber schnell–und ma­chen­den Land­wir­ten die Ar­beit schwer. Denn ei­ner­seits ver­lan­gen wir, dass Fleisch bil­lig sein soll. Zugleich aber sol­len die Tie­re frei und fröh­lich auf Wie­sen her­um­hüp­fen. So geht sich das rech­ne­risch lei­der nicht aus: Wenn wir uns da­für ent­schei­den, dass Fleisch bei uns auf dem Tel­ler lan­det, dann soll­ten wir auch be­reit sein, da­für tie­fer in die Ta­sche zu grei­fen. Fleisch wächst eben nicht va­ku­um ver­schweißt auf Bäumen. Wer Tier wohl ver­langt, darf nicht bil­lig ein­kau­fen. Wir ver­su­chen mit die­sem Ma­ga­zin, al­le Facetten rund um die­ses Nah­rungs­mit­tel auf­zu­zei­gen: Wir ha­ben In­ter­views mit Wis­sen­schaft­lern ge­führt, Pro­du­zen­ten be­sucht, aber auch vie­le Kö­che be­fragt, wie sie Rind, Lamm, Ge­flü­gel, Schwein oder Wild zu­be­rei­ten. Denn wenn wir uns da­für ent­schei­den, Fleisch zu essen, dann soll­te der Ge­nuss im Vor­der­grund ste­hen. In die­sem Sin­ne wün­sche ich Ih­nen ei­ne in­ter­es­san­te Lek­tü­re. Ih­re An­ja Ge­re­vi­ni

IMPRESSUM: Me­di­en­in­ha­ber: KURIER Zei­tungs­ver­lag und Dru­cke­rei Ges.m.b.H., Leo­pold-Un­gar-Platz 1, 1190 Wien; Her­aus­ge­ber und Chef­re­dak­teur: Dr. Hel­mut Brand­stät­ter; Re­dak­ti­ons­lei­tung: An­ja Ge­re­vi­ni; Re­dak­ti­on: Mag. Be­lin­da Fie­bi­ger (stv. Lei­tung), Mag. Dor

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