Un­ter­schätz­te Ge­fahr

Ma­sern sind kei­ne harm­lo­se Kin­der­krank­heit. Imp­fen schützt

KURIER_IMPFEN - - Inhaltsverzeichnis -

1von 1000 bis 2000. Das ist die Sterb­lich­keits­ra­te bei Ma­sern – und zwar auch in den hoch­in­dus­tria­li­sier­ten Län­dern mit gu­ter Ge­sund­heits­vor­sor­ge. In Ent­wick­lungs­län­dern ist die hoch­an­ste­cken­de Vi­rus­krank­heit noch im­mer die fünft­häu­figs­te To­des­ur­sa­che bei Kin­dern un­ter fünf Jah­ren. Zwar gibt es seit rund 50 Jah­ren ei­ne Imp­fung ge­gen Ma­sern, auf­grund der zu ge­rin­gen Dur­ch­imp­fungs­ra­te kommt es seit 2010 aber wie­der ver­mehrt zu Aus­brü­chen der In­fek­ti­ons­krank­heit in We­st­eu­ro­pa.

Das Image als harm­lo­se Kin­der­krank­heit ist ein ge­fähr­li­cher Irr­tum. We­nig be­kannt ist auch, dass ei­ne Ma­sern­in­fek­ti­on zu gra­vie­ren­den Kom­pli­ka­tio­nen füh­ren kann. In sel­te­nen Fäl­len kann es noch Jah­re nach ei­ner Infektion zu ei­ner schlei­chen­den Ge­hirn­ent­zün­dung kom­men. Me­di­zi­ner be­zeich­nen die­se Spät­fol­ge als „sub­aku­te skle­ro­sie­ren­de Pa­nen­ze­pha­li­tis“oder kurz SSPE. Die­se Er­kran­kung wird durch das Ma­sern­vi­rus aus­ge­löst, ist nicht be­han­del­bar und führt zum lang­sa­men geis­ti­gen Ab­bau mit To­des­fol­ge.

RI­SI­KO FÜR SSPE. Das Ri­si­ko für SSPE wur­de lan­ge Zeit un­ter­schätzt. Die Wis­sen­schaft nahm an, dass es bei we­ni­ger als ei­ner von 100.000 Ma­sern­in­fek­tio­nen aus­bricht. Zu­min­dest bei den un­ter Fünf­jäh­ri­gen in Deutsch­land war das Ri­si­ko, nach ei­ner Ma­sern­in­fek­ti­on an SSPE zu er­kran­ken, je­doch deut­lich hö­her.

In ei­ner Stu­die, die al­le in Deutsch­land be­stä­tig­ten SSPE-FÄL­LE aus den Jah­ren 2003 bis 2009 ge­sam­melt und aus­ge­wer­tet hat, be­kam ei­nes von 1700 bis zu ei­nem von 3300 der un­ter fünf­jäh­ri­gen an Ma­sern er­krank­ten Kin­der spä­ter SSPE. Im Durch­schnitt trat die un­be­han­del­ba­re Ent­zün­dung des Ge­hirns acht Jah­re nach der Ma­sern­in­fek­ti­on auf, wel­che die be­trof­fe­nen Kin­der meist im Al­ter von ei­nem Jahr be­kom­men hat­ten. Zum Zeit­punkt der Masernerkrankung war kei­nes der spä­ter von SSPE be­trof­fe­nen Kin­der ge­impft.

Bei der letz­ten gro­ßen Ma­ser­ne­pi­de­mie in Ös­ter­reich Mit­te der 1990er Jah­re kam es laut An­ga­ben des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums zu ge­schätz­ten 28.000 bis 30.000 In­fek­tio­nen. In der Fol­ge er­krank­ten 16 Kin­der an der töd­lich ver­lau­fen­den Ge­hirn­ent­zün­dung.

DAS RI­SI­KO SEN­KEN. Die Wahr­schein­lich­keit, im spä­te­ren Le­ben an SSPE zu er­kran­ken, ist um­so hö­her, je frü­her sich ein Kind mit Ma­sern in­fi­ziert. Da­bei greift das Vi­rus durch­schnitt­lich bis zu zehn Jah­re nach der Erst­in­fek­ti­on Ner­ven­zel­len im Ge­hirn an und führt im Lau­fe von Mo­na­ten bis Jah­ren zu Ver­hal­tens­än­de­run­gen, De­menz und schließ­lich zum Tod. Ei­ne Imp­fung schützt nicht nur vor dem aku­ten Aus­bruch der Kin­der­krank­heit, son­dern ver­rin­gert auch deut­lich das Ri­si­ko für SSPE. In Län­dern mit ho­her Dur­ch­imp­fungs­ra­te sank sie­ben Jah­re spä­ter auch das Ri­si­ko für die als Lang­zeit­fol­ge auf­tre­ten­de Ge­hirn­ent­zün­dung um 82 bis 96 Pro­zent. Das er­gab ei­ne von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) in Auf­trag ge­ge­be­ne Über­sichts­ar­beit.

KOMBINATIONSIMPFSTOFF. Zur Imp­fung ge­gen Ma­sern gibt es in Ös­ter­reich ei­nen Kombinationsimpfstoff, der auch noch ge­gen Rö­teln und Mumps (Mmr-imp­fung) so­wie Wind­po­cken (Feucht­blat­tern oder Va­ri­cel­len, Mm­rv­imp­fung) schützt. Ge­impft wer­den kann ab dem elf­ten Le­bens­mo­nat, jün­ge­re Kin­der sind ent­spre­chend durch ei­ne An­ste­ckung ge­fähr­det und könn­ten nur da­durch ge­schützt wer­den, dass al­le Men­schen in ih­rer Um­ge­bung ge­impft sind (Her­den­schutz). Ei­ne Imp­fung ver­hin­dert ei­ne Masernerkrankung in 19 von 20 Fäl­len.

Um den Impf­schutz zu er­hö­hen, sind zwei Teilimp­fun­gen in ei­nem Ab­stand von min­des­tens ei­nem Mo­nat rat­sam.

Nach An­ga­ben des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums sind je­doch nur sie­ben von zehn Kin­dern nach Ab­schluss des zwei­ten Le­bens­jah­res ge­gen Ma­sern im­mu­ni­siert.

NE­BEN­WIR­KUN­GEN. Die Mmr-imp­fung kann bei fünf bis 15 von 100 Ge­impf­ten Fie­ber ver­ur­sa­chen. Bei et­wa fünf von 100 löst sie ei­nen vor­über­ge­hen­den Haut­aus­schlag („Impf­ma­sern“) aus. Mög­lich sind auch Blut­plätt­chen­ar­mut (Throm­bo­zy­to­penie) so­wie, in sel­te­nen Fäl­len, durch Fie­ber ver­ur­sach­te ein­ma­li­ge epi­lep­ti­sche An­fäl­le kurz nach der Imp­fung, die aber kei­ne Spät­fol­gen ha­ben. In Sum­me über­wie­gen die Vor­tei­le der Imp­fung die Ne­ben­wir­kun­gen deut­lich, wie ei­ne sys­te­ma­ti­sche Über­sichts­ar­beit der Coch­ra­ne Col­la­bo­ra­ti­on zeigt.

Die Au­to­ren die­ser Über­sichts­ar­beit un­ter­such­ten auch die po­ten­zi­el­len Ri­si­ken der Mmr-imp­fung be­züg­lich Au­tis­mus, Asth­ma, Leuk­ämie, Pol­len­all­er­gie, Typ-1dia­be­tes, Gang­stö­run­gen, Mor­bus Crohn, De­mye­li­ni­sie­ren­den Er­kran­kun­gen wie Mul­ti­pler Sk­le­ro­se so­wie bak­te­ri­el­len oder vi­ra­len In­fek­tio­nen. Für kei­ne die­ser Krank­hei­ten konn­ten sie ein er­höh­tes Ri­si­ko fest­stel­len.

In sel­te­nen Fäl­len kann es noch Jah­re nach ei­ner Infektion zu ei­ner schlei­chen­den Ge­hirn­ent­zün­dung kom­men.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.