Ge­fähr­li­che Kin­der­krank­hei­ten

Un­ge­schützt be­deu­ten sie im Al­ter ein ho­hes Ri­si­ko

KURIER_IMPFEN - - Inhaltsverzeichnis - – WER­NER STURMBERGER

Mumps, Ma­sern, Rö­teln und Wind­po­cken sind doch nur Kin­der­krank­hei­ten! Das stimmt im­mer sel­te­ner. Die Kin­der­krank­hei­ten wer­den zu­neh­mend er­wach­se­ner. Auf­grund feh­len­der Imp­fun­gen nimmt ih­re An­zahl im Er­wach­se­nen­al­ter zu. Klas­si­sche Kin­der­krank­hei­ten wie Ma­sern und Keuch­hus­ten be­tref­fen mitt­ler­wei­le be­reits über­wie­gend Ju­gend­li­che und Er­wach­se­ne. Auch das Al­ter der Mumps-pa­ti­en­ten steigt ste­tig an.

Kin­der­krank­hei­ten wer­den nicht des­halb so be­zeich­net,

weil sie un­ge­fähr­lich wä­ren. Viel­mehr han­delt es sich da­bei um der­art hoch­an­ste­cken­de Er­re­ger, dass ei­ne Er­kran­kung häu­fig be­reits sehr früh er­folgt. „Kin­der ver­fü­gen über ein sehr gu­tes Im­mun­sys­tem. Der Krank­heits­ver­lauf ist da­her in den meis­ten Fäl­len kom­pli­ka­ti­ons­frei. Je äl­ter die Pa­ti­en­ten aber sind, des­to schwe­rer ist der Krank­heits­ver­lauf. Bei Ma­sern zum Bei­spiel tre­ten bei Nicht­ge­impf­ten, die spä­ter in­fi­ziert wer­den, deut­lich häu­fi­ger Kom­pli­ka­tio­nen auf“, er­klärt Wer­ner Zenz, Lei­ter der For­schungs­ein­heit für In­fek­tio­lo­gie und Vak­zi­no­lo­gie an der Me­du­ni Graz.

IM­MUN­AB­WEHR NIMMT AB. War­um die Im­mun­ab­wehr im Al­ter ab­nimmt, ist noch weit­ge­hend un­klar. Das Im­mun­sys­tem be­dient sich zur Ab­wehr von Er­kran­kun­gen ei­ner Bi­b­lio­thek von An­ti­kör­pern, in der all je­ne An­ti­kör­per ge­spei­chert sind, die sich im Kampf ge­gen Er­kran­kun­gen als er­folg­reich er­wie­sen ha­ben. Bei Kin­dern ist die­se Bi­b­lio­thek al­ler­dings noch recht klein. Die meis­ten An­ti­kör­per müs­sen erst ge­bil­det wer­den. Das kind­li­che Im­mun­sys­tem lernt aber schnell. Durch im All­tag auf­tre­ten­de Er­re­ger, aber auch durch Imp­fun­gen nimmt die Band­brei­te der An­ti­kör­per ste­tig zu.

Im fort­schrei­ten­den Al­ter scheint sich die Bil­dung neu­er An­ti­kör­per aber zu ver­lang­sa­men, man­che ge­hen auch all­mäh­lich ver­lo­ren. Das Im­mun­sys­tem greift über­wie­gend auf be­reits be­kann­te An­ti­kör­per zu­rück. Die­se sind aber nicht im­mer op­ti­mal an neue Er­re­ger an­ge­passt und da­her we­ni­ger ef­fek­tiv.

Die in­ten­si­ve For­schung im Be­reich der mensch­li­chen Im­mun­ab­wehr hat in den letz­ten Jah­ren vor al­lem ei­nes ge­zeigt: Das men­sch­li­che Im­mun­sys­tem ist un­glaub­lich kom­plex und vie­le Vor­stel­lun­gen über die Funk­ti­ons­wei­se des Im­mun­sys­tems sind über­holt. „Es glau­ben aber noch im­mer Men­schen, das Durch­ma­chen der Ma­sern sei ge­sund und schüt­ze vor Au­to­im­mun­er­kran­kun­gen wie Asth­ma. Da­bei ist das Ge­gen­teil der Fall“, so Zenz.

UN­TER­SCHÄTZ­TE MA­SERN. Das Im­mun­sys­tem ver­fügt über vie­le un­ter­schied­li­che Ab­wehr­zel­len. Ein­zel­ne Zell­ar­ten wer­den durch die Ma­sern de­zi­miert – man­che da­von auf Dau­er. In­fol­ge ei­ner Er­kran­kung lässt sich ei­ne meh­re­re Jah­re an­hal­ten­de Schwä­chung des Im­mun­sys­tems be­ob­ach­ten und da­mit ver­bun­den ein er­höh­tes Ri­si­ko, an an­de­ren In­fek­ti­ons­krank­hei­ten zu er­kran­ken.

Laut WHO kam es im Jahr 2014 welt­weit zu 114.900 To­des­fäl­len durch Ma­sern. Welt­weit sind Ma­sern noch im­mer die Haupt­to­des­ur­sa­che von durch Imp­fung ver­meid­ba­ren Er­kran­kun­gen bei Kin­dern. Impf­pro­gram­me ha­ben laut Schät­zun­gen zwi­schen 2000 und 2014 den Tod von 17 Mil­lio­nen Men­schen ver­hin­dert.

Selbst in den In­dus­trie­staa­ten ver­stirbt nach wie vor ei­ner von tau­send Pa­ti­en­ten. Bei ei­nem bis zwei un­ter tau­send Ma­sern­fäl­len tritt als Fol­ge ei­ne Ge­hirn­haut­ent­zün­dung auf. Ein Vier­tel die­ser Fäl­le ver­lau­fen töd­lich, ein Drit­tel der Über­le­ben­den trägt schwe­re Fol­ge­schä­den da­von. Dar­über hin­aus kön­nen Ma­sern zu ei­ner Luft­röh­ren- und Kehl­kop­fin­fek­ti­on so­wie zu Lun­gen­und Mit­tel­ohr­ent­zün­dung füh­ren.

Auch Mumps ver­läuft bei Ju­gend­li­chen und Er­wach­se­nen schwe­rer als bei Kin­dern. Die Krank­heits­schü­be kön­nen von ge­fähr­li­chen Kom­pli­ka­tio­nen wie Ent­zün­dun­gen des Ho­dens (die zur Un­frucht­bar­keit füh­ren kön­nen), der Bauch­spei­chel­drü­se und der Ge­hirn­haut be­glei­tet wer­den. In man­chen Fäl­len kann die Er­kran­kung zu Taub­heit füh­ren.

SCHUTZ DURCH IMP­FUNG. Grund für das Wie­der­auf­kom­men der Kin­der­krank­hei­ten ist die sin­ken­de Dur­ch­imp­fungs­ra­te der Be­völ­ke­rung. Ein „zwei­fel­haf­ter Er­folg“ von Impfskep­ti­kern, wie Zenz an­merkt: „Die An­zahl der Ma­sern­er­kran­kun­gen in Ös­ter­reich ist wie­der sprung­haft an­ge­stie­gen.

Im ab­ge­lau­fe­nen Jahr wur­den 309 Fäl­le ver­zeich­net. Von ei­ner 95-pro­zen­ti­gen Dur­ch­imp­fungs­ra­te, die die Aus­rot­tung der Ma­sern er­mög­li­chen wür­de, sind wir lei­der noch weit ent­fernt“, so der Ex­per­te. Ein­zel­ne Krank­heits­aus­brü­che las­sen sich da­bei manch­mal lü­cken­los von ei­ner un­ge­impf­ten Per­son zur

„Bei Ma­sern, zum Bei­spiel, tre­ten bei Nicht-ge­impf­ten, die spä­ter in­fi­ziert wer­den, deut­lich häu­fi­ger Kom­pli­ka­tio­nen auf.“ Wer­ner Zenz ist Lei­ter der For­schungs­ein­heit für In­fek­tio­lo­gie und Vak­zi­no­lo­gie an der Me­du­ni Graz

nächs­ten ver­fol­gen.

Die Imp­fung ge­gen die­se Kin­der­krank­hei­ten schützt da­bei nicht nur ei­nen selbst, son­dern auch an­de­re. Wer ge­impft ist, kann die­se Krank­hei­ten nicht über­tra­gen. Vor al­lem für Schwan­ge­re, Neu­ge­bo­re­ne (die Ma­sern-imp­fung kann frü­hes­tens mit neun Mo­na­ten er­fol­gen) und im­mun­ge­schwäch­te Men­schen stel­len die­se ver­meid­ba­ren Krank­hei­ten ein enor­mes, teil­wei­se so­gar le­bens­be­droh­li­ches Ge­sund­heits­ri­si­ko dar.

Wer nicht si­cher ist, ob er ge­gen sol­che Kin­der­krank­hei­ten ge­impft ist bzw. die­se schon durch­ge­macht hat: Im Fall von Mumps, Ma­sern und Rö­teln ist die nach­träg­li­che Imp­fung bis zum Al­ter von 45 Jah­ren kos­ten­frei.

„Die An­zahl der Ma­sern­er­kran­kun­gen in Ös­ter­reich ist wie­der sprung­haft an­ge­stie­gen. Im ab­ge­lau­fe­nen Jahr wur­den 309 Fäl­le ver­zeich­net.“ Wer­ner Zenz ist Lei­ter der For­schungs­ein­heit für In­fek­tio­lo­gie und Vak­zi­no­lo­gie an der Me­du­ni Graz

Keuch­hus­ten im Er­wach­se­nen-al­ter nimmt zu. Wird er mit ei­nem nor­ma­len Hus­ten ver­wech­selt und bleibt un­be­han­delt, wird es ge­fähr­lich

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