Der gro­ße Streit um ei­nen klei­nen Pieks

Impfskep­ti­ker und Impf­be­für­wor­ter dis­ku­tie­ren

KURIER_IMPFEN - - Inhaltsverzeichnis - – MO­NI­KA DLUGOKECKI

Arzt­be­such – Zeit für Imp­fun­gen“– mit die­sen Wor­ten kom­men­tier­te Face­book-grün­der Mark Zu­cker berg jüngs­te in fo­to, das ihn mit sei­ner klei­nen Toch­ter zeigt. Mehr hat es nicht ge­braucht, um ei­ne Impf­de­bat­te im Netz aus­zu­lö­sen. Das Pos­ting hat seit­her knapp 3,5 Mio. Li­kes und über 79.000 Kom­men­ta­re er­hal­ten. Vie­le da­von dre­hen sich um die an­geb­li­chen Ge­fah­ren des Imp­fens.

IMP­FEN, JA ODER NEIN. Kein an­de­res The­ma wird so hef­tig dis­ku­tiert wie die­ses. Die Zah­len zei­gen, dass die Ös­ter­rei­cher im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich eher impf­mü­de sind. So sind hier­zu­lan­de rund zehn Pro­zent ge­gen Influenza ge­impft, in Skan­di­na­vi­en liegt die Ra­te bei 80 Pro­zent. Bei Ma­sern et­wa gab es in der Ver­gan­gen­heit Jahr­gän­ge, bei de­nen nur 75 Pro­zent der zwei­jäh­ri­gen Kin­der mit zwei Do­sen ge­impft wa­ren. Oft fehlt die zwei­te Teilimp­fung, um die Impflü­cken ge­gen Ma­sern zu schlie­ßen. Laut ei­ner Stu­die der Karl Land-

st­ei­ner Ge­sell­schaft (KLG) ga­ben et­wa 30 Pro­zent der El­tern an, Imp­fun­gen skep­tisch ge­gen­über zu ste­hen. „Vier Pro­zent sind Impf­geg­ner“, so Pa­me­la Ren­di-wa­gner vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ge­sund­heit.

NE­BEN­WIR­KUN­GEN. Doch wo­her stammt die­se Skep­sis? Wolf­gang Bio­che­mi­ker und Fach­arzt für La­bord­ia­gnos­tik, hat fol­gen­de Er­klä­rung da­für: „Je­der in­for­miert sich heut­zu­ta­ge im In­ter­net und liest nur über ver­meint­li­che Impf­schä­den. Da­bei weiß kei­ner, dass jähr­lich mehr Men­schen an Influenza ster­ben als im Stra­ßen­ver­kehr. Zu­dem kennt nie­mand mehr ein Kind mit Ma­sern, da rückt die Er­kran­kung in den Hintergrund und die Ne­ben­wir­kun­gen in den Vor­der­grund. Dar­um wer­den leich­te Schmer­zen, Schwel­lun­gen oder Rö­tun­gen nach Imp­fun­gen im­mer dra­ma­ti­siert“, sagt Mau­rer.

„Man nimmt of­fen­bar ge­wis­se Krank­hei­ten nicht mehr als Ri­si­ko wahr, weil sie schein­bar aus un­se­rer Wahr­neh­mung ver­schwun­den sind, dem ist je­doch nicht so – das Ri­si­ko wird falsch ein­ge­schätzt“, sagt auch Ren­di-wa­gner.

Kin­der­arzt Rein­hard Mit­ter sieht das Pro­blem vor al­lem in der feh­len­den Auf­klä­rung durch Ärz­te. „Die Fra­gen der El­tern wer­den zum Teil nicht ent­spre­chend ge­wür­digt. Vie­le fra­gen sich dann, war­um sie ihr Kind mög­li­chen Ne­ben­wir­kun­gen aus­set­zen sol­len“, sagt er.

Aber – so be­to­nen Ex­per­ten – es müs­se zwi­schen Impfreaktionen und Ne­ben­wir­kun­gen un­ter­schie­den wer­den. „Leich­te Schmer­zen an der In­jek­ti­ons­stel­le sind nor­mal. Beim Mmr-le­ben­dimpf­stoff tritt bei fünf bis zehn Pro­zent ei­ne kom­pli­ka­ti­ons­los ver­lau­fen­de Imi­ta­ti­on der Krank­heit auf, die als Impf­krank­heit be­zeich­net wird“, sagt Mau­rer. Ren­di­wag­ner hält fest: „Al­le un­er­war­te­ten Ne­ben­wir­kun­gen müs­sen an das Bun­des­amt für Si­cher­heit im Ge­sund­heits­we­sen ge­mel­det wer­den – auch Impf­lin­ge ha­ben die Mög­lich­keit, zu mel­den.“

DAS IM­MUN­SYS­TEM RE­AGIERT. Rund 44 Pro­zent der El­tern nen­nen auch die Schwä­chung des Im­mun­sys­tems als Ge­gen­ar­gu­ment. Vie­le sind der Mei­nung, es sei wich­ti­ger für den Kör­per, ei­ne Krank­heit zu­zu­las­sen, um die­sen zu stär­ken. Doch wie se­hen das die Me­di­zi­ner?

„Im­mun- und Ner­ven­sys­tem sind im ers­ten Le­bens­jahr für Impf­rung“, ne­ben­wir­kun­gen emp­find­li­cher, weil bei­des erst in Ent­wick­lung ist“, so Mit­ter. Nach An­sicht von Mau­rer gibt es kei­ner­lei Be­den­ken bei ge­sun­den Kin­dern. „Die 6-fach­imp­fung stellt für ein ge­sun­des Ba­by kein Pro­blem dar, denn Neu­ge­bo­re­ne wer­den vom ers­ten Tag an mit Tau­sen­den An­ti­ge­nen be­las­tet. Ei­ne Infektion mit ei­nem ein­zi­gen Bak­te­ri­um, das das Ba­by leicht ir­gend­wo auf­schnappt, kon­fron­tiert den Kör­per mit rund 3000 An­ti­ge­nen. Al­le Imp­fun­gen des Impf­plans zu­sam­men ent­hal­ten 200 An­ti­ge­ne. Wenn ein Kind sich auf dem Spiel­platz ei­ne of­fe­ne Wun­de zu­zieht, kommt es mit rund 110 Mil­lio­nen An­ti­ge­nen in Be­rüh­mau­rer, so Mau­rer. Und war­um gleich ei­ne 6-fach-imp­fung? „Ba­bys sind kein Na­del­kis­sen. Frü­her wur­den die Imp­fun­gen ein­zeln ver­ab­reicht, heu­te sind sie zu­sam­men­ge­fasst“, er­klärt Mau­rer. Und auch Mit­ter sagt: „Man will die Kin­der eben so früh wie mög­lich vor die­sen Er­kran­kun­gen schüt­zen. Wenn die Imp­fun­gen spä­ter statt­fin­den wür­den, wä­re der Her­den­schutz in­fra­ge ge­stellt.“

ALU­MI­NI­UM UND THIO­MER­SAL. Ein wei­te­rer Kri­tik­punkt der Impfskep­ti­ker ist die an­geb­li­che Ge­fahr, die von den in Imp­fun­gen ent­hal­te­nen In­halts­stof­fen Alu­mi­ni­um und Thio­mer­sal aus­geht. „Thio­mer­sal wird nicht mehr ein­ge­setzt, aber Alu­mi­ni­um ist ein po­ten­ter Schad­stoff“, so Mit­ter. Mau­rer kon­tert: „Wir neh­men täg­lich Alu­mi­ni­um durch die Nah­rung auf, be­hörd­li­che To­xi­ko­lo­gen der EU se­hen die Men­gen, die

„Die Fra­gen der El­tern wer­den zum Teil nicht ent­spre­chend ge­wür­digt. Vie­le fra­gen sich dann, war­um sie ihr Kind mög­li­chen Ne­ben­wir­kun­gen aus­set­zen sol­len.“

Kin­der­arzt Rein­hard Mit­ter „Je­der in­for­miert sich heut­zu­ta­ge im In­ter­net und liest nur über ver­meint­li­che Impf­schä­den. Da­bei weiß kei­ner, dass jähr­lich mehr Men­schen an Influenza ster­ben als im Stra­ßen­ver­kehr.“

Wolf­gang Mau­rer, Bio­che­mi­ker und Fach­arzt für La­bord­ia­gnos­tik

in Impf­stof­fen ent­hal­ten sind, als ak­zep­ta­bel an. Ein Ri­si­ko ei­ner Alu­mi­ni­um­ver­gif­tung durch Imp­fun­gen ist nicht ge­ge­ben.“Da müs­se man aber laut Mit­ter zwi­schen der ora­len und in­ji­zier­ten Auf­nah­me un­ter­schei­den.

DIE RISIKOGRUPPEN. Bei ei­nem Punkt sind sich aber al­le Me­di­zi­ner ei­nig: Es gibt Risikogruppen, bei de­nen Vor­sicht ge­bo­ten ist. So dür­fen Schwan­ge­re nicht mit Le­ben­dimpf­stof­fen ge­impft wer­den. Tot­impf­stof­fe, z.b. ge­gen Influenza, stel­len hin­ge­gen kein Pro­blem dar. Auch Kin­der mit aku­ten In­fek­tio­nen soll­ten nicht ge­impft wer­den. Ge­ne­rell rät Mit­ter: „Information soll­te vor Dis­kus­si­on ste­hen, Auf­klä­rung vor Angst­ma­che.“Auch Ren­di-wa­gner sieht ge­ziel­te Auf­klä­rung als wich­ti­gen Punkt an: „Die Men­schen soll­ten ge­mein­sam mit ih­rem Arzt ei­ne in­for­mier­te Ent­schei­dung tref­fen, die auf wis­sen­schaft­lich be­leg­ten Fak­ten ba­siert.“

MA­SERN ELIMINIEREN. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) hat sich zum Ziel ge­setzt, die Ma­sern bis 2020 welt­weit zu eliminieren. Da­für ist in der Be­völ­ke­rung al­ler­dings ei­ne Dur­ch­imp­fung von min­des­tens 95 Pro­zent al­ler Kin­der un­ter zwei Jah­ren mit zwei Mmr-imp­fun­gen nö­tig.

Mark Zu­cker­berg hat mit der Imp­fung sei­ner Toch­ter ei­nen klei­nen Teil da­zu bei­ge­tra­gen und ei­ne Dis­kus­si­on aus­ge­löst, die wohl nicht so schnell auf hö­ren wird.

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