Impf­stof­fe der Zu­kunft

An wel­chen neu­en Stof­fen und Impf­me­tho­den ge­forscht wird

KURIER_IMPFEN - - Inhaltsverzeichnis - – MO­NI­KA DLUGOKECKI

Bei Impf­stof­fen ist das Arz­nei­mit­tel­ge­setz noch stren­ger als bei Me­di­ka­men­ten: So er­fol­gen in je­dem La­bor und Un­ter­neh­men ge­naue Kon­trol­len des Pro­duk­ti­ons­ab­laufs und so­gar bei ei­nem be­reits zu­ge­las­se­nen Prä­pa­rat wer­den die ein­zel­nen Pro­duk­ti­ons­schrit­te noch­mals über­prüft. Die­se Vor­gangs­wei­se soll ga­ran­tie­ren, dass Feh­ler bei der Impf­stoff­her­stel­lung prak­tisch un­mög­lich sind.

NEUE ADJUVANTIEN. Kein Wun­der al­so, dass die An­for­de­run­gen an mo­der­ne Impf­stof­fe ex­trem hoch sind: Zu­ver­läs­si­ger Schutz bei gleich­zei­tig gu­ter Si­cher­heit und Ver­träg­lich­keit sind ge­for­dert. Durch neu­ar­ti­ge Tech­no­lo­gi­en und den Ein­satz ge­eig­ne­ter Hilfs­stof­fe (so ge­nann­ter Adjuvantien) las­sen sich Impf­stof­fe op­ti­mie­ren und ge­zielt an die je­wei­li­gen Be­dürf­nis­se an­pas­sen. Die­se neu­en Adjuvantien dürf­ten in Zu­kunft dort wirk­sa­me Imp­fun­gen er­mög­li­chen, wo äl­te­re Impf­stoff-her­stel­ler bis­her ge­schei­tert sind. Zu­dem kön­nen sie be­wir­ken, dass der Impf­schutz län­ger hält und auch bei Pa­ti­en­ten mit schwa­chem Im­mun­sys­tem an­ge­wen­det wer­den kann.

DNA-IM­MU­NI­SIE­RUNG. Auch die ge­ne­ti­sche Im­mu­ni­sie­rung – oder Dna-im­mu­ni­sie­rung – spielt ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Ent­wick­lung neu­er Impf­stof­fe. Die­se Me­tho­de gilt als scho­nend und eig­net sich zugleich, An­ti­kör­per zu pro­du­zie­ren. Durch das Ver­ab­rei­chen von ge­ne­ti­schen Vak­zi­nen soll ei­ne Im­mun­ant­wort des Or­ga­nis­mus er­reicht wer­den. Vor al­lem für die Be­hand­lung von All­er­gi­en und Krebs­er­kran­kun­gen spielt die ge­ne­ti­sche Im­mu­ni­sie­rung in der For­schung ei­ne gro­ße Be­deu­tung.

In Tier­ver­su­chen ge­lang es schon, mit­hil­fe von Dna-impf­stof­fen die In­fekt­ab­wehr des Im­mun­sys­tems an­zu­re­gen und das Ent­ste­hen von All­er­gi­en zu ver­rin­gern. Die­se Dna-vak­zi­ne sei­en zu­dem bil­lig in der Her­stel­lung, pro­blem­los zu trans­por­tie­ren und wi­der­stands­fä­hig.

And­rew Pol­lard ist Vor­sit­zen­der des eng­li­schen Impf­gre­mi­ums Jo­int Com­mit­tee of Vac­ci­na­ti­on and Im­mu­ni­sa­ti­on (JCVI) und Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät in Ox­ford. Dort lei­tet er ei­ne un­ab­hän­gi­ge und mul­ti­dis­zi­pli­nä­re For­schungs­grup­pe am tro­pen­me­di­zi­ni­schen In­sti­tut. Ziel ist die Ent­wick­lung neu­er und ver­bes­ser­ter Impf­stof­fe zur Vor­beu­gung von In­fek­tio­nen bei Er­wach­se­nen und Kin­dern.

Im In­ter­view spricht der Ex­per­te über die Zu­kunft der Impf­for­schung, wo es noch Lü­cken gibt, an wel­chen neu­en Ap­pli­ka­ti­ons­for­men ge­ar­bei­tet wird und ob man bald auf ei­ne na­del­freie Imp­fung hof­fen darf.

Wie sieht die Zu­kunft der Impf­for­schung aus?

And­rew Pol­lard: Im Vor­der­grund steht die Ent­wick­lung neu­er Impf­stof­fe, die die Ge­sund­heit in Eu­ro­pa ver­bes­sern. Wie zum Bei­spiel ge­gen das Rsv-vi­rus, das Bron­chio­li­tis aus­löst. Da­bei han­delt es sich um ei­ne Ent­zün­dung der kleins­ten, knor­pel­lo­sen Bron­chi­en, die be­son­ders klei­ne Kin­der be­trifft. Die­se Krank­heit ist ei­ne der Haupt­ur­sa­chen von Krank­haus­auf­ent­hal­ten bei Ba­bys. Ein wei­te­rer Fo­kus liegt bei der Ent­wick­lung ei­ner Imp­fung ge­gen Strep­to­kok­ken der Grup­pe B. Da­bei han­delt es sich um ei­nen Vi­rus, der Me­nin­gi­tis bei Neu­ge­bo­re­nen aus­löst. Es gibt auch vie­le Impf­stof­fe, die vor­wie­gend in der Drit­ten Welt drin­gend be­nö­tigt wer­den, wie et­wa ge­gen den Zi­ka­vi­rus oder Ebo­la.

Wel­che Krank­hei­ten könn­ten künf­tig durch Imp­fun­gen eli­mi­niert wer­den?

Es wird ge­ra­de in­ten­siv dar­an ge­ar­bei­tet, die Po­lio und Ma­sern zu eliminieren.

Wel­che Rol­le spielt DNA bei der Ent­wick­lung neu­er Impf­stof­fe?

Das Ana­ly­sie­ren der DNA von Bak­te­ri­en und Vi­ren ist zur­zeit ein wich­ti­ger Teil der For­schung, um be­stim­men zu kön­nen, wie ein neu­er Impf­stoff her­ge­stellt wird. Da­bei han­delt es sich um das Erb­gut der Er­re­ger, durch die das Ab­wehr­sys­tem ak­ti­viert wer­den soll. Es geht al­so um das Wis­sen über al­le Pro­te­ine, die der Keim pro­du­ziert.

Wo liegt denn Ih­rer Mei­nung nach noch Ver­bes­se­rungs­po­ten­ti­al bei Impf­stof­fen?

Wir müs­sen un­se­re Fä­hig­keit ver­bes­sern, Impf­stof­fe schnel­ler ge­gen le­bens­be­droh­li­che Epi­de­mi­en zu ent­wi­ckeln, vor al­lem ge­gen neu auf­tre­ten­de Vi­ren, die un­er­war­tet auf­tre­ten, wie zum Bei­spiel das „Schwe­re Aku­te Re­spi­ra­to­ri­sche Syn­drom“(SARS), ei­ne In­fek­ti­ons­krank­heit, die mit plötz­lich auf­tre­ten­dem ho­hen Fie­ber, Atem­be­schwer­den, Hei­ser­keit, Hus­ten, Hals­schmer­zen und schwe­rem Krank­heits­ge­fühl ein­her­geht. Der Ver­lauf von SARS äh­nelt dem ei­ner so­ge­nann­ten aty­pi­schen Lun­gen­ent­zün­dung. Oder ge­gen die Mer­s­coro­na­vi­ren, ei­ne Infektion der Atem­we­ge.

Was hal­ten Sie von Men­schen, die sich ge­gen Imp­fun­gen aus­spre­chen?

Die meis­ten, die ih­re Kin­der nicht imp­fen las­sen, ha­ben nur er­schwer­ten oder gar kei­nen Zu­griff zu Imp­fun­gen. Es gibt ei­ne sehr klei­ne Grup­pe, die sich ge­gen das Imp­fen aus­spricht und das muss man re­spek­tie­ren. Wenn die Grup­pe der Impfskep­ti­ker aber grö­ßer wird, ist ei­ne Her­den­im­mu­ni­tät nicht ge­ge­ben und vie­le Kin­der mit schwa­chem Im­mun­sys­tem, die nicht ge­impft wer­den kön­nen, wer­den nicht aus­rei­chend ge­schützt sein. Da­mit steigt das Ri­si­ko, dass sich die­se Kin­der mit ge­fähr­li­chen Vi­ren in­fi­zie­ren. Das kann mit­un­ter le­bens­be­droh­lich sein.

Wird es ei­ne na­del­freie Zu­kunft bei Imp­fun­gen ge­ben?

Viel­leicht. Es wird dar­an ge­forscht. Wir ha­ben in man­chen Län­dern be­reits ein Na­sen­spray bei Grip­pe­imp­fun­gen für Kin­der und Ju­gend­li­che bis 18 Jah­re. Aber für die meis­ten Imp­fun­gen sind wir noch lan­ge da­von ent­fernt, die Na­del zu er­set­zen.

„Wir müs­sen un­se­re Fä­hig­keit ver­bes­sern, Impf­stof­fe schnel­ler ge­gen le­bens­be­droh­li­che Epi­de­mi­en zu ent­wi­ckeln.“And­rew Pol­lard, Vor­sit­zen­der des Jo­int Com­mit­tee on Vac­ci­na­ti­on and Im­mu­ni­sa­ti­on (JCVI)

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.