Ver­ges­se­ne Krank­hei­ten

Sinkt der Impf­schutz, ha­ben al­te Pla­gen neue Chan­cen

KURIER_IMPFEN - - Inhaltsverzeichnis - – MAGDALENA MEER­GRAF

Pest, Le­pra, Po­lio­mye­li­tis, Di­ph­te­rie, Tu­ber­ku­lo­se – In­fek­ti­ons­krank­hei­ten, die aus dem kol­lek­ti­ven Be­wusst­sein im eu­ro­päi­schen Raum ver­schwun­den sind. Doch ein Blick auf die Auf­zeich­nun­gen der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) zeigt, dass die­se Seu­chen glo­bal ge­se­hen noch all­ge­gen­wär­tig sind. In den west­li­chen Län­dern wer­den zwar nur spo­ra­di­sche Fäl­le re­gis­triert. Doch: „In un­se­ren Brei­ten ver­ges­se­ne Krank­hei­ten kön­nen durch die zu­neh­men­de Rei­se­freu­dig­keit je­der­zeit wie­der auf­tre­ten. Al­lein mög­lichst ho­he Dur­ch­imp­fungs­ra­ten bil­den ei­nen wirk­sa­men Schutz vor Epi­de­mi­en“, warnt In­go­mar Mutz, Fach­arzt für Kin­der und Ju­gend­heil­kun­de. Angst müs­se man aber nicht ha­ben, so Mutz. Laut Bun­des­mi­nis­te­ri­um sei­en al­le Vor­sichts­maß­nah­men ge­trof­fen. Viel­mehr ge­he es dar­um, Ärz­ten die glo­ba­le Exis­tenz von Krank­hei­ten ins Ge­dächt­nis zu ru­fen. „Sie müs­sen auch ei­nen sel­te­nen Fall er­ken­nen kön­nen und im Fall der Fäl­le da­für ge­rüs­tet sein“, so der Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor, der ei­ni­ge der Seu­chen selbst ge­se­hen hat. Die meis­ten Krank­hei­ten – au­ßer Po­lio­mye­li­tis – sind mit spe­zi­el­len An­ti­bio­ti­ka be­han­del­bar.

DIPH­THE­RIE. Die klas­si­sche Diph­the­rie ist ei­ne schwe­re Infektion, die oh­ne ad­äqua­te The­ra­pie le­tal en­den kann. In den ent­wi­ckel­ten Län­dern ist die In­zi­denz der Er­kran­kung sehr nied­rig. Sie ist aber en­de­misch in vie­len Re­gio­nen der Welt, wie et­wa Fern- und Nah­ost, Süd­ame­ri­ka oder Afri­ka. 2014 wur­den laut WHO welt­weit rund 7000 Fäl­le ge­mel­det. Erst­mals nach über 20 diph­the­riefrei­en Jah­ren wur­de auch in Ös­ter­reich im Mai 2014 ein Fall von Wund­di­ph­te­rie bei ei­nem 16-Jäh­ri­gen aus dem afri­ka­ni­schen Raum dia­gnos­ti­ziert. Ein Fall von im­por­tier­ter Haut­diph­the­rie folg­te im De­zem­ber bei ei­nem 75jäh­ri­ger Ti­ro­ler nach sei­ner Rück­kehr von ei­ner Ma­da­gas­kar-rei­se. Das mel­de­te der Jah­res­be­richt der Na­tio­na­len Re­fe­renz­zen­tra­le für Diph­the­rie. Bei­de er­hiel­ten ei­ne er­folg­rei­che The­ra­pie.

PO­LIO­MYE­LI­TIS. Die WHO er­klär­te den eu­ro­päi­schen Raum im Jah­re 2002 als po­lio­frei. Der letz­te Fall in Ös­ter­reich wur­de 1980 re­gis­triert. Das Ri­si­ko ei­nes Im­por­tes der Kin­der­läh­mung ist laut Eu­ro­pean Cent­re for Di­sea­se Preven­ti­on and Con­trol ge­ring, aber kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Ver­gan­ge­nes Jahr wur­den im Süd­wes­ten der Ukrai­ne zwei Fäl­le von Po­lio Typ 1 bei ei­nem vier­jäh­ri­gen und ei­nem 10 Mo­na­te al­ten Kind be­stä­tigt. „Da­bei han­del­te es sich nicht um den Wild­vi­rus, son­dern um zir­ku­lie­ren­de, von Impf­stof­fen ab­ge­lei­te­te vi­ru­len­te Po­lio­vi­ren“, er­klärt Mutz. Zu­letzt ist Kin­der­läh­mung auch wie­der in Sy­ri­en auf­ge­tre­ten ist, ei­ne Mas­sen­imp­fung konn­ten ei­nen Aus­bruch er­folg­reich ver­mei­den.

Das Schlag­wort heißt Her­den­im­mu­ni­tät: Imp­fun­gen schüt­zen den Ein­zel­nen, gleich­zei­tig aber auch die ge­sam­te Ge­sell­schaft. Durch ei­ne ho­he Dur­ch­imp­fungs­ra­te kön­nen an­ste­cken­de Krank­hei­ten aus­ge­rot­tet wer­den. Dies gilt ne­ben Po­lio und Diph­the­rie auch für Ma­sern und Keuch­hus­ten. Gibt es kei­ne vor­beu­gen­de Imp­fung, ist früh­zei­ti­ges Er­ken­nen das Um und Auf, so Mutz.

PEST. Kaum je­mand weiß, dass die Pest bis heu­te nicht be­siegt ist. Aus­lö­ser der hoch­gra­dig an­ste­cken­den Krank­heit ist das Bak­te­ri­um Yer­si­nia pes­tis, es wird über Flö­he auf den Men­schen über­tra­gen. Im Jahr 2013 wur­den laut WHO welt­weit rund 800 Pest­fäl­le ge­mel­det, 126 da­von star­ben. Die tat­säch­li­che In­zi­denz­ra­te wird auf 1000 bis 2000 ge­schätzt. En­de­misch ist die Krank­heit vor al­lem in Ma­da­gas­kar. Auf­grund der ho­hen Be­völ­ke­rungs­dich­te und des schwa­chen Ge­sund­heits­sys­tems be­steht dort ein Ri­si­ko ei­ner schnel­len Ver­brei­tung. Die WHO führ­te in Fol­ge ei­ne Rei­he von Maß­nah­men zur Ver­mei­dung von wei­te­ren An­ste­ckun­gen ein. Zu­vor gab es schon

„In un­se­ren Brei­ten kön­nen ver­ges­se­ne Krank­hei­ten durch die zu­neh­men­de Rei­se­freu­dig­keit je­der­zeit wie­der auf­tre­ten.“

In­go­mar Mutz, Fach­arzt für Kin­der und Ju­gend­heil­kun­de

Pest­aus­brü­che in der De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go (2006), in Chi­na (2009) und in Pe­ru (2010). Aber auch in den west­li­chen Tei­len der USA wer­den im­mer wie­der Fäl­le re­gis­triert. Im eu­ro­päi­schen Raum sind kei­ne Er­kran­kun­gen be­kannt.

LE­PRA. Le­pra wird von Mensch zu Mensch über­tra­gen, sie be­fällt Haut, Schleim­haut und Ner­ven­zel­len. Die WHO hat heu­er ei­ne neue glo­ba­le Stra­te­gie ins Le­ben ge­ru­fen, um die Le­pra­be­kämp­fung neu zu be­le­ben. Denn die chro­ni­sche In­fek­ti­ons­krank­heit ist noch nicht aus­ge­rot­tet: Im Jahr 2014 wur­den noch über 200.000 Fäl­le ge­zählt. Die meis­ten da­von in In­di­en, Bra­si­li­en und In­do­ne­si­en. En­de­misch ist sie au­ßer­dem noch in der De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go, in Ban­gla­desh, Ni­ge­ria, Ma­da­gas­kar, Äthio­pi­en, Myan­mar, Ne­pal, Ni­ge­ria, den Phil­ip­pi­nen, Sri Lan­ka und der Ver­ei­nig­ten Re­pu­blik Tan­sa­nia.

Doch vie­le be­trof­fe­ne Län­der zei­gen mitt­ler­wei­le Be­stre­bun­gen, die spe­zi­el­le Le­pra-ver­sor­gung in be­ste­hen­de all­ge­mei­ne Ge­sund­heits­diens­te zu in­te­grie­ren. Das ist wich­tig, denn die­se Krank­heit trifft meist oh­ne­hin schonm arg ina­li­sier­te, ar­me Be­völ­ke­rungs­grup­pen.

Glo­ba­li­sie­rung und gren­zen­lo­se Rei­se­lust brin­gen be­siegt ge­glaub­te Krank­hei­ten wie­der in un­se­re Brei­ten­gra­de zu­rück

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