In­di­vi­dua­li­sier­tes Imp­fen

Der maß­ge­schnei­der­te Impf­stoff kommt

KURIER_IMPFEN - - Inhaltsverzeichnis - – MO­NI­KA DLUGOKECKI

Es ist der be­ginn ei­ner neu­en ära: Impf­stof­fe und Impf­stra­te­gi­en sol­len künf­tig ver­mehrt in­di­vi­du­ell auf Risikogruppen ab­ge­stimmt wer­den, da­mit nun auch je­ne Per­so­nen­grup­pen ge­impft wer­den kön­nen, die bis­lang auf­grund ih­res schwa­chen Im­mun­sys­tems eher aus­ge­schlos­sen wa­ren .„ Durch ver­bes­ser­te The­ra­pi­en le­ben die Men­schen mit chro­ni­schen Er­kran­kun­gen län­ger, Früh ge­bo­re­ne ha­ben hö­he­re Über­le­bens­chan­cen. Das heißt aber auch, dass die­se Men­schen ein schwä­che­res Im­mun­sys­tem ha­ben und da­mit ei­ne hö­he­re In­fekt an­fäl­lig­keit. Es ent­steht ei­n­an­der es Be­treu­ungs kol­lek­tiv, da­her wer­den sich die Impf­stra­te­gi­en und auch die Impf­stof­fe selbst ver­än­dern müs­sen “, sagt Ur­su­la Wie­der mann schmidt, wis­sen­schaft­li­che Lei­te­rin des Ös­ter­rei­chi­schen Impf­ta­ges und Lei­te­rin des In­sti­tuts für Spe­zi­fi­sche Pro­phy­la­xe und Tro­pen­me­di­zin der Me­du­ni Wien. Was für vie­le Be­rei­che der Me­di­zin – et­wa in der Krebs­for­schung – längst me­di­zi­ni­scher All­tag ist, führt nun auch im Impf­be­reich zu ei­nem Um­den­ken.

IMMUNPROFILE DE­FI­NIE­REN. Zu­nächst ge­he es dar­um, die Risikogruppen her­aus­zu­fil­tern und die je­wei­li­gen Be­dürf­nis­se zu er­for­schen. „Man geht in­di­vi­dua­li­siert vor, schätzt ab, in was für ei­ner im­mu­no­lo­gi­schen Si­tua­ti­on sich der Pa­ti­ent be­fin­det und in wel­cher Art und Wei­se vor­ge­gan­gen wer­den kann“, so Wie­der­mann-schmidt. Die Mög­lich­kei­ten für in­di­vi­dua­li­sier­te Impf­stra­te­gi­en sind da­bei so viel­fäl­tig wie die Risikogruppen selbst: So wird in­ten­siv nach neu­en Impf­zu­satz­stof­fen (Adjuvantien) ge­forscht – an­ge­passt an das je­wei­li­ge Im­mun­pro­fil des Pa­ti­en­ten. Auch das Impf­sche­ma wird bei Be­darf in­di­vi­du­ell ad­ap­tiert. „Das heißt, dass man mehr Impf­do­sen­ap­p­li ziert, mit ei­nem ge­än­der­ten in­ter­vall, oder die ver­ab­rei­chung s art an­passt “, sagt Wie­der mann- schmidt.

In man­chen Fäl­lenw er­den Imp­fer­folgs­kon trol­len er­for­der­lich sein, um zu über­prü­fen, ob die Vak­zi­na­ti­on auch wirk­lich an­ge­schla­gen hat. „Be­reits in der ge­sun­den Be­völ­ke­rung spre­chen ein bis zehn Pro­zent nicht auf Imp­fun­gen an. Da­her ist an­zu­neh­men, dass bei Risikogruppen die­ser Pro­zent­satz viel hö­her ist“, sagt die Me­di­zi­ne­rin. Um die­se zu iden­ti­fi­zie­ren, sol­len künf­tig im Blut Bio­mar­ker zur Er­ken­nung ge­ne­ti­scher oder im­mu­no­lo­gi­scher Ve­rän­de­run­gen ge­fun­den wer­den, die da­für ver­ant­wort­lich sind, dass je­mand zu ei­nem „Non-re­spon­der“wird.

IMP­FUNG SCHÜTZT AUCH AN­DE­RE.

So weit, so gut, „den­noch“, be­tont Wie­der­mann-schmidt, „ist es wei­ter­hin wich­tig, auf die Dur­ch­imp­fungs­ra­ten zu ach­ten.“Und das funk­tio­nie­re nur, wenn al­le mit­ma­chen. In­di­vi­dua­li­sier­te Imp­fun­gen ste­hen al­so kei­nes­wegs in Kon­kur­renz zum so ge­nann­ten „Her­den­schutz“. Dar­un­ter ver­steht man das Ziel, die Über­tra­gung von Krank­heits­er­re­gern von Mensch zu Mensch zu ver­hin­dern oder zu­min­dest so weit in den Griff zu be­kom­men, dass auch nicht im­mu­ni­sier­te Per­so­nen ge­schützt sind.

Ex­per­ten war­nen da­vor, in­di­vi­dua­li­sier­te Impf­stra­te­gi­en als Frei­brief zu se­hen und sich nicht, be­zie­hungs­wei­se nur ge­gen Krank­hei­ten zu imp­fen, die für ei­nen selbst re­le­vant er­schei­nen – et­wa ge­gen FS­ME. „Her­den­im­mu­ni­tät ist nach wie vor ei­nes der wich­tigs­ten volks­ge­sund­heit­li­chen Zie­le. Die El­tern sol­len et­wa bes­ser in­for­miert wer­den, dass es ein kos­ten­lo­ses Kin­derimpf­pro­gramm gibt, da­mit nicht an den fal­schen Stel­len ge­spart wird“, so Chris­tia­ne Dr­uml vom UNESCO Lehr­stuhl für Bio­ethik an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien.

„Vor al­lem bei Schul­kin­dern, Ju­gend­li­chen und Er­wach­se­nen wer­den Nach­fol­ge­imp­fun­gen oft ver­nach­läs­sigt. Nur die we­nigs­ten wis­sen, dass man die Imp­fung ge­gen Keuch­hus­ten, ge­mein­sam mit Te­ta­nus, Diph­the­rie und Po­lio, al­le zehn Jah­re auf­fri­schen soll­te“, sagt Wie­der­mann-schmidt. Sie er­klärt die Impf­mü­dig­keit der Er­wach­se­nen da­mit, dass „Kin­der­krank­hei­ten“häu­fig als harm­los ab­ge­tan wer­den.

Im Jahr 2015 wur­den in Ös­ter­reich 309 Ma­sern­er­kran­kun­gen re­gis­triert, drei Vier­tel der Be­trof­fe­nen wa­ren nicht im­mu­ni­siert, dar­un­ter auch Ge­sund­heits­per­so­nal. „Hier ist es ei­ne ethi­sche Ver­pflich­tung, zu schau­en, dass Per­so­nen aus dem Ge­sund­heits­we­sen sich imp­fen las­sen. Lo­gis­tisch ge­se­hen müs­sen hier ein­heit­li­che Vor­ge­hens­wei­sen um­ge-

„Die El­tern sol­len bes­ser in­for­miert wer­den, dass es ein kos­ten­lo­ses Kin­derimpf­pro­gramm gibt, da­mit nicht an den fal­schen Stel­len ge­spart wird.“Chris­tia­ne Dr­uml vom Unesco-lehr­stuhl für Bio­ethik an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien

setzt wer­den“, be­tont Wie­der­mann­schmidt. Für sie wä­ren da­her Impf­sta­tus­kon­trol­len und Vor­ga­ben schon beim Be­rufs­ein­tritt vor­stell­bar.

Die Ex­per­tin sieht Lö­sungs­an­sät­ze für ver­bes­ser­te Dur­ch­imp­fungs­ra­ten in ers­ter Li­nie dar­in, dass sich Ärz­te und Ge­sund­heits­per­so­nal mehr Zeit neh­men, um ih­re Pa­ti­en­ten auf­zu­klä­ren und an­de­rer­seits in ei­nem leich­te­ren Zu­gäng­lich­keit zu den Imp­fun­gen: „Es ist im­mer noch ei­ne Hemm­schwel­le, als ge­sun­der Mensch zum Arzt zu ge­hen. Man soll­te des­halb neue und nie­der­schwel­li­ge Zu­gän­ge zu Imp­fun­gen schaf­fen, am Ar­beits­platz oder auch in Apo­the­ken. So wä­ren die­se ge­ra­de für Be­rufs­tä­ti­ge auch nicht mit ei­nem gro­ßen Zeit­ver­lust ver­bun­den.“Denn die Leid­tra­gen­den sind nicht im­mer nur je­ne, die die Er­re­ger wei­ter­lei­ten, son­dern Men­schen mit ei­nem ge­schwäch­ten Im­mun­sys­tem, die (noch) nicht ge­impft wer­den kön­nen und so das er­höh­te Ri­si­ko ha­ben an­ge­steckt zu wer­den. „Ich se­he es frei nach dem Mot­to der drei Mus­ke­tie­re: Ei­ner für al­le, al­le für ei­nen“, so Chris­tia­ne Dr­uml.

Das En­de von „ei­ne Imp­fung für al­le“be­deu­tet in­di­vi­du­el­le Lö­sun­gen für Men­schen mit schwä­che­rem Im­mun­sys­tem

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